{"id":832,"date":"2014-01-12T13:26:54","date_gmt":"2014-01-12T13:26:54","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/john-eliot-gardiners-sicht-auf-robert-schumann\/"},"modified":"2014-01-12T13:26:54","modified_gmt":"2014-01-12T13:26:54","slug":"john-eliot-gardiners-sicht-auf-robert-schumann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/john-eliot-gardiners-sicht-auf-robert-schumann\/","title":{"rendered":"John Eliot Gardiners Sicht auf Robert Schumann"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> 19.10.2010 &#8212; <strong>Auftakt zur Konzertreihe Migros Kulturprozent Classics 2010\/11 im Luzerner KKL mit John Eliot Gardiners Orchestre Revolutionnaire et Romantique, dem Geiger Thomas Zehetmair und dem jungen Schweizer Cellisten Christian Polt\u00e9ra.<\/strong><\/p>\n<p> Das ist nat\u00fcrlich purer Zufall: dass John Eliot Gardiners Orchestre Revolutionnaire et Romantique in Luzern ausgerechnet an einem 18. Oktober Brahms\u2019 Doppelkonzert f\u00fcr Violine und Cello auf die KKL-B\u00fchne gebracht hat, exakt 123 Jahre nach der Urauff\u00fchrung. Das Werk, das Brahms notabene in Thun zu Papier gebracht hat, ist am 18. Oktober 1887 vom Geiger Joseph Joachim und dem Cellisten Robert Hausmann in K\u00f6ln aus der Taufe gehoben worden.<\/p>\n<p> Es ist, anders als die Formtradition im ersten Moment vermuten liesse, kein freundschaftlicher musikalischer Wettstreit zweier Streicher, sondern ein Konzert f\u00fcr eine Art Riesengeige, deren Aufgaben \u2013 um den grossen Tonumfang zu erreichen \u2013 sich auf zwei Spieler verteilt.<\/p>\n<p> Die Konzertreihe Migros Kulturprozent Classics will Musikliebhabern quer durch die ganze Schweiz Begegnungen mit \u00abnationalen und internationalen Spitzenorchestern mit ber\u00fchmten Dirigenten und renommierten Solisten zu moderaten Preisen\u00bb erm\u00f6glichen. Dabei sollen Schweizer Musiktalente die einmalige Chance erhalten, sich f\u00fcr Gr\u00f6sseres zu empfehlen.<\/p>\n<p> Da ist also als \u00abSchweizer Talent\u00bb der junge Pergamenschikow-Sch\u00fcler Christian Polt\u00e9ra am Cello an der Seite des renommierten Geigers Thomas Zehetmair mit Brahms ins Rennen geschickt worden.<\/p>\n<p> Das wirkt im ersten Moment bestechend, weil es die beiden Solisten eben automatisch partnerschaftlich eng verbindet und damit aufs gleiche Niveau hebt. Polt\u00e9ra hat das Arrangement allerdings kaum Gelegenheit gegeben, sich autonom ins beste Licht zu r\u00fccken, weil er \u2013 sozuagen als Unterleib eines imaginierten Superinstrumentes \u2013 eher etwas im Hintergrund geblieben ist.<\/p>\n<p> Die Solistenkombination f\u00fcr das Brahms-Konzert ist nicht das einzige, was an dem Abend speziell interessiert hat. Im Schumann-Jahr 2010 hat die Migros-Konzertreihe n\u00e4mlich auch mit der Wahl des Orchesters seiner ersten Tournee einen Glanzpunkt gesetzt. Es hat bereits vor zw\u00f6lf Jahren mit seinem charismatischen Leiter alle Sinfonien Schumanns eingespielt und dabei Massst\u00e4be einer neuen Sicht auf den Romantiker gesetzt (damals noch f\u00fcr die Deutsche Grammophon, der Gardiner sp\u00e4ter wegen eines ambiti\u00f6sen Bach-Projektes den R\u00fccken kehrte und sein eigenes Label Soli Deo Gloria gr\u00fcndete). <\/p>\n<p> Mit den Einspielungen strafte Gardiner alle Vorurteile endg\u00fcltig L\u00fcgen, Schumanns Orchestrierungen seien verbesserungsbed\u00fcrftig. Er verschlankte den in der Regel schweren und beh\u00e4bigen Schumann-Ton deutscher Orchester in der \u00dcberzeugung, Schumann h\u00e4tte in Leipzig mit dem damaligen Gewandhausorchester einen kleinen und wendigen Klangk\u00f6rper zur Verf\u00fcgung gehabt und entsprechend instrumentiert. Auf seine dritte Sinfonie, die \u00abRheinische\u00bb trifft dies allerdings nicht zu. Sie ist in D\u00fcsseldorf entstanden, wo dem Komponisten mit den damaligen D\u00fcsseldorfer Symphonikern ein opulenteres Ensemble zur Verf\u00fcgung stand.