{"id":844,"date":"2014-01-12T13:33:07","date_gmt":"2014-01-12T13:33:07","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/lucerne-festival-hugs-nachtplasmen\/"},"modified":"2014-01-12T13:33:07","modified_gmt":"2014-01-12T13:33:07","slug":"lucerne-festival-hugs-nachtplasmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/lucerne-festival-hugs-nachtplasmen\/","title":{"rendered":"Lucerne Festival: Hugs \u00abNachtplasmen\u00bb"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/><strong>04.09.2011 &#8212; Die Schweizer Bratschistin, Komponistin und Medienk\u00fcnstlerin Charlotte Hug ist heuer Artiste \u00e9toile von Lucerne Festival. Es hat die K\u00fcnstlerin unter anderem mit der Urauff\u00fchrung einer Kollektivimprovisation gew\u00fcrdigt, die grunds\u00e4tzliche Fragen zur Identit\u00e4t von Kunstwerken aufwirft.<\/strong><\/p>\n<p> Die Konzept-Komposition \u00abNachtplasmen\u00bb hat Charlotte Hug als Dirigentin mit Mitgliedern der Lucerne Festival Academy erarbeitet. Den Instrumentalistinnen und Instrumentalisten dienten dabei nicht konventionell notierte Stimmen aus einer Partitur als Grundlage, sondern etwas, das Hug \u00abSon Icons\u00bb nennt, Grafiken, die an eine Mischung aus Rauchkringel, Kratzbilder, R\u00f6ntgenaufnahmen und Grafiken aus einem Teilchenbeschleuniger erinnern und von denen jedes Orchestermitglied eines auf seinem Notenpult vor sich liegen hatte.<\/p>\n<p> Welche akustische Umsetzungen dabei als werkgetreu und welche als unstimmig gelten m\u00fcssen, scheint sich nicht aufgrund einfacher Kriterien eruieren zu lassen. Statt klarer Identifikationsmerkmale, die dar\u00fcber entscheiden, welche Wiedergaben nun als g\u00fcltige Interpretationen von \u00abNachtplasmen\u00bb gelten k\u00f6nnen, m\u00fcssen eher intuitive \u00c4hnlichkeits- und Wiedererkennungsprozesse gelten \u2013 typisch f\u00fcr improvisatorisch realisierte Werke.<\/p>\n<p> Die Urauff\u00fchrung im Luzerner Saal des KKL trug dem Rechnung. \u00abNachtplasmen\u00bb erklang am gleichen Abend zweimal, und man hatte tats\u00e4chlich den Eindruck, <em>das gleiche Werk<\/em> erneut zu h\u00f6ren. Strukturmerkmale wie eine charakteristische Mischung aus Texturen und Einzelstimmen, Klangrotationen und \u2013modulationen und eine typische dramaturgische Abfolge waren daf\u00fcr verantwortlich. <\/p>\n<p> Die Konzertsituation kn\u00fcpfte trotz radikalem \u00e4sthetischem Ansatz allerdings durchaus an konventionelle Orchesterdarbietungen an. In der Aufstellung des Ensembles war der traditionelle Orchesterapparat noch erkennbar, ein Streicherensemble aus Geigen, Bratschen und Celli von links nach rechts aufgef\u00e4chert als Kern, darum herum Blech- und Holzbl\u00e4ser, Idiophone und Chordophone: Hackbrett, Vibraphon, Glocken, Fl\u00fcgel, eine grosse Trommel; aus dem Rahmen fiel vor allem eine Doppeltrichter-Trompete, mit der sich Mikrot\u00f6ne generieren lassen, ohne dass diese eine strukturelle speziell bedeutende Rolle gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n<p> Auffallend blieb eine Quasi-Symmetrie, die ebenfalls eher einem \u00c4hnlichkeitsprinzip als strenger Identit\u00e4t folgte: links und rechts fanden sich Gruppen aus Tuba und Kontrabass, auf der linken Seite erg\u00e4nzt durch eine Posaune, auf der rechten durch Fl\u00fcgel und Schlagwerk. Eine Symmetrieachse ergab sich \u00fcberdies durch eine Art l\u00e4nglicher Baldachin \u00fcber dem Orchester, der bis in den Zuschauerraum hineinragte und als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr kollektiv gedeutete Son-Icons diente. <\/p>\n<p> Dreitgeteilt war auch die grosse Form von \u00abNachtplasmen\u00bb: In einem ersten Teil, der mit praktisch stummem Streichen der Streichinstrumente sich aus dem Nichts zu l\u00f6sen schien, dirigierte die Komponistin das Ensemble in einer Art faszinierender Symbolgestik, die teilweise wie die intuitive Bedienung eines imagin\u00e4ren Touchscreens anmutete und die vom Orchester sensibel in Klangereignisse umgesetzt wurde. <\/p>\n<p> Im zweiten Teil wurde der Raum ganz abgedunkelt; die Instrumentalisten setzten autonom nun an den Baldachin projizierte Bilder um. Im dritten schliesslich \u00fcbernahm wieder die Komponistin die Leitung, die Bilder blieben allerdings projiziert. Die Z\u00e4sur hatte den Charakter einer Art Reprise, die mit dem fast stummen Streichen des Beginns wieder neu ansetzte. Das St\u00fcck endete in einer Art verdichtetem H\u00f6hepunkt und klang mit klingelnden Glocken-Resonanzen aus.