{"id":843,"date":"2014-01-12T13:32:23","date_gmt":"2014-01-12T13:32:23","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/bergs-klaviersonate-op-1-orchestral-beleuchtet\/"},"modified":"2014-01-12T13:32:23","modified_gmt":"2014-01-12T13:32:23","slug":"bergs-klaviersonate-op-1-orchestral-beleuchtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/bergs-klaviersonate-op-1-orchestral-beleuchtet\/","title":{"rendered":"Bergs Klaviersonate op.1 orchestral beleuchtet"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><strong>13.06.2011 &#8212; Das letzte Abo-Konzert der Saison des Berner Symphonieorchesters bot Gelegenheit zu einer ungew\u00f6hnlichen H\u00f6rerfahrung von Alban Bergs Klaviersonate op. 1. Mario Venzago liess sich als neuer Chefdirigent des Ensembles \u00e4sthetisch ein wenig in die Karten blicken. Der Abend warf aber auch die Frage auf, wie lange er tats\u00e4chlich in Bern bleiben wird.<\/strong><\/p>\n<p> Man k\u00f6nnte es schon fast als eine Art subtilen subversiven Akt bezeichnen: In seiner ersten Saison als neuer Chefdirigent des Berner Symphoniorchesters leitete Mario Venzago ein als programmatischer und \u00e4sthetischer Ausblick auf sein m\u00f6gliches k\u00fcnftiges Wirken interpretierbares Programm mit einem franz\u00f6sischen Schl\u00fcsselwerk, einer Sinfonie aus der deutschen Romantik \u2013 diese Klangwelten liegen ihm besonders am Herzen \u2013 und mit einer \u00fcppigen Orchestrierung des holl\u00e4ndischen Komponisten Theo Verbey von Alban Bergs Klaviersonate op. 1. Aufgenommen hat Venzago die Bearbeitung bereits 2009 f\u00fcr das Label Chandos mit dem Gothenburg Symphony Orchestra.<\/p>\n<p> Die Berg-Sonate markiert in verschiedener Hinsicht \u00dcberg\u00e4nge: Sie kokettiert mit der Atonalit\u00e4t im Niemandsland zwischen postwagnerianischen K\u00fchnheiten aus Quartenmelodik, Ganzton-Leiter und Chromatik sowie der im Kern angelegten Reihentechnik Sch\u00f6nbergs. Zudem diente sie als Bergs erste Abschlussarbeit seiner Ausbildung beim Erfinder der Dodekafonie. <\/p>\n<p> Auch das Berner Symphonieorchester steht vor tiefgreifenden Ver\u00e4nderungen. Es muss sich nicht nur auf einen neuen Orchesterleiter einschwingen, sondern wird organisatorisch mit dem Stadttheater zusammengelegt. Die Fusion: ein durchaus schmerzhafter Prozess mit ungewissem Ausgang, der \u2013 vor allem was die sinfonische Arbeit angeht \u2013 unter m\u00f6glicherweise schwierigeren Rahmenbedingungen als bis anhin weitergef\u00fchrt wird; bislang war die absolute Musik das autonom bestimmte Hauptgesch\u00e4ft des Ensembles.<\/p>\n<p> Mit Stephan M\u00e4rki, dem Noch-Generalintendanten des Deutschen Nationaltheaters Weimar, wird der neuen Organisation \u00abKonzert Theater Bern\u00bb ein Direktor vorstehen, der bisher vor allem als Mann des Schauspiels, als Werber und Fotograf Profil gezeigt hat. Wie eng seine Beziehung zur autonomen Musikkultur sich gestalten wird, muss sich weisen.<\/p>\n<p> Fast schon subversiv wirkte die Programmierung von Bergs Klaviersonate, weil sie nach dem ber\u00fchmten Verdikt des Musikphilosophen Theodor W. Adorno Zeugnis der Meisterschaft seines Sch\u00f6pfer in der Formung kleinster \u00dcberg\u00e4nge ablegt. Die gewaltigen \u00e4sthetischen Umbr\u00fcche des 20. Jahrhunderts zeigen sich hier bloss subtil, geschmeidig, sensibel, ja beil\u00e4ufig. Das w\u00fcnschte man sich auch f\u00fcr die Neugestaltung der Zukunft des Berner Orchesters. <\/p>\n<p> Bemerkenswert war die Programmierung aber auch, weil kurz zuvor im Grossraum Bern eine weitere Instrumentierung der Klaviersonate als Schweizer Erstauff\u00fchrung zur Kenntnis genommen werden konnte: Im Rahmen des Gaia Musikfestivals brachte das Grazioso-Kammerorchester der Ungarischen Philharmonie unter der Leitung von Gergely Madaras eine Fassung f\u00fcr Viola und Streichorchester von Leonid Hoffmann zu Geh\u00f6r, mit dessen Sohn Ilya Hoffmann als Solist.<\/p>\n<p> Der 1948 in Moskau geborene Leonid Hoffmann entstammt einer direkten Linie der Alban-Berg-Tradition (sofern man von einer solchen sprechen kann), war er doch Sch\u00fcler des Berg-Z\u00f6glings Philip Herschkowitsch. Seine exzellente monochrome Orchestrierung des St\u00fcckes betont die expressiv-emphatischen Seiten des Werkes, auch mit der doppelten Zur\u00fcckverweisung auf die Sonatenform: Die im 19. Jahrhundert fussenden Wurzeln des Werkes bekr\u00e4ftigt sie durch die ebenfalls dieser Epoche verpflichtete Solistenkonzert-Form.