{"id":841,"date":"2014-01-12T13:31:23","date_gmt":"2014-01-12T13:31:23","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/das-london-symphony-orchestra-in-bern\/"},"modified":"2014-01-12T13:31:23","modified_gmt":"2014-01-12T13:31:23","slug":"das-london-symphony-orchestra-in-bern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/das-london-symphony-orchestra-in-bern\/","title":{"rendered":"Das London Symphony Orchestra in Bern"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">18.05.2011 &#8212; Alles kam da etwas anders als vorgesehen: Vor dem Auftritt des London Symphony Orchestra (LSO) in Bern im Rahmen der Migros Kulturprozent Classics trat Mischa Damev, der Intendant der Konzertreihe, vor das Publikum. Er erkl\u00e4rte, der Solist des Abends, der Schweizer Oboist Emanuel Abb\u00fchl (selber ein Mitglied des LSO), habe sich eine Stunde vor dem Auftritt unwohl gef\u00fchlt und habe notfallm\u00e4ssig den Arzt konsultieren m\u00fcssen. Derart kurzfristig das Programm umzustellen, ist fast ein Ding der Unm\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p> So entschieden sich der Dirigent Valery Gergiev und seine Mitstreiter, anstelle des vorgesehenen Oboenkonzertes KV 314 von Mozart zwischen Schtschedrins Konzert f\u00fcr Orchester Nr. 1 und Tschaikowskys dritter Sinfonie das Adagio-Fragment aus Mahlers unvollendeter zehnter Sinfonie zu schieben \u2013 am Vorabend zum 100. Todestag des Komponisten auf den ersten Blick keine schlechte Idee.<\/p>\n<p> Die Programm-Umstellung hatte allerdings unvorhersehbare Folgen. Zum einen prallten mit Schtschedrins schrillem Konzert und dem abgr\u00fcndigen Mahler-Adagio unvereinbare Welten aufeinander: In dem rund achtmin\u00fctigen satirischen St\u00fcck des Russen erh\u00e4lt man den Eindruck, die Musik Strawinskys, Schostakowitsch oder gar Bernsteins werde erbarmungslos geschreddert und moderne Spieltechniken auf Korn genommen wie weiland Mozart sich in seinem \u00abMusikalischen Spass\u00bb \u00fcber seine Kollegen lustig machte. <\/p>\n<p> Das begann mit einem vorlauten Walking Bass, sp\u00e4ter h\u00e4mmerte zwischendurch ein Klavier auch schon mal eine stupide Begleitung, gegen die sich Alberti-B\u00e4sse direkt geistreich ausnahmen, Bl\u00e4ser und Schlagzeug persiflierten Jazz- und Volksmusik-Klischees und alle f\u00fchlten sich pr\u00e4chtig unterhalten.<\/p>\n<p> Dann wurde das 20. Jahrhundert allerdings von hinten aufgerollt. In tiefsten Ernst und grosser Geste zeugt das Adagio Mahlers von der Todesn\u00e4he seines Sch\u00f6pfers. Es warf einen relativierenden Schatten zur\u00fcck auf Schtschedrins bissige Komponisten-Klatsche. Zehn Celli, acht Kontrab\u00e4sse und \u00fcppige Diskant-Stimmen in den Streichern entfesselten die aufb\u00e4umende Energie des Fragmentes, das Pierre Boulez einmal als zukunftsweisend und \u00abRes\u00fcmee all dessen\u00bb bezeichnet hat, \u00abwas Mahler zuvor komponiert hat\u00bb. <\/p>\n<p> Zum Ereignis des Abends wurde also das Orchester: Und was f\u00fcr eines! Mit welcher Pr\u00e4zision und Genauigkeit in Dynamik und Intonation da trotz Klangf\u00fclle und organischer Durchdringung der Partitur musiziert wurde! Keine Pizzicati \u2013 etwa im Ausklang des Zweiten Satzes der Tschaikowsky-Sinfonie \u2013 verwackelt, die Tempo\u00e4nderungen bewundernswert nat\u00fcrlich, schl\u00fcssig, notentreu und organisch, als w\u00e4r\u2019s das Einfachste der Welt. Und ein Klang, f\u00fcr den der voll besetzte Casino-Saal in Bern fast zu klein schien. <\/p>\n<p> Das Fehlen des solistischen Konzertes mit einem Exponenten aus den eigenen Reihen richtete den Schweinwerfer auch auf die andern Solisten im Orchester, allesamt K\u00f6nner und K\u00f6nnerinnen ersten Ranges. Am Schluss wurde da auch noch kr\u00e4ftig auf die Tuba gedr\u00fcckt \u2013 im Schlusssatz der Sinfonie, den Tschaikowskys Komponisten-Kollege C\u00e9sar Cui und andere Zeitgenossen zu ihrer Zeit als effektvoll, aber wenig einfallsreich einsch\u00e4tzten. <\/p>\n<p> Das Orchester verabschiedete sich vers\u00f6hnlich mit einem wunderbar ruhig aufbl\u00fchenden \u00abPanorama\u00bb aus Tschaikowskys Balletsuite <em>Dornr\u00f6schen<\/em>. Und Emanuel Abb\u00fchl soll es laut Mischa Damev auch schon wieder besser gehen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Tournee VI der Migros Kulturprozent Classics 2011: London Symphony Orchestra, Valery Gergiev (Leitung), Rodion Schtschedrin: Konzert f\u00fcr Orchester Nr.1, Gustav Mahler: Adagio aus der 10. Sinfonie, Peter Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 3, Kultur-Casino Bern, 17. Mai 2011. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18.05.2011 &#8212; Alles kam da etwas anders als vorgesehen: Vor dem Auftritt des London Symphony Orchestra (LSO) in Bern im&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-841","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ereignisbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=841"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/841\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}