{"id":835,"date":"2014-01-12T13:28:36","date_gmt":"2014-01-12T13:28:36","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/kampf-der-choere-im-schweizer-fernsehen\/"},"modified":"2014-01-12T13:28:36","modified_gmt":"2014-01-12T13:28:36","slug":"kampf-der-choere-im-schweizer-fernsehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/kampf-der-choere-im-schweizer-fernsehen\/","title":{"rendered":"\u00abKampf der Ch\u00f6re\u00bb im Schweizer Fernsehen"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> 29.11.2010 &#8212; <strong>Acht prominente Schweizer Musiker haben mit selber gecasteten Ch\u00f6ren in der neuen Fernseh-Show \u00abKampf der Ch\u00f6re\u00bb um den Sieg gek\u00e4mpft. In sechs live aus der Bodensee-Arena in Kreuzlingen ausgestrahlten Shows sind sie mit Hits aus allen Jahrzehnten gegeneinander angetreten.<\/strong><\/p>\n<p> Die Deutschfreiburger haben gewonnen. Oder <em>der<\/em> Deutschfreiburger? Gustav mit \u00abu\u00bb, nicht mit \u00ab\u00fc\u00bb \u2013 franz\u00f6sisch \u2013 ausgesprochen. Gustav kommt zwar aus einem zweisprachigen Br\u00fcckenkanton, hatte aber gem\u00e4ss Selbstdeklaration auch bloss zwei Quotenwelsche im Chor. <\/p>\n<p> Und was war das denn nun? Ein Chorwettbewerb? Der Gesang stand nicht im Vordergrund, wie in andern zur Zeit im Fernsehen beliebten Kollektivgesangs-Formaten mit Strassen-, Beschwerde- oder Gef\u00e4ngnisch\u00f6ren. Eigentlich ist das Format \u00abKampf der Ch\u00f6re\u00bb ein Arrangier- und Sympathie-Concours.<\/p>\n<p> Das Schweizer Fernsehen SF hat ihn in Zusammenarbeit mit der deutschen Produktionsfirma Shine Germany enwickelt, die sonst f\u00fcrs Privatfernsehen Ignoranten-Serien wie \u00abDas Tier in mir\u00bb, \u00abGeneration Ahnungslos\u00bb oder \u00abDie perfekte Minute\u00bb realisiert. \u00abKampf der Ch\u00f6re\u00bb basiert auf \u00abClash of the Choirs\u00bb, das in den USA, Schweden und Spanien bereits gelaufen ist. Und genauso f\u00fchlt es sich auch an. <\/p>\n<p> Das Schweizer Fernsehen hat \u2013 aus Kostengr\u00fcnden \u2013 schon einige andere Formate aus dem Ausland \u00fcbernommen, unter anderem von der ber\u00fcchtigten Endemol (Big Brother, Deal or No Deal, 1 gegen 100&#8230;). Mit \u00abKampf der Ch\u00f6re\u00bb ist der Sender nun aber einen Schritt weiter gegangen. Das Chorwesen hat, anders als Randexistenzen in Containern, Zocker oder Besserwisser in der Schweiz eine lange politisch und gesellschaftlich bedeutende Tradition.<\/p>\n<p> Die acht zwanzigk\u00f6pfigen Ch\u00f6re standen nicht im Vordergrund. Aber auch der Kampf im Grunde genommen nicht. Offensichtlich wurde darauf geachtet, m\u00f6glichst viele Identifikationsm\u00f6glichkeiten, das heisst eine breite Palette an Stilen, Generationen und Regionen, zu pr\u00e4sentieren. Vergleichbarkeit war da nicht gegeben.<\/p>\n<p> Die Ch\u00f6re stellten sich auch nicht einer fachlichen Jury, sondern einem Publikumsurteil, das auf die Ensembles wie ein Gottesgericht ohne nachvollziehbare Kriterien des Entscheidens wirken musste und auch die Zuschauer im Fernsehsessel eher ratlos liess. <\/p>\n<p> Wenig erstaunlich also, ging\u2019s manchmal zu und her wie in einer Erweckungskirche, wo sich alle toll und grossartig finden und ja soooo emotional sind, so etwas im Leben noch nie erfahren haben und das nie mehr missen m\u00f6chten und so weiter.<\/p>\n<p> Emotionen entstanden da nicht als Resultat von Talent, Fleiss und Siegerwille; sie wurden hochgeputscht \u2013 vor allem in der Verk\u00fcndigung der Publikumsentscheide. Tr\u00e4nen im Grossformat, um der R\u00fchrung willen, ohne dass nachvollziehbar w\u00e4re, weshalb wer \u00fcber die Klinge springen muss. Das sind typische Zeichen der Dekadenz. <\/p>\n<p> Das Ritual mutete mit der Zeit erm\u00fcdend an und sorgte vor allem in der Finalsendung f\u00fcr einen Einbruch der Spannung. Irgendwie hatte man\u2019s gesehen und begriffen, ohne hineingenommen zu werden und mitfachsimpeln und urteilen zu k\u00f6nnen. So richtig wohl schien es dabei auch den versammelten Chorleitern auf dem langen Kanapee nicht zu sein. Sie zeigten zumindest in der Schlusssendung den Willen, das Format subversiv zu unterlaufen und Ans\u00e4tze zur Kritik zu zeigen (\u00abWar jetzt nicht gerade deine st\u00e4rkste Nummer\u00bb). <\/p>\n<p> Es gibt auch Gutes zu berichten: Die <em>Performances<\/em> waren ausnahmslos unterhaltend, professionell gemacht, vielf\u00e4ltig und originell, und im Grunde genommen hat mit Gustav der richtige, n\u00e4mlich der am ehesten noch schr\u00e4ge, mutige und \u00fcberraschende Chorleiter gewonnen.