<\/p>\n<p> Die Subtilit\u00e4ten des bergschen Tonsatzes finden in der Umsetzung durch die klanglich und dynamisch ebenfalls \u00abkleinster \u00dcbergange\u00bb f\u00e4higer Streichinstrumente stimmige F\u00fcrsprache; das ungarische Ensemble blieb der Arbeit aber auch nichts schuldig. <\/p>\n<p> Fast schon als Schock mutete da Verbeys g\u00e4nzlich anderer Zugang an \u2013 der nicht das Erbe des Werkes betont, sondern das in ihm angelegte modernistische Potential. Alleine die Holzbl\u00e4ser sind mit mehreren Fl\u00f6ten und Piccolo, zwei Oboen, Englischhorn, zwei A-Klarinetten, einer Bassklarinette, zwei Fagotti und Kontrafagott \u00fcppigst best\u00fcckt. Streicher, Schlagwerk, Harfe, H\u00f6rner, Trompeten, Posaunen und Tuba tun das ihre. Da t\u00fcrmen sich dann in der von Berg mit einem vierfachen Forte ausgezeichneten Stelle gegen Ende der Durchf\u00fchrung gewaltige Klangmassen auf. <\/p>\n<p> Venzago, der mit der Partitur bestens vertraut ist, vermochte da das Berner Symphonieorchester zu einer Sonderleistung zu animieren. Gleich darauf legte er in Maurice Ravels Liederzyklus <em>Sh\u00e9h\u00e9razade<\/em> ein weiteres Zeugnis davon ab, wohin die musikalisch-orchestrale Reise in der Bundesstadt gehen k\u00f6nnte: franz\u00f6sische Klangsensiblit\u00e4t, impressionistische Texturen, transparente Klanglicht-Gewebe.<\/p>\n<p> Die Sopranistin Rachel Harnisch, die zuletzt in Claudio Abbados halbszenischem <em>Fidelio<\/em> f\u00fcr Lucerne Festival (als Marzelline) auf der Weltb\u00fchne \u00fcberzeugte, erwies sich auch hier (wenn auch nicht ganz frei von gelegentlichen r\u00fcckversichernden Blicken in den Notentext) als souver\u00e4ne Gestalterin.<\/p>\n<p> Schade nur, dass ein unpassender Zwischenapplaus den weit aufgespannten Bogen innerer Sammlung ein St\u00fcck weit zerst\u00f6rte. Harnisch bedankte sich f\u00fcr den sehr freundlichen, den Lapsus durchaus entsch\u00e4digenden Schlussapplaus des Publikums mit Mozarts Arie \u00abNehmt meinen Dank ihr G\u00f6nner\u00bb, KV 383, f\u00fcr Sopran und Orchester.<\/p>\n<p> Schumanns \u00abRheinische\u00bb fiel da nach der Pause deutlich ab. Unentschieden und wenig energetisch wirkte die Interpretation, phasenweise unpr\u00e4zise im Zusammenspiel der Register und eher pauschal in der Dynamik. M\u00f6glich dass die Arbeit an den komplexen Partituren Verbeys und Ravels zu einer Vernachl\u00e4ssigung der Detailarbeit an Schumanns Sinfonik gef\u00fchrt hat. <\/p>\n<p> Bei seiner Pr\u00e4sentation in Bern hatte Venzago versichert, dass ihm auch das romantische Repertoire am Herzen liege. Wenn er denn angesichts der f\u00fcr das Orchester vermutlich eher ung\u00fcnstigen neuen Konstellation wirklich in Bern bleibt \u2013 sein Vertrag ist von beiden Seiten innerhalb eines Jahres k\u00fcndbar \u2013 wird er auch in dieser Hinsicht sicherlich deutlichere Akzente setzen. Sein fr\u00fchzeitiger R\u00fcckzug w\u00e4re hingegen wohl Folge bernischer Schildb\u00fcrgerei. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Berner Symphonieorchester, Mario Venzago (Leitung), Rachel Harnisch (Sopran): 5. Symphoniekonzert (Blau), Alban Berg\/Theo Verbey: Klaviersonate op. 1 (1909), Orchesterfassung; Maurice Ravel: \u00abSh\u00e9h\u00e9razade\u00bb Liederzyklus f\u00fcr Sopran und Orchester; Robert Schumann: Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 \u00abRheinische\u00bb. Kultur-Casino Bern, Donnerstag, 9. Juni 2011. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13.06.2011 &#8212; Das letzte Abo-Konzert der Saison des Berner Symphonieorchesters bot Gelegenheit zu einer ungew\u00f6hnlichen H\u00f6rerfahrung von Alban Bergs Klaviersonate&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-843","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ereignisbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/843","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=843"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/843\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=843"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=843"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=843"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}