{"id":845,"date":"2014-01-12T13:33:39","date_gmt":"2014-01-12T13:33:39","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/paradox-der-neuen-musik-am-lucerne-festival\/"},"modified":"2014-01-12T13:33:39","modified_gmt":"2014-01-12T13:33:39","slug":"paradox-der-neuen-musik-am-lucerne-festival","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/paradox-der-neuen-musik-am-lucerne-festival\/","title":{"rendered":"Paradox der Neuen Musik am Lucerne Festival"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/><strong>12.09.2011 &#8212; Mit einem grossen Abschlusskonzert hat die Lucerne Festival Academy ihre T\u00e4tigkeiten am Lucerne Festival 2011 abgerundet. Es illustrierte das Paradoxe am Anspruch des Festivals, auch die zeitgen\u00f6ssische Musik intensiv pflegen zu wollen.<\/strong><\/p>\n<p> \u00abNacht\u00bb war das ja nicht, eher die Stunde sonnt\u00e4glichen Gottesdienstes braver B\u00fcrger. Das Motto von Lucerne Festival 2011 \u2013 vage wie alle Event-Labels seiner Art \u2013 hing f\u00fcr einmal am falschen T\u00fcrknopf. Daf\u00fcr gab\u2019s exzellente Wiedergaben von Ikonen der klassischen Moderne, und das kam nat\u00fcrlich nicht von ungef\u00e4hr; am Pult standen immerhin die Altmeister Peter E\u00f6tv\u00f6s und Pierre Boulez. Es ist erkl\u00e4rtes Ziel der Academy, hochbegabten, jungen Musikern aus aller Welt \u00abdas notwendige R\u00fcstzeug zur Interpretation Neuer Musik zu vermitteln\u00bb. Und das tut sie. Und wie.<\/p>\n<p> Werke wie Bernd Alois Zimmermanns \u00abPhotopsis\u00bb oder Karlheinz Stockhausens \u00abPunkte\u00bb (beide dirigiert von E\u00f6tv\u00f6s) h\u00f6rt man kaum in Abokonzerten st\u00e4dtischer Sinfonieorchester. Und um Sch\u00f6nbergs Variationen f\u00fcr Orchester op.31 und Alban Bergs drei Orchesterst\u00fccke op.6 so sorgf\u00e4ltig und wissend aufs Konzertpodium zu legen, da m\u00fcssten sich selbst Weltklasse-Orchester warm anziehen. Das Ad-hoc-Orchester der Lucerne Festival Academy hatte dazu viel Zeit. Mit Sch\u00f6nbergs Variationen besch\u00e4ftigte es sich einen einw\u00f6chigen Meisterkurs Dirigieren lang, mit Boulez als Lehrmeister. <\/p>\n<p> Das Orchester hatte noch einiges mehr hinter sich: Es pr\u00e4sentierte an dem nachtumwobenen Festival \u00abConcertate il suono\u00bb von Marc-Andr\u00e9 Dalbavie, Charlotte Hugs \u00abNachtplasmen\u00bb (siehe Codex-flores-<a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=725\">Rezension<\/a>), einiges an Solo- und Kammermusikwerken der Moderne und Boulez\u2019 \u00abPli selon pli. Portrait de Mallarm\u00e9\u00bb. Mit andern Worten: Da wurden einige der besten Nachwuchsmusiker der Welt dazu bef\u00e4higt, die \u00c4sthetik der europ\u00e4ischen Moderne auf h\u00f6chstem Niveau zu bew\u00e4ltigen \u2013 und zu verinnerlichen.<\/p>\n<p> Es gibt auch andere Nachwuchsorchester mit weltweiter Ausstrahlung, das Orquesta Sinf\u00f3nica Sim\u00f3n Bol\u00edvar etwa (respektive seine Nachfolgeorganisation Sinf\u00f3nica Juvenil \u00abTeresa Carre\u00f1o\u00bb de Venezuela), das Verbier Festival Orchestra, etc. etc. im Grunde genommen auch das West-Eastern Divan Orchestra, die pflegen in ihren Repertoires aber die grossen romantischen Gef\u00fchle. Irgendwie hat man den Eindruck, jugendlicher Vitalit\u00e4t und Begeisterungsf\u00e4higkeit sei das angemessener als die Besch\u00e4ftigung mit dem immer etwas morbid-pr\u00e4tenti\u00f6sen und weltabgewandt anmutenden postexpressionistischen Gestus der europ\u00e4ischen Moderne mit und nach Sch\u00f6nberg. <\/p>\n<p> Die Lucerne Festival Academy bef\u00e4higt seine Mitglieder nicht nur zum Orchesterspiel, sie ist offensichtlich auch ein Mittel der Sozialisierung. Mit Pierre Boulez pr\u00e4gt auch nicht gerade ein Jungspund die Geschicke des \u00dcbeorchesters. Es mutet im Kontext