{"id":865,"date":"2014-01-12T13:45:19","date_gmt":"2014-01-12T13:45:19","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/dirigierkurs-mit-david-zinman-in-zuerich\/"},"modified":"2014-01-12T13:45:19","modified_gmt":"2014-01-12T13:45:19","slug":"dirigierkurs-mit-david-zinman-in-zuerich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/dirigierkurs-mit-david-zinman-in-zuerich\/","title":{"rendered":"Dirigierkurs mit David Zinman in Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">02.07.2013 &#8212; David Zinman sitzt mitten im Orchester, zwischen Zweiten Geigen und Bratschen, neben sich eine Videokamera, vor sich ein Notenpult. Der Platz erlaubt ihm frontale Sicht auf die Teilnehmerin, den Teilnehmer des Dirigierkurses, den er zum vierten Mal in der Z\u00fcrcher Tonhalle durchf\u00fchrt. Er l\u00e4sst, bloss beobachtend, ganze Werkpassagen, ja Werke durchdirigieren, bevor er in sets gleicher, freundlich-distanzierter Art Details zu er\u00f6rtern beginnt. Die jungen Talente haben schliesslich nicht alle Tage \u2012 teilweise auch zum ersten Mal \u2012 die Gelegenheit, zu erleben, wie ein Spitzenorchester auf sie reagiert. <\/p>\n<p> Die Teilnehmer beschr\u00e4nken sich aufs Dirigieren, winken nie ab, geben keine verbalen Erkl\u00e4rungen zur Deutung der Werke, setzen h\u00f6chstens dann und wann einmal neu an, wenn im Orchester einzelne Stimmen auseinanderdriften. Es herrscht konzentrierte, recht n\u00fcchterne Werkstattatmosph\u00e4re, aufmerksam aufgenommen von einem interessierten Publikum, einigen Dutzend Zaung\u00e4sten auf Galerie und im Parkett. Der Grossteil des Saales ist (etwa ab der achten Parkettreihe) mit einem Vorhang abgetrennt, so dass ein kleinerer, intimerer Raum entsteht, in dem sich Orchester und Dirigierende n\u00e4her scheinen, als sonst im dem Saal \u00fcblich. <\/p>\n<p> Dirigierkurse werden immer mehr angeboten. Sie sind beim Publikum beliebt, werten ein Festival oder Residenzorchester auf und passen sich gut ein in die erweiterten Aufgaben von Musikinstitutionen, welche die Grenzen zwischen Konzertangeboten sowie Vermittlungs-und Ausbildungsaufgaben immer durchl\u00e4ssiger werden lassen. Der Kurs Zinmans ragt dar\u00fcber hinaus. Er kann nicht dem Zeitgeist zugeordnet werden, ist der amerikanische Dirigent doch eine Ikone der Dirigierausbildung. <\/p>\n<p> Von 1985 bis 2009 war er musikalischer Leiter des Aspen Musikfestivals, eines der globalen Leuchtt\u00fcrme der Nachwuchsf\u00f6rderung in Sachen Dirigieren \u2012 bis seine und die Vorstellungen des Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers Alan Fletcher zum Festival sich nicht mehr unter einen Hut bringen liessen. Die Dauer des Anlasses sollte gek\u00fcrzt und die Mitarbeiterzahl reduziert werden. Zinman legte 2010 noch vor Beginn des Kurses sein Amt per sofort nieder. In der Tonhalle hat er einen alternativen Ort gefunden, um seine p\u00e4dagogische Arbeit fortzuf\u00fchren. <\/p>\n<p> Auch wenn Zinman als eine der Pers\u00f6nlichkeiten in der Talentf\u00f6rderung seines Faches betrachtet werden kann und er in Aspen ein eigenes Programm entwickelt hat, ist seine Mentorenarbeit nicht einer bestimmten \u00c4sthetik oder Schule verpflichtet. Seine Interventionen beschr\u00e4nken sich auf einzelne recht sachliche Hinweise zur Schlagtechnik und zum allgemeinen Ph\u00e4nomen der \u00dcbertragung zwischen Dirigent und Orchester. Dabei beharrt er immer wieder darauf, dass der Orchesterleiter seine Ideen klar und transparent in gestische Anweisungen umzusetzen habe und sich nicht vom Orchester f\u00fchren lassen d\u00fcrfe (\u00abnicht auf das Orchester warten!