<\/p>\n<p> Bloss einmal wagte es ein Chor (derjenige der Operns\u00e4ngerin No\u00ebmi Nadelmann mit einem achtstimmigen \u00abSomewhere Over The Rainbow\u00bb), a capella die vokale Leistung in den Vordergrund zu r\u00fccken; sofort zeigte sich, wo die Grenzen solcher schnell hochgefahrener Laienensembles liegen. <\/p>\n<p> Wenn man streng sein will, k\u00f6nnte man daf\u00fcr argumentieren, dass das Schweizer Fernsehen mit dem \u00abKampf der Ch\u00f6re\u00bb seinen staatspolitischen Service-Public-Auftrag unterminiert und sein Publikum nicht ernst genommen hat.<\/p>\n<p> Das Chorwesen ist in der Schweiz \u2013 zusammen mit den Harmoniemusiken, dem Turnverein und der freiwilligen Feuerwehr \u2013 eine tragende S\u00e4ule des gesellschaftlichen und regionalen Zusammenhaltes. Die Dorf-, Quartier-, Kirchen- und Firmench\u00f6re pflegen eine hochstehende musikalische Laienkultur und sind es gewohnt, sich an S\u00e4ngerfesten Beurteilung und Wettbewerb zu stellen. <\/p>\n<p> Dabei geht es in der Regel auch hoch emotional zu und her, sei es, weil monatelang auf einen Auftritt hingearbeitet wird und ein \u00absehr gut\u00bb oder \u00abvorz\u00fcglich\u00bb in der Expertenbeurteilung f\u00fcr ein Ensemble eine hohe Bedeutung hat. Ch\u00f6re (und Dirigenten), die sich ungerecht behandelt f\u00fchlen, k\u00f6nnen viel Energie in Proteste und Diskussionen stecken. <\/p>\n<p> Spannung baut sich an solchen S\u00e4ngertreffen gem\u00e4chlich auf, mit Phasen der Ruhe, der Anspannung, mit Pausen und seltenen H\u00f6hepunkten. Dieser Art der authentischen Erfahrung von Emotionalit\u00e4t und Ereignishaftigkeit traut ein Format wie \u00abKampf der Ch\u00f6re\u00bb offenbar nicht. Das \u00fcberspannt anmutende, st\u00e4ndig unter Hochdruck laufende Spektakel entwertet die historisch gewachsene Chorkultur. <\/p>\n<p> M\u00f6glich, dass die Programm-Macher davon ausgehen, dem Zuschauer m\u00fcsse etwas geboten werden, damit er nicht den Kanal wechselt. Das ist ein Irrtum. Man nehme bloss zur Kenntnis, wie in Sport\u00fcbertragungen, etwa eines Leichtathletik-Meetings, eines Tennis-Matches oder eines Skirennens, Spannung und Aufmerksamkeit dramaturgisch gehandhabt werden: Diese Art entspannter Partnerschaft mit dem Publikum w\u00fcnschte man sich auch von einem TV-Chorwettbewerb. <\/p>\n<p> Aufnehmen m\u00fcsste man da die Elemente der Chorkultur: die Fahnen und Ehrungen, Gesamtch\u00f6re, Wettbewerbsst\u00fccke und den Volksfestcharakter. Mit andern Formaten wie \u00abSF bi de L\u00fct\u00bb, \u00abVereinsgeschichten\u00bb oder \u00abLandfrauenk\u00fcche\u00bb, die zum Teil erfolgreich exportiert werden konnten, ist das dem Schweizer Fernsehen recht gut gelungen.<\/p>\n<p> \u00abKampf der Ch\u00f6re\u00bb ist demgegen\u00fcber ein k\u00fcnstlich aufoktroyiertes Format, das die Gesangstradition in der Schweiz eher entwertet als respektvoll aufnimmt und vitalisiert. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">Kampf der Ch\u00f6re, Serie auf SF 1, jeweils sonntagabends, 24. Oktober bis 28. November 2010; als Chorleiter amteten Fabienne Louves, Gustav, Maja Brunner, Michael von der Heide, No\u00ebmi Nadelmann, Padi Bernhard, Sandee und St\u00e4mpf. <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>29.11.2010 &#8212; Acht prominente Schweizer Musiker haben mit selber gecasteten Ch\u00f6ren in der neuen Fernseh-Show \u00abKampf der Ch\u00f6re\u00bb um den&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"class_list":["post-835","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-filmbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/835","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=835"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/835\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=835"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=835"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=835"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}