von Lucerne Festival mehr an wie ein Ort der Selbstvergewisserung und Tradierung einer bestimmten Form von Moderne als wie eine Bewegung des Aufbruchs. Und so richtig einleuchten mag es heute nicht mehr, dass mit diesen Zungen da k\u00fcnstlerisch wirklich noch Dringendes und Unvermeidliches gesagt werden muss. <\/p>\n<p> Verst\u00e4rkt wird der p\u00e4dagogisch-nostalgische Neue-Musik-Impetus am Lucerne Festival durch eine mittlerweile beachtliche Maschinerie aus Vermittlungsangeboten, von K\u00fcnstlergespr\u00e4chen \u00fcber Einf\u00fchrungen bis zu Kritikerrunden im \u00c4ther, die alle von einem Grundkonsens getragen werden: Hier werden verantwortungsbeschwert, ernst und doch seri\u00f6s g\u00fcltige Werte europ\u00e4ischer Hochkultur gewahrt und weitergetragen, ohne die das Abendland, wie wir es lieben und kennen, \u00e4rmer und barbarischer w\u00e4re. <\/p>\n<p> Der Grundkonsens wird nicht zuletzt dadurch gefestigt, dass nicht nur das Szenemagazin <em>Musik&amp;Theater<\/em>, sondern auch die bedeutendesten Kulturmedien der Schweiz, das NZZ-Feuilleton, der \u00f6ffentlich-rechtliche Sender DRS2 und mittlerweile gar die altehrw\u00fcrdige Edelpostille <em>Du<\/em> zu affirmativen Zulieferern geworden sind. <\/p>\n<p> Da erhalten selbst Urauff\u00fchrungen (wie Hugs \u00abNachtplasmen\u00bb) etwas Museal-P\u00e4dagogisches. Und eine Garde mittlerweile ergrauter Avantgardisten dankt es dem privaten Anlass, dass er ihren nicht mehrheitsf\u00e4higen, aber den Humanismus auch in oberfl\u00e4chlich-aufgeregten Zeiten hochhaltenden Kulturleistungen eine Trutzburg bietet. <\/p>\n<p> Selbstverst\u00e4ndlich ist das Lucerne Festival als weitgehend privater Anlass v\u00f6llig frei in seinem \u00e4sthetischen Selbstverst\u00e4ndnis. Auch dass es haupts\u00e4chlich von Konzernen der Finanzindustrie und der Nahrungs- und Pharmabranche alimentiert wird (und damit Seriosit\u00e4t und Berechenbarkeit ausstrahlen muss), ist doch v\u00f6llig in Ordnung. Die partizipative und in Grundsatzfragen unkritische Haltung des \u00f6ffentlich-rechtlichen Schweizer Radios und Fernsehens und das eher distanzlose Mitturnen der Schweizer Musikbildungs- und Vermittlungselite l\u00f6st hingegen zumindest etwas Unbehagen aus. <\/p>\n<p> Die intensive (und durchaus verdankenswerte) Pflege der Neuen Musik \u2013 sie hat sich selber einmal als Wider- und Einspruch gegen etablierte Kunstrituale verstanden \u2013 hat am Lucerne Festival paradoxerweise nichts Grenzen- und Regelsprengendes mehr, da wird kein Aufbruch gewagt, kein Risiko gesucht, sondern Vertrautes und Konserviertes ritualisiert. Was bleibt? Die absolut hochkar\u00e4tige Weitergabe des Handwerks, das der Nachwuchs hoffentlich f\u00fcr seine eignen Zwecken zu nutzen wissen wird. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">Lucerne Festival, KKL Luzern, 11. 09. 2011, Lucerne Festival Academy Orchestra, Pierre Boulez und Peter E\u00f6tv\u00f6s (Leitung). Bernd Alois Zimmermann: \u00abPhotoptosis\u00bb, Pr\u00e9lude f\u00fcr grosses Orchester; Karlheinz Stockhausen: \u00abPunkte\u00bb f\u00fcr Orchester; Arnold Sch\u00f6nberg: Variationen f\u00fcr Orchester op. 31; Alban Berg: Drei Orchesterst\u00fccke op. 6 (1913-15, rev. 1929). <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12.09.2011 &#8212; Mit einem grossen Abschlusskonzert hat die Lucerne Festival Academy ihre T\u00e4tigkeiten am Lucerne Festival 2011 abgerundet. Es illustrierte&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-845","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ereignisbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/845","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=845"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/845\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}