\u00bb), sondern vielmehr dieses aktiv anleiten solle. <\/p>\n<p> So selbstverst\u00e4ndlich dies auch klingen mag, einige Teilnehmer folgen zeitweise tats\u00e4chlich lieber dem Orchester, als dass sie wirklich F\u00fchrungsanspruch anmelden w\u00fcrden. Zuviel Respekt vor dem Weltklasseorchester und seinem erfahrenen Chefdirigenten? Zinman k\u00fcmmert\u2018s nicht. Ist einem Register oder Orchestersolisten eine Passage unklar, bittet er den Kursteilnehmer auch mal, die betreffende Stelle vorzusingen, damit sie nachvollziehbar wird. Eine gute \u00dcbung in pers\u00f6nlicher Souver\u00e4nit\u00e4t. <\/p>\n<p> Die Gestik des einen scheint Zinman zu nachl\u00e4ssig (\u00abtoo sloppy\u00bb), einem andern zeigt er, wie er statt aus dem Ellbogen mit weitaus \u00f6konomischerem Aufwand aus dem Handgelenk klarere und f\u00fcr die Musiker besser lesbare Zeichen geben kann. \u00d6konomie der Schlagtechnik ist \u00fcberhaupt eines der Hauptthemen des Routiniers; sie d\u00fcrfte es auch \u00fcber eine ganzen Lebenszyklus jedes Dirigenten sein, der \u2012 man beobachte nur einmal gestandene Vertreter des Faches wie Zinman selber oder Abbado \u2012 mit immer weniger kinetischem Aufwand einen Klangk\u00f6rper letztlich immer sicherer f\u00fchren. <\/p>\n<p> Deutungen der Musik oder Emotionalisierungen der Arbeit sind die Sache Zinmans nicht, auch Kunstst\u00fccklein oder Pointen f\u00fcr die Galerie gibt\u2019s nicht. Die Hinweise beschr\u00e4nken sich auf Formales wie die Art, ein Crescendo richtig herauszuarbeiten, oder die Notwendigkeit, einem Register die Zwei eines Taktes deutlich anzuzeigen, damit es in der Phrasierung einer Solpassage richtig gef\u00fchrt wird. Die Dialoge wirken manchmal wie Handwerker-Fachsimpelei an \u2012 wo ist denn nun der Hobel oder die S\u00e4ge anzusetzen, um die richtige Form des eingespannten Bauteils zu finden? <\/p>\n<p> Gelegentlich stellt Zinman Suggestivfragen. Weshalb beginnen die zweiten Geigen in diesem und diesem Takt bei einer Begleitfigur anzuziehen? Von den Teilnehmern kommen meist vage, eher empathische Anworten. Weil sie die Viertelnote nicht ausspielen, lautet der n\u00fcchterne Hinweis Zinmans. So f\u00fcllt sich nach und nach der Baukasten der jungen Dirigenten mit einer F\u00fclle an Tipps und Tricks. Vor allem darum geht es letztlich in solchen Kursen.<\/p>\n<p> Nur selten verl\u00e4sst Zinman den sicheren Boden des So-wird\u2019s-gemacht. Von einem Teilnehmer w\u00fcnschte er sich in der Interpretation einer Berlioz-Ouvert\u00fcre etwa \u00abmehr Wildheit\u00bb. Aber auch in diesem Fall bleibt die Anweisung im Rahmen praktisch umsetzbarer Hinweise. <\/p>\n<p> Zinman hat den Dirigierkurs in der Z\u00fcrcher Tonhalle nun zum vierten Mal durchgef\u00fchrt. Er konnte aus 150 Bewerbungen ausw\u00e4hlen, darunter fanden sich 20 Dirigentinnen; das sind gut 13 Prozent Anteil an den Gesamteingaben, wenn man die Milchb\u00fcchleinrechnung machen will. Unter den 8 ausgew\u00e4hlten findet sich ein Frau, die in Z\u00fcrich lebende Leitern des Arosa Musik Theaters Zoi Tsokanou. Der Frauenanteil entspricht damit ziemlich genau dem Geschlechterverh\u00e4ltnis bei den Bewerbungen. Eine bewusste oder unbewusste Frauenquote? Man k\u00f6nnte das als politisch korrekte Erbsenz\u00e4hlerei abtun, h\u00e4tte sich die geb\u00fcrtige Griechin nicht als eine der st\u00e4rksten Pers\u00f6nlichkeiten im Feld erwiesen. Und das Thema Dirigentinnen ist \u2012 trotz Simone Young, Marin Alsop, Susanne M\u00e4lkki oder den in der Schweiz wirkenden Lena-Lisa W\u00fcstend\u00f6rfer und Graziella Contratto \u2012 nach wie vor ein sensibles.