{"id":855,"date":"2014-01-12T13:39:55","date_gmt":"2014-01-12T13:39:55","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/sir-john-eliot-gardiner-missa-solemnis-in-bern\/"},"modified":"2014-01-12T13:39:55","modified_gmt":"2014-01-12T13:39:55","slug":"sir-john-eliot-gardiner-missa-solemnis-in-bern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/sir-john-eliot-gardiner-missa-solemnis-in-bern\/","title":{"rendered":"Sir John Eliot Gardiner: \u00abMissa Solemnis\u00bb in Bern"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">10.10.2012 &#8212; Beethoven brachial. Damit touren Sir John Eliot Gardiner und seine Musikerinnen und Musiker \u2013 das Orchestre R\u00e9volutionnaire et Romantique und der Monteverdi Choir \u2013 zur Zeit durch Europa und die USA. Ihre \u00abMissa Solemnis\u00bb weckt ungew\u00f6hnliches mediales Interesse, und dies nicht ganz grundlos: Gardiner verk\u00f6rpert einen relativ neuen Typus von K\u00fcnstler\/Produzent, der seinen Weg unabh\u00e4ngig von grossen Labels oder Agenturen geht. Er kann auf selber ins Leben gerufene Ensembles zur\u00fcckgreifen, die ihm \u00e4sthetisch zudienen, und damit weitgehend unabh\u00e4ngig vom Festivalzirkus mit eigenen Projekten und profilierter Botschaft auf Tour gehen. Zur Zeit eben mit Beethovens \u00abMissa Solemnis\u00bb. So eine Werk-Tournee ist im \u00fcberhitzten globalen und sonst interpretenfokussierten Konzertzirkus ungew\u00f6hnlich. <\/p>\n<p> Das dank der Migros-Kulturprozent-Classics absolvierte Gastspiel in Bern reiht sich denn auch ein in eine Serie von Konzerten, die von London, Pisa, K\u00f6ln, Baden-Baden und Amsterdam bis nach Budapest, Wien, Madrid und New York f\u00fchren. F\u00fcr einmal hat die Aarestadt einen ihrer allzu seltenen markanten Auftritte als selbstbewusste Bundesstadt gehabt \u2013 als nationale Gastgeberin f\u00fcr das ungew\u00f6hnliche Ereignis. Der Saal war denn selbstredend auch restlos ausverkauft. <\/p>\n<p> Gardiner hat zweifellos einen Hang zur grossen Geste. F\u00fcr die Geamteinspielung der Bach-Kantaten hat er mit der Deutschen Grammophon gebrochen und sein eigenes Label Soli Deo Gloria gegr\u00fcndet. Zur Zeit scheint er sich den Auseinandersetzungen bedeutender Komponisten des 19.Jahrhunderts mit bekenntnishaften kirchlichen Grossformen zuzuwenden. Sein letztes CD-Projekt war dem Requiem von Johannes Brahms gewidmet, das \u00e4hnlich wie Beethovens Missa Solemnis eine Auseinandersetzung mit den existenziellen Themen der Kirchenmusik darstellt \u2013 von ihrer sakralen Funktion emanzipiert und zur autonomen Tonkunst weiterentwickelt. Dieses Jahr haben sich Gardiner und der Monteverdi Choir auch mit Berlioz\u2019 Grande Messe des morts auseinandergesetzt, im Rahmen des Festivals von Saint-Denis. <\/p>\n<p> Die grosse heroisch-existenzielle Geste pr\u00e4gt auch die Beethoven-Tour. In Bern wird von Beginn weg energetisch, ja aggressiv musiziert, nicht unbedingt zum Vorteil der mit historischen Instrumenten hantierenden Blechbl\u00e4ser. Und die historische Pauke, die man freundlich als holzig-definiert charakterisieren k\u00f6nnte, tut hier des Knalligen streckenweise etwas zu viel des Guten. Ob Beethovens Zeitgenossen die Musik tats\u00e4chlich derart eingebl\u00e4ut wurde? Wir werden\u2019s nie wissen. So kann man\u2019s auch nicht begr\u00fcndet bezweifeln.<\/p>\n<p> Beinahe atemlos verfolgt man die k\u00fchn gesetzten ersten Ordinariums-S\u00e4tze, in denen Streicher und Vokaltexturen aus einem chorisch und einem solistisch besetzten Doppelensemble polyphone Reliefstrukturen meisseln. Auch ein (um 1820!) eher anachronistisch anmutendes Basso-Continuo-Ensemble aus Cello, Bass, am Podiumsrand exponiertem Kontrafagott und Orgel w\u00fchlt in den Tiefen mit \u2013 samt seidigem Obertonlametta des tiefen Doppelrohrblatt-Instrumentes, das in der Partitur ausdr\u00fccklich verlangt wird. Schon recht spektakul\u00e4r, so etwas.<\/p>\n<p> Da bauen sich <em>Walls of Sound<\/em> auf, die vokales und instrumentales Geschehen manchmal der Transparenz berauben, manchmal als zugleich wuchtige und filigrane Tonskulpturen berauschen. Erst im \u00abEt incarnatus\u00bb zeigt sich, dass Chor und Orchester auch nicht minder atemraubende Pianissimi zu gestalten verm\u00f6gen und souver\u00e4n \u00fcber die vollst\u00e4ndige dynamische Palette an Timbres und Farben verf\u00fcgen. Aber selbst da sucht Gardiner die Extreme. Das \u00abSanctus\u00bb hebt an mit einem Ton, der nicht mehr die in der Partitur geforderte \u00abAndacht\u00bb pr\u00e4gt, sondern existenzialistisch-m\u00fcde wirkt. Die effektvollen vibratolos-leeren Streicherakkorde betonen den s\u00e4kularen Charakter dieser Missa-Solemnis-Interpretation. <\/p>\n<p> Das einzige wirkliche Solo in dem Werk haben nicht die hinter dem Orchester platzierten Gesangssolisten (in Bern die Sopranistin Lucy Crowe, die Mezzosopranistin Daniela Lehner, der Tenor James Gilchrist und der Bass Matthew Rose), sondern der Konzertmeister, der den Part im \u00abBenedictus\u00bb ebenso vibratoarm und antivirtuos und damit im Ganzen stimmig intoniert. Im \u00abAgnus Dei\u00bb schliesslich haben die Naturh\u00f6rner ihren grossen Auftritt. Was f\u00fcr ein Klang! Und wie wischt er die anf\u00e4nglichen Bedenken \u00fcber den Einsatz historischen Blechs weg. <\/p>\n<p> Sir John Eliot Gardiner hat klare Vorstellungen davon, wie Beethovens Missa Solemnis klingen muss. Alleine das ist im heutigen Musikbetrieb mit zuviel Konzerten und zu wenig Proben ausserordentlich. Wie in sich stimmig, farbig, energetisch und heroisch da musiziert wird, ist ein Erlebnis. Diese Missa-Solemnis-Tour ist zweifellos eines der immer rarer werdenden echten Ereignisse im Konzertbetrieb. Bleibt bloss die Frage, ob da nicht vielleicht eher musikalisch beeindruckt als spirituell ber\u00fchrt wird. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">9.Oktober 2012, Kultur-Casino Bern. Beethoven: Missa Solemnis. Orchestre R\u00e9volutionnnaire et Romantique, Monteverdi Choir, Sir John Eliot Gardiner (Leitung), Lucy Crowe (Sopran), Daniela Lehner (Mezzosopran), James Gilchrist (Tenor), Matthew Rose (Bass). Sonderkonzert im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10.10.2012 &#8212; Beethoven brachial. 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