<\/p>\n<p> Die Dreiteilung spiegelte sich in der Anlage des ganzen Programms des Abends. Die beiden \u00abNachtplasmen\u00bb-Wiedergaben wurden verbunden mit Improvisationen von Hugs Stellari String Quartet (Phillipp Wachsmann, Violine; Charlotte Hug, Viola; Marcio Mattos, Cello; John Edwards, Kontrabass), womit eine Art Selbst\u00e4hnlichkeits-Relation einer ungef\u00e4hren ABA-Form in den Klein- und Grossformen konstituiert wurde.<\/p>\n<p> Auffallend waren auch die doppelten Ebenen der Metaphernsysteme: Die Musiker setzen einerseits die Son-Icons in Kl\u00e4nge um, andererseits die Gesten der Dirigentin. Nach welchen Gesetzm\u00e4ssigkeiten die drei Symbolsysteme aufeinander abgebildet wurden, blieb allerdings nicht offensichtlich nachvollziehbar.<\/p>\n<p> Die Gesten der Dirigentin erschlossen sich teilweise spontan, etwa, wenn sie mit ausgestreckten Armen eine Art Flugzeugfigur formte und mit dem Auf und Ab der \u00abFl\u00fcgel\u00bb auch den Klang des Orchesters ins Schaukeln brachte. Die inneren Beziehungen zwischen Bildern und Kl\u00e4ngen waren da weitaus schwieriger zu entschl\u00fcsseln. <\/p>\n<p> Die Frage bleibt, ob sich aus der Werkarchitektur einer konzeptuell strukturierten Kollektivimprovisation mehr ergibt als eine mehr oder weniger beliebige Aneinanderreihung von Kl\u00e4ngen. Andere Strukturprinzipien als die \u00fcblichen Konstrukte komponierter Musik m\u00fcssen da gefunden werden. Charlotte Hug versteht die Erforschung akustischer Erfahrungeswelten als Extremprojekt und sammelt ihre Erlebnisse gerne in exzessiven Ausnahmesituationen, etwa in den Resonanzr\u00e4umen hochalpiner Gletscherlandschaften, mentalen Zust\u00e4nden nach Schlafentzug am physiologischen Limit oder in nackter K\u00e4figgefangenschaft in sadomasochistischem Setting. <\/p>\n<p> Die Gef\u00fchlsempfindungen der Komponistin ihrer Musik gegen\u00fcber scheinen allerdings trotz eines beachtlichen bis erdr\u00fcckenden theoretischen Overhead in den Reflektionen ihrer Arbeiten (eine verbreitete Unsitte unter Vertretern der freien Improvisation), der bis in radikalfeministische Lesarten geht, privater Natur zu bleiben und nicht allgemeine Gesetzm\u00e4ssigkeit zu erreichen. <\/p>\n<p> Die zweite Wiedergabe des St\u00fcckes zeigte, wie schnell Interpretations-Konzepte wie dasjenige von \u00abNachtplasmen\u00bb in die N\u00e4he der Beliebigkeit geraten, wenn man die Pointe mal zur Kenntnis genommen hat und keine hintergr\u00fcndigere gr\u00f6ssere Formstrukturen eine Tiefendimension schaffen. Fasziniert war man so vor allem von der instrumentalen Virtuosit\u00e4t der Academy-Mitglieder und den sprechenden Interaktionen zwischen Orchester und Dirigentin. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">3. September 2011, KKL Luzern: Lucerne Festival, \u00abNachtplasmen\u00bb von Charlotte Hug (Auftragswerk von Lucerne Festival und Pro Helvetia , Urauff\u00fchrung), Lucerne Festival Academy, Charlotte Hug (Viola und Leitung), G\u00f6tz Rogge (Video), Wolfgang Siuda (k\u00fcnstlerische Beratung), Christa Wenger\/blendwerk (Lichtdesign). <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>04.09.2011 &#8212; Die Schweizer Bratschistin, Komponistin und Medienk\u00fcnstlerin Charlotte Hug ist heuer Artiste \u00e9toile von Lucerne Festival. 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