{"id":836,"date":"2014-01-12T13:29:08","date_gmt":"2014-01-12T13:29:08","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/neujahr-beim-berner-symphonie-orchester\/"},"modified":"2014-01-12T13:29:08","modified_gmt":"2014-01-12T13:29:08","slug":"neujahr-beim-berner-symphonie-orchester","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/neujahr-beim-berner-symphonie-orchester\/","title":{"rendered":"Neujahr beim Berner Symphonie Orchester"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> 05.01.2011 &#8212; <strong>Ein \u00abRussisches Winterm\u00e4rchen\u00bb erz\u00e4hlten am 2. Januar das Berner Symphonie Orchester, sein fr\u00fcherer Chefdirigent Andrey Boreyko, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und das Moscow Art Trio im restlos ausverkauften Berner Kultur-Casino. Solche Neujahrskonzerte haben Konjunktur und stehen f\u00fcr ein neues Paradigma der Konzertkultur.<\/strong><\/p>\n<p> Neujahrskonzerte st\u00e4dtischer Sinfonieorchester haben Konjunktur. Ihre Popularit\u00e4t kann als Indikator f\u00fcr einen tiefgreifenden Wandel in der b\u00fcrgerlichen Musikkultur betrachtet werden. Seit Jahrzehnten bildet das Abonnementskonzert das R\u00fcckgrat des Konzertlebens. Die Abonnenten sorgen f\u00fcr stabile Auslastungen der S\u00e4le. Das Konzertabo geh\u00f6rt f\u00fcr den Bildungsb\u00fcrger buchst\u00e4blich zum guten Ton.<\/p>\n<p> Das System hat St\u00e4rken und Schw\u00e4chen: Die regelm\u00e4ssigen Konzertbesuche \u2013 manchmal auch bloss aus Gewohnheit oder Pflichtgef\u00fchl \u2013 schulen den musikalischen Geschmack, st\u00e4rken das Hintergrundwissen des Publikums, das etwa k\u00fcnstlerische Entwicklungen von Dirigenten und Solisten \u00fcber Jahre mitverfolgt, und f\u00fchren dazu, dass modische Aufgeregtheiten nicht allzu grosses Gewicht erhalten. Man geht ins Konzert, weil\u2019s halt einfach mal wieder <em>der<\/em> Donnerstag oder Freitag ist.<\/p>\n<p> Das klassische Abonnenten-Publikum ist heute allerdings \u00fcberaltert, neue Konzertraditionen m\u00fcssen sich einspielen, um die Einrichtung der hochsubventionierten Kulturrepr\u00e4sentanten zu tragen. Sie k\u00f6nnen weniger als die typischen Abo-Reihen der Nachkriegszeit auf ein kompetentes, repertoiresicheres Publikum z\u00e4hlen, das Furtw\u00e4ngler-Einfl\u00fcsse in der Interpretation einer Beethoven-Sinfonie noch erkennt oder merkt, ob ein Chefdirigent gerade gut drauf ist oder eine k\u00fcnstlerische Krise durchlebt.<\/p>\n<p> Der Abbau der Expertenkultur, die auch im schulischen Musikunterricht nicht mehr aufgebaut wird, ist bedauernswert, bringt aber auch Chancen mit sich: Das zuk\u00fcnftige Publikum ist m\u00f6glicherweise weniger kritisch und leidenschaftlich in der Verehrung einzelner K\u00fcnstler oder interpretatorischer Schulen, daf\u00fcr aber auch entspannter, kulinarischer und offener f\u00fcr Neues.<\/p>\n<p> Das Abonnementskonzert als Leitereignis des Konzertlebens d\u00fcrfte durch jahreszeitliche Glanzpunkte abgel\u00f6st werden. Ein herausragender ist zweifelsohne das Neujahrskonzert, weitere Daten gruppieren sich um traditionelle kirchliche Feiertage wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten, und eventuell um Schnittstellen im gesellschaftlichen Jahresrhythmus wie Ferienbeginn und \u2013ende aber auch lokale Grossereignisse wie Fasnacht oder Messen.<\/p>\n<p> In einer Bundesstadt wie Bern w\u00e4ren auch parlamentarischer Sessionsbeginn und -ende, Nationalfeiertage (auch solche eng befreundeter Staaten) oder gar Wahl- und Abstimmungstermine als Konzertmotoren denkbar, warum nicht? Schon immer und \u00fcberall dienten Musiker im Solde von Staaten oder Herrschern dazu, \u00f6ffentlichen Akten festlichen Glanz zu verleihen.<\/p>\n<p> Das Berner Symphonieorchester hat in den letzten Jahren eine Neujahrskonzerttradition mit grossem Erfolg etabliert. Vor einem Jahr war der Anlass restlos ausverkauft, heuer ebenso, und die Billette f\u00fcr 2012 d\u00fcrften vermutlich ebenso schnell weggehen: Auf dem Programm steht in zw\u00f6lf Monaten Beethovens 9. Sinfonie, mit G\u00fcnther Herbig, den die Berner speziell ins Herz geschlossen haben, als Dirigent und dem Oratorien-Chor Bern. Die Einladung an den Botschafter der Europ\u00e4ischen Union (und weitere EU-Botschafter?) d\u00fcrfte Pflicht sein, geht\u2019s da doch um die Europahymne. <\/p>\n<p> Auch im diesj\u00e4hrigen Neujahrskonzert