{"id":850,"date":"2014-01-12T13:37:06","date_gmt":"2014-01-12T13:37:06","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/das-forum-kultur-und-oekonomie-in-st-gallen\/"},"modified":"2014-01-12T13:37:06","modified_gmt":"2014-01-12T13:37:06","slug":"das-forum-kultur-und-oekonomie-in-st-gallen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/das-forum-kultur-und-oekonomie-in-st-gallen\/","title":{"rendered":"Das Forum Kultur und \u00d6konomie in St. Gallen"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">30.03.2012 &#8212; Nachdenken \u00fcber die \u00abKulturelle Vielfalt zwischen regionaler Identit\u00e4t und Globalisierung\u00bb hatte sich das Schweizer Forum <em>Kultur und \u00d6konomie<\/em> f\u00fcr seine 12. Tagung \u2013 diesmal in der St. Galler Lokremise \u2013 vorgenommen. An dem von den grossen Playern der staatlichen und privaten Kulturf\u00f6rderung als Austauschplattform ins Leben gerufenen Treffen wurde dann aber fast mehr \u00fcbers Nachdenken nachgedacht.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><strong>30.03.2012 &#8212; Nachdenken \u00fcber die \u00abKulturelle Vielfalt zwischen regionaler Identit\u00e4t und Globalisierung\u00bb hatte sich das Schweizer Forum <em>Kultur und \u00d6konomie<\/em> f\u00fcr seine 12. Tagung \u2013 diesmal in der St. Galler Lokremise \u2013 vorgenommen. An dem von den grossen Playern der staatlichen und privaten Kulturf\u00f6rderung als Austauschplattform ins Leben gerufenen Treffen wurde dann aber fast mehr \u00fcbers Nachdenken nachgedacht.<\/strong><\/p>\n<p> Die Krise des kulturpolitischen Debattenstils ist offensichtlich. Wie soll der Diskurs in der Kulturpolitik gef\u00fchrt werden? Welche Formen der Systemkritik bringen uns weiter? Br\u00f6ckeln traditionelle Attit\u00fcden, die f\u00fcr das Nachdenken \u00fcber Kultur selber den Anspruch der Kunstfertigkeit erheben und die F\u00f6rderer damit in den Rang derer heben, die sie f\u00f6rdern? Letzteres h\u00e4tte Moli\u00e8re m\u00f6glicherweise Stoff f\u00fcr eine bissige Satire geliefert. Munition h\u00e4tte ihm aber auch das Ende der Tagung geliefert. <\/p>\n<p> Von der Begr\u00fcssung durch Yves Fischer, den stellvertretenden Direktor des Bundesamtes f\u00fcr Kultur, weg war das dieser Tage erschienene Buch \u00abDer Kulturinfarkt\u00bb (<a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=759\">siehe<\/a> Codex-flores-Rezension) pr\u00e4sent, allerdings \u2013 als handle es sich um Sittenwidriges \u2013 nie namentlich erw\u00e4hnt. <\/p>\n<p> \u00abDer Kulturinfarkt\u00bb r\u00fchrt an ein Diskurs-Tabu, indem es unter anderem die Frage stellt, ob heute nicht auch ein R\u00fcckbau existierender Kulturinstitutionen angedacht werden m\u00fcsse. Ko-Autor Pius Kn\u00fcsel, Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und einst selber Mitglied der Steuergruppe des Forums, zeigte sich erst gegen Ende der zwei Tage, durfte sich aber nicht offiziell erkl\u00e4ren. Die Forums-Verantwortlichen zeigten sich da wenig flexibel.<\/p>\n<p> Eine der erfreulichen Einsichten des Anlasses: Die heutigen jungen Kulturfunktion\u00e4re haben eine weitaus pragmatischere Einstellung ihrer eigenen Rolle im Kulturbetrieb gegen\u00fcber als die \u00e4lteren, die sich in der Post-68er-\u00c4ra gerne auch als zu bewundernde Vordenker feiern liessen und sich nicht scheuten, einzelne strategische Positionen im Kulturbetrieb teilweise jahrzehntelang zu besetzen. Amtszeitbeschr\u00e4nkung f\u00fcr Kulturverantwortliche war denn auch ein weiteres der Themen, die in der Luft lagen. Es herrscht Herbststimmung auf dem Jahrmarkt der kulturpolitischen Eitelkeiten.