<\/p>\n<p> Zinman, der nun als Chefdirigent des Z\u00fcrcher Tonhalle-Orchesters zur\u00fcckgetreten ist, wird den Kurs in Z\u00fcrich \u00fcbrigens fortsetzen, wie er in einem Gespr\u00e4ch mit Journalisten in der Mittagspause verr\u00e4t. Da erkl\u00e4rt er \u00fcbrigens auch, er zeige den Teilnehmern nicht vor, wie etwas gemacht werden m\u00fcsse, nur damit sie ihn dann imitierten, statt zu ihren eigenen L\u00f6sungen zu finden. Gleich nach der Pause wird er dem Prinzip allerdings ein erstes (aber zugegebenermassen seltenes) Mal untreu, als er vorzeigt, wie im \u00dcbergang vom Adagio zum Allegro non troppo zu Beginn des ersten Satzes von Tschaikowskys \u00abPath\u00e9tique\u00bb der \u00dcbergang von den Bratschen zu den Fl\u00f6ten mit einem fast beil\u00e4ufigen, aber organischen Fingerzeig zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit wird. Im unflexiblen Taktschlagen des Teilnehmers hatten sich die Fl\u00f6ten zun\u00e4chst nicht zurechtgefunden. <\/p>\n<p> Der Kontrast ist verbl\u00fcffend, der Nachwuchsdirigent aber auch etwas im Hintertreffen, dirigiert doch Zinman \u00absein\u00bb Orchester , mit dem er \u00fcber Jahre zusammengewachsen ist. So ist auch kaum feststellbar, wie weit die leicht und selbstverst\u00e4ndlich wirkende Einheit tats\u00e4chlich Zinmans Dirigiertechnik und wie weit seinem \u00abHeimvorteil\u00bb zuzuschreiben ist. <\/p>\n<p> Etwas macht Zinmans Kurs einmal mehr klar: die Zeiten der grossen v\u00e4terlichen Charismatiker und Pultstars sind vorbei. Keine Celibidaches, Bernsteins und Karajans mehr pr\u00e4gen das Orchesterleben, es sind die Zinmans, Rattles und Pappanos\u2026 Pragmatiker, die sich als Orchesterarbeiter verstehen, nicht prophetische Weltendeuter. Das ist auch gut so. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Teilnehmer des Kurses waren Joseph Bastian (musikalischer Leiter des Abaco-Orchesters, Sinfonieorchester der Universit\u00e4t M\u00fcnchen), Pablo Rus Broseta (Musikdirektor der Group Mixtour und Assistenzdirigent des Joven Orquesta de la Generalitat Valenciana), Isaac Gonzales (Universit\u00e4t von Valencia), Yang Chiao (Musikdirektor des New Haven Chamber Orchestra), Fran\u00e7ois L\u00f3pez-Ferrer (ab kommenden September Studierender der ZHdK), James Lowe (Chefdirigent des Edinburgh Contemporary Music Ensemble), Zoi Tsokanou (Leiterin Arosa Musik Theater), Francisco Valero-Terribas (freier Dirigent). <\/p>\n<p> Die gespielten Werke: Ernest Bloch: Schelomo, Hebr\u00e4ische Rhapsodie f\u00fcr Cello und Orchester (mit Alexander Neustroev als Solist), Hector Berlioz: Le carnaval romain op.9, Wagner: Vorspiel zu \u00abParsifal\u00bb, Pjotr Tschaikowsky: Sinfonie Nr.6 \u00abPath\u00e9tique\u00bb, Felix Mendelssohn: Sinfonie Nr. 3 \u00abSchottische\u00bb.<br \/><\/span> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">4. Internationaler Dirigierkurs David Zinman, Tonhalle Z\u00fcrich, 30. Juni bis 2. Juli 2013 (besuchter Tag: 1. Juli)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>02.07.2013 &#8212; David Zinman sitzt mitten im Orchester, zwischen Zweiten Geigen und Bratschen, neben sich eine Videokamera, vor sich ein&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-865","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ereignisbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/865","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=865"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/865\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=865"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=865"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=865"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}