spielte der Dirigent eine besondere Rolle: Noch einmal ist der vor wenigen Monaten verabschiedete fr\u00fchere Chefdirigent Andrey Boreyko ans Berner Pult zur\u00fcckgekehrt. Naheliegenderweise gab\u2019s ein russisches Programm \u2013 auch das paradigmatisch f\u00fcr den Wandel: Die Werkfolge spiegelte in der Struktur noch die traditionelle Gruppierung eines Abonnementskonzertes mit der Trias Ouvert\u00fcre, Konzert und Sinfonie, zeigte aber auch Elemente eines typisch neuen Programmverst\u00e4ndnisses: \u00d6ffnung gegen\u00fcber andern Genres (in diesem Fall Folkore und Jazz) thematische Klammern (in diesem Fall \u00abRussische Winterm\u00e4rchen\u00bb), eine unterhaltsame Moderation durch den Orchesterdirektor Matthias Gawriloff und Interpreten, die f\u00fcr eine neue Art der Imagepflege stehen. <\/p>\n<p> Letzteres repr\u00e4sentierte vor allem die in Bern wohnhafte Geigerin Patricia Kopatchinskaja, die neben einer Phantasie \u00fcber Themen aus Rimsky-Korsakows Oper <em>Der goldene Hahn<\/em> aus der Feder Georgi Swiridows Tschaikowskys Valse-Scherzo op. 34 darbrachte, in ungeduldig vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngender Art mit schroffen, fahlen oder sonstwie \u00fcberraschenden Kl\u00e4ngen durchsetzt \u2013 eine sehr pers\u00f6nliche, in der eleganten Umh\u00fcllung des St\u00fcckes eher sperrige Sicht-, respektive H\u00f6rweise.<\/p>\n<p> Derart eigensinnige und kantige Musikerinnen und Musiker, die sich auch mit einer speziellen biografischen oder \u00e4sthetischen Fama ins \u00f6ffentliche Bewusstsein arbeiten \u2013 zu ihnen geh\u00f6rt etwa auch die Pianistin H\u00e9l\u00e8ne Grimaud \u2013 finden zur Zeit viel Beachtung. Sie bringen in die etwas m\u00fcde und selbstgef\u00e4llig gewordene Klassikszene wohltuende Unruhe; ob sie auch musikalisch richtungweisende neue Impulse zu geben verm\u00f6gen, das wird sich noch zeigen m\u00fcssen. <\/p>\n<p> Neben der Geigerin pr\u00e4sentierte sich auch das Moscow Art Trio in der originellen Besetzung mit Klavier, Gesang und Horn auf der B\u00fchne des Berner Kultur-Casinos. Sein Hornist Arkady Shilkloper ist f\u00fcr das Schweizer Publikum kein Unbekannter: F\u00fcr das Label Musiques Suisses hat er unter dem Titel \u00abZum Gipfel und zur\u00fcck\u00bb vor rund zwei Jahren neue Kompositionen f\u00fcr Alphorn eingespielt (siehe Codex-flores-<a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=433\">Rezension<\/a>). Eigenes steuerte diesmal der Pianist Mikhail Alperin bei: zwei Nummern aus einer Suite mit \u00abVillage Variations\u00bb, deren Entstehung Andrey Boreyko einst h\u00f6chstpers\u00f6nlich angeregt hatte. <\/p>\n<p> Sergey Sarostin, der S\u00e4nger des Trios, hat zu den Weite, Kraft und grossen Atem evozierenden fokloristischen Bildern Texte geschrieben. Der Orchesterpart ist von erdiger, tiefer, ruhig schwingender Einstimmigkeit gepr\u00e4gt, \u00fcber die sich elegische Melodien der Solisten aufschwingen. Da offenbarte sich die zugleich pr\u00e4zise und k\u00f6rperliche-warme Klangsinnlichkeit, die sich das Berner Symphonie Orchester in der Arbeit mit Boreyko angeeignet hat. Nikolaj Rimsky Korsakows Symphonische Suite \u00abScheherazade\u00bb, die das Programm abrundete, wurde da zum reinsten H\u00f6rvergn\u00fcgen. <\/p>\n<p> Neujahrskonzerte sind ein Erfolgsmodell. Und die Abonnemente? Sie werden f\u00fcr die st\u00e4dtischen Sinfonieorchester ihre Funktion als bedeutendes Mittel dessen, was man heute neudeutsch als \u00abAudience Development\u00bb bezeichnet, nicht verlieren. Sie sorgen f\u00fcr Kontinuit\u00e4t, Planbarkeit der Einnahmen und emotionale Bindung der Konzertbesucher an <em>ihr<\/em> Ensemble. Den neuen Gewohnheiten werden sie sich aber anpassen m\u00fcssen. Verstanden hat dies etwa das Aargauer Symphonie Orchester, das seine Familien-. Pops- und Neujahrskonzerte in einer B-Abo-Reihe b\u00fcndelt. Die Strategie d\u00fcrfte Zukunft haben. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">\u00abRussische Winterm\u00e4rchen\u00bb, Neujahrskonzert des Berner Symphonie Orchesters, 2. Januar 2011, Kultur-Casino Bern, Andrey Boreyko (Dirigent), Patricia Kopatchinskaja (Violine), Moscow Art Trio, Matthias Gawriloff (Moderation). <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>05.01.2011 &#8212; Ein \u00abRussisches Winterm\u00e4rchen\u00bb erz\u00e4hlten am 2. 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