<\/p>\n<p> <strong>Interkultur und Kreativwirtschaft<\/strong><\/p>\n<p> Mark Terkessidis, Berliner Journalist und Autor des im Suhrkamp-Verlag erschienenen Buches <em>Interkultur<\/em>, pl\u00e4dierte als erster Referent zus\u00e4tzlich daf\u00fcr, sich von Diskurskategorien aus den siebziger Jahren zu verabschieden, die Teile der Bev\u00f6lkerung als spezielle Gruppe (\u00abmit Migrationshintergrund\u00bb) aussonderten und vor allem \u00fcber Defizite definierten. <\/p>\n<p> Bundesrat Alain Berset gab seinen Einstand als Schweizer \u00abKulturminister\u00bb mit einer gouvernementalen Rede. Mehr war nach den wenigen Wochen, die er f\u00fcr das Dossier zust\u00e4ndig ist und angesichts der weitaus kritischeren Baustellen in seinem Departement auch nicht zu erwarten. Etwas von seiner Linie als k\u00fcnftiger oberster Gestalter der Bundeskulturpolitik liess sich aber in Bekenntnissen dazu erahnen, dass k\u00fcnftig auch die Schnittstellen zur Wirtschaftspolitik und damit zur Kreativwirtschaft ins Blickfeld r\u00fccken d\u00fcrften. Aber da war er auch schon wieder weg.<\/p>\n<p> Der Niklas-Luhmann-Sch\u00fcler Dirk Baecker, t\u00e4tig an der Friedrichshafener Zeppelin Universit\u00e4t, unterschied zum Auftakt des zweiten Forumstages drei historische Epochen einer Kulturpolitik. In Stammesgesellschaften w\u00fcrden Mythen (\u00abL\u00fcgen\u00bb wie Baecker lapidar meinte) in Form von <em>Festen<\/em> gefestigt, in der antiken Sklavenhalter- und Adelsgesellschaft im <em>Theater<\/em> Schicksale herausgefordert, inszeniert und besiegelt. In der modernen Welt schliesslich werde im <em>Museum<\/em> (auch im Konzertsaal, in Galerien und so weiter) das b\u00fcrgerliche Publikum auf eine \u00abuneindeutige Beweglichkeit im Dienst einer abstrakten Aufkl\u00e4rung und eines endlosen Fortschritts verpflichtet\u00bb. <\/p>\n<p> <strong>Theaterarbeit und rhetorische Ornamentik<\/strong><\/p>\n<p> Ruud Breteler, zur Zeit Projektmanager der Abteilung f\u00fcr Kunst und Kultur der Stadt Rotterdam, erl\u00e4uterte anschliessend, wie sich eine uneindeutige Beweglichkeit im Dienst einer abstrakten Aufkl\u00e4rung auf die urbane Kulturarbeit mit Migranten auswirken kann. Als Generalintendant des Theaters Zuidplein in Rotterdam gestaltete er das Programm zwischen 1998 und 2006 so um, dass es ein neues k\u00fcnstlerisches Profil mit Schwerpunkt auf nicht-westlichen darstellenden K\u00fcnsten und Zuschauerbeteiligung erhielt und damit zu einem Pionierprojekt der partizipativen Kulturarbeit wurde.<\/p>\n<p> Wie sehr die klassisch-geisteswissenschaftliche Reflexion, die sich in opulent-rhetorischer Ornamentik gef\u00e4llt, von der Relevanz f\u00fcr die praktische Arbeit entfernt ist, offenbarte in der Folge ein Podium mit der Philosophin Ursula Pia Jauch, Beat Santschi, dem Pr\u00e4sidenten der Schweizer Koalition f\u00fcr die kulturelle Vielfalt, und Thierry Spicher, einem Mitglied der Eidgen\u00f6ssischen Filmkommission. <\/p>\n<p> Die z\u00e4hfl\u00fcssig parlierende Runde rund um den etwas mutlos agierenden Moderator Marco Meier verlor sich in Auseinandersetzungen dar\u00fcber, was denn Heraklit nun gesagt habe und was nicht (alles fliesst! alles fliesst?) und wie Descartes die Welt habe sehen wollen. Der im Saal sitzende Terkessidis beklagte nach \u00d6ffnung der Diskussion zum Publikum die intellektuelle Flugh\u00f6he der Runde. Sein Einspruch