{"id":860,"date":"2014-01-12T13:42:42","date_gmt":"2014-01-12T13:42:42","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/die-muenchner-philharmoniker-in-zuerich\/"},"modified":"2014-01-12T13:42:42","modified_gmt":"2014-01-12T13:42:42","slug":"die-muenchner-philharmoniker-in-zuerich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/die-muenchner-philharmoniker-in-zuerich\/","title":{"rendered":"Die M\u00fcnchner Philharmoniker in Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">16.03.2013 &#8212; Am 14. M\u00e4rz hat der amerikanische Produzent Quincy Jones seinen 80. Geburtstag gefeiert. Es ist aber auch der Todestag des \u00abDichters der Empfindsamkeit\u00bb: Klopstock, dessen Name Lotte angesichts eines Gewitters in Goethes \u00abLeiden des jungen Werther\u00bb haucht \u2013 und auch gleich in Ohnmacht f\u00e4llt. Die Gegen\u00fcberstellung ist zugegebenermassen etwas gesucht. Dennoch charakterisiert sie die sich \u00fcberlagernden Gravitationsfelder, die das Programm der M\u00fcnchner Philharmoniker in der Z\u00fcrcher Tonhalle an eben diesen Gedenktagen aufgespannt hat. Jones und Gunther Schuller sind zwei der ganz grossen \u2013 vielleicht <em>die<\/em> zwei \u2013 Vertreter einer amerikanischen Musikkultur, die sich nicht um Genres und Grenzen gek\u00fcmmert hat, Jones unter anderem als Sch\u00fcler Nadja Boulangers und Produzent Michael Jacksons zwischen Neoklassik und Pop, Schuller als Waldhornist auf Miles Davis epochalem Album \u00abThe Birth of the Cool\u00bb, Darmstadt-Adept und Begr\u00fcnder eines \u00abThird Stream\u00bb zwischen Jazz und Neuer Musik. <\/p>\n<p> Von Schuller hatten die M\u00fcnchner eine taufrische Komposition mit im Gep\u00e4ck \u2013 offensichtlich auf den letzten Dr\u00fccker abgeliefert \u2013, von der Sorte, die in den USA einen Pulitzerpreis f\u00fcr Musik gewinnt: handwerklich gut gemacht, klanglich raffiniert, schwankend zwischen Energie und Elegie. Man h\u00e4tte die wenige Tage zuvor, am 9. M\u00e4rz 2013 in M\u00fcnchen in der Philharmonie am Gasteig, uraufgef\u00fchrten \u00abSymphonic Images\u00bb mit einer Zw\u00f6lftonreihe als Basismaterial m\u00f6glicherweise mit Wohlwollen und -gefallen zur Kenntnis genommen und vermutlich schnell wieder vergessen, wenn da nicht der kleine Widerhaken gewesen w\u00e4re: Die Besetzung des Werkes, das war die r\u00e4tselhafte Vorgabe des Orchesters beim Auftrag an Schuller, entspricht derjenigen Brahms\u2019 vierter Sinfonie. Und das \u00c4usserste an Klangfarben-Originalit\u00e4t, was sich dieser abringen l\u00e4sst, sind Triangel, Kontrafagott und Piccolo. <\/p>\n<p> Damit aber haben sich Querbez\u00fcge in Textur und Form ergeben, die das Werk durchaus in den so grunddeutsch-galanten und schwerbl\u00fctig-romantischen Kosmos einbetteten, den eben diese Brahms-Sinfonie und das Konzert in E-Dur f\u00fcr zwei Klaviere des gerademal 14-j\u00e4hrigen Mendelssohn in Z\u00fcrich entfalteten. Die beiden Schwestern Katia und Marielle Lab\u00e8que (letztere mit Semyon Bychkov, dem Dirigenten des Abends, verheiratet), auch textil im empfindsamem Schwarzweiss-Look der Fl\u00fcgel, erf\u00fcllten das galante, von mozartischem Geist durchwehte Werk, mit fragilem Sturm-und-Drang-Impetus, bestens eingebettet in das umh\u00fcllende Orchester. Auch Katia Lab\u00e8que ist \u00fcbrigens eine Pilgerin zwischen den Welten. Sie hat mit Musikern wie Herbie Hancock und Chick Corea gespielt und war mit dem Jazzgitarristen John McLaughlin liiert. <\/p>\n<p> Mit der Zugabe demonstrierten die Schwestern, dass man zu zweit auch einem einzigen Klavier \u2013 vierh\u00e4ndig \u2013 ein ganzes Universum an Kl\u00e4ngen entlocken kann. Mit \u00abLe jardin f\u00e9erique\u00bb aus Ravels \u00abMa m\u00e8re l\u2019oye\u00bb wagten sie einen Ausflug ins franz\u00f6sische Fach \u2013 der \u00fcberraschende Querbez\u00fcge zu Schullers sinfonischen Bildern aufwies (vor allem in den vorwitzigen Glissandi).<\/p>\n<p> In Brahms Vierter konnte das Orchester zeigen, was f\u00fcr ein Geist es pr\u00e4gt. Das Ensemble hat Charakter; es wird an dem Abend von Bychkov unaufgeregt, aber mit tieflotender Musikalit\u00e4t und echtem K\u00fcnstlertum durch die Partitur gef\u00fchrt. Man h\u00f6rt da und dort immer mal wieder verwischte Eins\u00e4tze, ein offenes Verh\u00e4ltnis zur Intonation und andere (kleinere) Nachl\u00e4ssigkeiten. All das t\u00f6nt aber niemals falsch, eher entspannt-souver\u00e4n. Der Klang des Orchesters ist von einer inneren Energie und erdigen W\u00e4rme, die das Publikum f\u00fcr sich einnimmt und zu begeistern vermag: Bloss calvinistischer Zur\u00fcckhaltung schien es in Z\u00fcrich zuzuschreiben gewesen zu sein, dass nicht nach dem packenden Schluss des ersten Satzes Szenenapplaus aufbrandete.<\/p>\n<p> Auch das Orchester gew\u00e4hrte dem Publikum ein Zugabe, blieb aber mit dem zweiten Satz aus Mendelssohns F\u00fcnfter, der \u00abReformations-Sinfonie\u00bb in deutschen Landen. Es beschloss: einen geschmackvoll progammierten und trotz scheinbar konventioneller Dramaturgie recht hintergr\u00fcndigen Konzertabend. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">14. M\u00e4rz 2013, Tonhalle Z\u00fcrich. Migros-Kulturprozent-Classics, Tournee IV: M\u00fcnchner Philharmoniker, Semyon Bychkov (Leitung), Katia und Marielle Lab\u00e8que (Klaviere), Gunther Schuller: Symphonic Images, Felix Mendelssohn-Bartholdy: Konzert f\u00fcr zwei Klaviere und Orchester E-Dur; Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 4 e-Moll op. 98 <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16.03.2013 &#8212; Am 14. M\u00e4rz hat der amerikanische Produzent Quincy Jones seinen 80. Geburtstag gefeiert. 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