{"id":864,"date":"2014-01-12T13:44:52","date_gmt":"2014-01-12T13:44:52","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/saisonende-beim-berner-symphonieorchester\/"},"modified":"2014-01-12T13:44:52","modified_gmt":"2014-01-12T13:44:52","slug":"saisonende-beim-berner-symphonieorchester","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/saisonende-beim-berner-symphonieorchester\/","title":{"rendered":"Saisonende beim Berner Symphonieorchester"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">24.06.2013 &#8212; Zum Saisonabschluss hat das Berner Symphonieorchester den Bogen weit gespannt \u2012 von der Reverenz an die (mikro-)lokale Musikgeschichte bis zur Widerspiegelung fr\u00fcher Globalisierung, will heissen von der sp\u00e4ten Berner Erstauff\u00fchrung eines Klavierkonzertes aus der Feder eines fr\u00fch ausgewanderten Berner Komponisten zu Dvo\u0159\u00e1ks Sinfonie \u00abaus der Neuen Welt\u00bb. Weil dazwischen auch noch Othmar Schoecks Violinkonzert eingeschoben worden ist, hat sich ein anregendes, musikalisch ungew\u00f6hnlich interessantes Programm ergeben. <\/p>\n<p> Ein zweites Konzert anstelle einer der \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen unter den klassisch-romantischen Ouvert\u00fcren zum Auftakt: Ausgegraben hat das 1933 entstandene zweite Klavierkonzert von Edward St\u00e4mpfli der junge deutsche Pianist Moritz Ernst. Die Materialien dazu liegen in der Z\u00fcrcher Zentralbibliothek. Ernst hat es unter der Leitung Mario Venzagos und dem Berner Orchester mit allem verdienten Respekt im Kultur-Casino der Bundesstadt pr\u00e4sentiert. St\u00e4mpfli, der in der Schweiz nach 1950 nicht mehr richtig Fuss hat fassen k\u00f6nnen (er ist 2002 in Berlin gestorben), hat in seiner Jugend Strawinskys \u00abSacre du Printemps\u00bb als pr\u00e4gendes \u00e4sthetisches Erlebnis bezeichnet. <\/p>\n<p> Davon ist in dem zweiten Klavierkonzert des 25-j\u00e4hrigen wenig zu sp\u00fcren. Es wirkt gerade im Rhythmischen doch recht simpel, der Orchestersatz eher grob gezimmert. Es beginnt \u2012 fast ist man versucht zu sagen in lisztscher Manier \u2012 im tiefen Klavierregister, mit Pizzicati aus dem Orchester als Gegenrede; in der Folge treibt es dann viel klanglich-motorischen Aufwand, ohne damit aber auch expressive Wirkung zu erzeugen. Der Mittelsatz ist von kanonischer Schreibart gepr\u00e4gt, und man ger\u00e4t in Versuchung zu vermuten, ein Kontrapunktiker scheitere da in seiner Jugend beim Versuch, orchestrale Klangraffinesse zu entwickeln. Dennoch: Gelohnt hat sich die Erstauff\u00fchrung und damit die Dokumentation eines St\u00fccks Berner Musikgeschichte allemal. <\/p>\n<p> Ebenfalls Berner Tonkunst aufs Podium gebracht hat die Geigerin Bettina Boller, die als Zugabe nach der Interpretation von Othmar Schoecks Violinkonzert den langsamen Satz aus der 1952 entstandenen Solosonate der Berners Arthur Furer pr\u00e4sentierte, einer der H\u00f6hepunkte des Abends. Der 1924 geborene Furer geh\u00f6rt der gleichen Generation wie St\u00e4mpfli (geboren 1908) an, ist aber ein Leben lang der Stadt treu gebleiben und hat deren Musikleben als Musiker und Seminarlehrer entscheidend mitgepr\u00e4gt. <\/p>\n<p> Das Violinkonzert Schoecks hat Bettina Boller mit dem Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester auf CD eingespielt. Bereits da f\u00e4llt auf, dass die auch mit dem Collegium Novum Z\u00fcrich und damit der zeitgen\u00f6ssischen Musik eng verbundene Geigerin keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit romantisierenden Spielweisen hat. Im Berner Konzert schien dies noch st\u00e4rker der Fall. \u00dcppig verwendete Portamenti, bis hin zum grossz\u00fcgigen Verwischen von Strukturen standen da im Gegensatz zum pr\u00e4zisen und vor allem in den Pianissimi immer sehr disziplinierten und damit intensiven Spiel des Orchesters. <\/p>\n<p> M\u00f6glich, dass das Espressivo der Sp\u00e4tromantik heute auch in Kreisen der Neuen Musik wieder salonf\u00e4hig wird. F\u00fcr die Authentizit\u00e4t von Bollers Spiel spricht auch, dass sie Sch\u00fclerin Ulrich Lehmanns ist \u2012 er hat das Konzert 1964 mit dem Z\u00fcrcher Kammerorchester exemplarisch eingespielt \u2012 und in Bern gar auf Lehmanns Violine hat spielen k\u00f6nnen. Man hat aber dennoch den Eindruck, dass die immer etwas reflektiert und distanziert wirkende Musik Schoecks (zumindest f\u00fcr die heutige Zeit) gewinnen k\u00f6nnte, w\u00fcrde man sie auch etwas distanzierter und pr\u00e4ziser behandeln. <\/p>\n<p> Die Qualit\u00e4ten, die das Orchester vor der Pause bereits in den Begleitaufgaben zeigte, hat es in Dvo\u0159\u00e1ks neunter Sinfonie noch dezidierter ausgespielt. Der Klangk\u00f6rper verf\u00fcgt heute \u00fcber eine fein ausdifferenzierte und pr\u00e4zise dynamische Spannweite, er vermag vor allem auch in beinahe ersterbenden Pianissmi und langsamen Tempi Spannung hochzuhalten. Sein Klangbild ist zugleich energetisch und transparent. Der dvo\u0159\u00e1kschen Mischung aus Pentatonik und avancierten Klangmixturen ist das idealerwiese zugute gekommen. Da hat man sich Sinfonik des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf der H\u00f6he unsere Zeit zu Gem\u00fcte f\u00fchren d\u00fcrfen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">22. Juni 2013, Kultur-Casino Bern, 13. Symphoniekonzert, Edward St\u00e4mpfli Klavierkonzert Nr. 2 (1933), Othmar Schoeck Violinkonzert B-Dur op. 21 \u00abQuasi una fantasia\u00bb, Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k Symphonie Nr. 9 e-Moll op. 95 \u00abAus der neuen Welt\u00bb. Berner Symphonieorcheste, Mario Venzago (Leitung), Bettina Boller (Violine), Moritz Ernst (Klavier).<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24.06.2013 &#8212; Zum Saisonabschluss hat das Berner Symphonieorchester den Bogen weit gespannt \u2012 von der Reverenz an die (mikro-)lokale Musikgeschichte&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-864","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ereignisbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/864","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=864"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/864\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=864"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=864"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=864"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}