<\/p>\n<p> Das heutige Gewandhausorchester Leipzig hat dieses Jahr anl\u00e4sslich des Lucerne Festivals bereits Mahlers Bearbeitungen von Schumanns zweiter und vierter Sinfonie zur Diskussion gestellt; nun konnte man sich auch von den Resultaten des \u00abhistorisch informierten\u00bb Musizierens am Beispiel der dritten am lebenden Objekt einen Eindruck machen.<\/p>\n<p> Vor Gardiner hatte sich bereits Harnoncourt an eine solche Lesart gemacht, allerdings ein weniger \u00fcberzeugendes Resultat erreicht als der britische Kollege. David Zinman hat mit dem Z\u00fcrcher Tonhalle-Orchester etwas sp\u00e4ter \u00fcbrigens eine nicht minder g\u00fcltige, eigene Form gefunden, die Sinfonien sensibel und transparent mit innerem Leben zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p> Die Wiedergabe der \u00abRheinischen\u00bb durch das Orchestre Revolutionnaire et Romantique in Luzern war im Detail fein gearbeitet, energetisch aufgeladen, hatte Zug und die richtige Balance aus Durchh\u00f6rbarkeit und Schmelzklang, wie er Schumann vermutlich vorgeschwebt hatte.<\/p>\n<p> Bewundern konnte man da stark besetzte, gleissende Naturh\u00f6rner (dass die Dinger \u00fcberaus schwer zu spielen sind, machte ein atmosph\u00e4rent\u00f6tender Patzer zu Ende des zweiten Satzes des Brahms-Konzertes offensichtlich). Ab und zu gab es kleinere rhythmische Ausgleichsprobleme zwischen den Registern, \u00fcber alles bot das Orchester aber eine mitreissende, begeisternde Wiedergabe, die Schumann eher als Erben der Klassiker, denn als Vorreiter Bruckners zelebrierte. <\/p>\n<p> Etwas weniger nat\u00fcrlich schien sich die Zusammenarbeit von Orchester und Solisten im Brahms-Konzert zu ergeben. Die pr\u00e4zise, druckvoll-transparente angels\u00e4chsische Lesart Gardiners und Zehetmairs eher dunkel-impulsive und romantische Ann\u00e4herung schienen nicht recht zusammenzufinden. Wohl liess sich da ein nat\u00fcrliches Verschmelzen von Sologeige und -cello bewundern, Zehetmair blieb aber (aus welchen Gr\u00fcnden auch immer) in Intonation und Artikulation immer wieder im Ungef\u00e4hren bis Diskordanten und Polt\u00e9ra damit aufgerieben zwischen den Lesarten.<\/p>\n<p> Solisten und Orchester hatten das gleiche Programm Tage zuvor bereits in K\u00f6ln und Turin gespielt. An mangelnder gemeinsamer Spielpraxis d\u00fcrfte es demnach nicht gelegen haben. Vielleicht h\u00e4tte etwas mehr kammermusikalischer Geist und orchestrale Zur\u00fcckhaltung im Orchester Abhilfe geschaffen. <\/p>\n<p> Dass Zehetmair ein exzellenter Lyriker ist, zeigte er in dem als Zugabe dargebotenen langsamen Satz aus Schumanns Violinkonzert, f\u00fcr den sich Polt\u00e9ra zu den Orchestercelli gesellte. Ein wunderbarer Ausklang eines h\u00f6chst anregenden Abends. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">Migros Kulturprozent Classics, Tournee I, Orchestre R\u00e9volutionnaire et Romantique, Sir John Eliot Gardiner (Leitung), Thomas Zehetmair (Violine), Christian Polt\u00e9ra (Violoncello, Schweizer Solist), Robert Schumann: Manfred-Ouvert\u00fcre op.115, Sinfonie Nr.4 \u00abRheinische\u00bb op.91. Johannes Brahms: Doppelkonzert f\u00fcr Violine und Violoncello op. 102.<br \/> <strong>Weitere Auff\u00fchrungen:<\/strong> Genf, Victoria Hall (19. Oktober 2010), Bern Kultur Casino (20. Oktober 2010), Z\u00fcrich, Tonhalle (22. Oktober 2010). <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19.10.2010 &#8212; Auftakt zur Konzertreihe Migros Kulturprozent Classics 2010\/11 im Luzerner KKL mit John Eliot Gardiners Orchestre Revolutionnaire et Romantique,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-832","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ereignisbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/832","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=832"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/832\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=832"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=832"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=832"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}