erhielt vom Auditorium Szenenapplaus. <\/p>\n<p> Solche Ratlosigkeiten \u00fcber Stil und Inhalt der Auseinandersetzung zeugen von den Herausforderungen in den aktuellen Spannungsfeldern Heimat und Migration, Hoch- und Volkskultur oder der unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse \u00e4lterer und junger Mitb\u00fcrger in Sachen Kulturkonsum. Dem m\u00fcssen sich auch die \u00f6ffentlich-rechtlichen elektronischen Medien stellen. In welche Richtung es da gehen soll, skizzierte Nathalie Wappler, die Kulturchefin der Schweizer Radio und Fernsehens (SRF). <\/p>\n<p> Auch da ist eine z\u00f6gerliche Aufweichung des bisher recht bieder-didaktisch daherkommenden Kultur(-bildungs)-Angebotes festzustellen. Der Spielraum f\u00fcr SRF, das zur Zeit \u2013 Stichwort: Konvergenz \u2013 vor allem mit sich selber besch\u00e4ftigt ist, bleibt allerdings sehr eng, angesichts schmaler Budgets und des staatspolitischen Auftrags, die Interessen von vier Landesregionen und -sprachen auszugleichen. <\/p>\n<p> <strong>Franz\u00f6sischer Esprit und Schweizer Pragmatismus<\/strong><\/p>\n<p> Die Organisatorin der Tagung hingegen hat sich bodenst\u00e4ndig-schweizerische Qualit\u00e4ten bewahrt. Sie war sich nicht zu schade, auch mal dezidiert dazwischen zu fahren und etwa coram publico den Moderator zu schelten, man \u00ablasse einen Bundesrat nicht warten\u00bb. Zum <em>Culture clash<\/em> kam\u2019s am Ende gar mit den franz\u00f6sischen Causeuren Dominique Wolton und Marc Jimenez. Letzterer amtet als Direktor eines Laboratoire d\u2019Esth\u00e9tique th\u00e9orique et appliqu\u00e9 der Sorbonne.<\/p>\n<p> Wolton ist, nicht minder Ehrfurcht einfl\u00f6ssend, Direktor des Instituts f\u00fcr Kommunikationswissenschaften des nationalen Zentrums f\u00fcr wissenschaftliche Forschung in Paris. Der Begr\u00fcnder der intellektuellen Edelpostille <em>H\u00e9rmes<\/em> liess seinen Inspirationen aus dem Stegreif zur Lage der Kulturwelten von der resoluten Organisatorin nur ungern die Fl\u00fcgel stutzen und seufzte h\u00e4nderingend, hier m\u00fcsse aber auch wirklich alles seine Ordnung haben. Tja, so sind wir nun mal in der Alpenrepublik. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Forum Kultur und \u00d6konomie, Lokremise St. Gallen, 22. &#8211; 24. M\u00e4rz 2012. <a href=\"http:\/\/www.kulturundoekonomie.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.kulturundoekonomie.ch<\/a> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">30.03.2012 &#8212; Nachdenken \u00fcber die \u00abKulturelle Vielfalt zwischen regionaler Identit\u00e4t und Globalisierung\u00bb hatte sich das Schweizer Forum <em>Kultur und \u00d6konomie<\/em> f\u00fcr seine 12. Tagung \u2013 diesmal in der St. Galler Lokremise \u2013 vorgenommen. An dem von den grossen Playern der staatlichen und privaten Kulturf\u00f6rderung als Austauschplattform ins Leben gerufenen Treffen wurde dann aber fast mehr \u00fcbers Nachdenken nachgedacht.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[],"class_list":["post-850","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kulturpolitik","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/850","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=850"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/850\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=850"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=850"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=850"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}