{"id":866,"date":"2014-01-12T13:45:49","date_gmt":"2014-01-12T13:45:49","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/der-cirque-de-loin-im-stadttheater-bern\/"},"modified":"2014-01-12T13:45:49","modified_gmt":"2014-01-12T13:45:49","slug":"der-cirque-de-loin-im-stadttheater-bern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/der-cirque-de-loin-im-stadttheater-bern\/","title":{"rendered":"Der Cirque de Loin im Stadttheater Bern"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">06.09.2013 &#8212; Wahnwitz verspricht das Musikfestival Bern. Da besucht man nicht unbedingt eine Missa Solemnis im M\u00fcnster (zur Er\u00f6ffnung des Festes). Alleine die Benamsung! Das einzig Wahnwitzige an einer feierlichen Messe, garniert von feierlich Zeitgen\u00f6ssischem, ist der Kontrast zum Festival-Motto. Ansonsten wird auch eine Jahrmarkts-Orgel herumgeschoben, die zweckentfremdet allerlei zeitgen\u00f6ssische Ger\u00e4usche absondert, als ob Brecht mit seinem Verfremdungstick sich ans Drehorgelfestival Thun verirrt h\u00e4tte: wahnsinnige Nostalgie, nostalgischer Wahnsinn, man hat die Wahl. Zum Kanton passt\u2019s.<\/p>\n<p> In der Berner Psychiatrie mit dem poetischen Namen \u00abWaldau\u00bb gibt\u2019s auch Veranstaltungen, das passt auch zum Motto, und zum Bern der W\u00f6lflis und Glausers, und der zahlreichen selbsternannten Jessuse und Prediger, die den Kanton immer wieder heimgesucht haben, sowieso. Der Berner hat ein Flair f\u00fcr Sonderlinge, satyrische Erdenschwere und schr\u00e4ge Volkskultur. Das Festivalmotto war insofern einfach mal f\u00e4llig. <\/p>\n<p> Da erstaunt es nicht, dass auch die Gattung des wahnwitzigen Kleinzirkus in Bern schon immer zu Hause war. \u00c4ltere Semester erinnern sich an den Povero Circo Morelli und Zampanoo\u2018s Vari\u00e9t\u00e9, die so manche Komikerkarriere in der Schweiz bef\u00f6rdert haben, unter anderem die von Peter Freiburghaus (Duo Fischbach), Schifer Schafer (heute Stiller Has) oder Viktor Giacobbo. Was ist bloss aus letzterem geworden! Von Zampanoo\u2019s zum Zampano der Schweizer Comedian-Szene. Und von z\u00fcndenden, frechen Einf\u00e4llen zu faden Witzchen. <\/p>\n<p> Zampanoo\u2019s war politisches Strassentheater. Und welches Thema w\u00fcrde sich f\u00fcr Wahnwitz aufdr\u00e4ngen, wenn nicht Politik? Ein Parlamentssaal auf der B\u00fchne h\u00e4tte den Vorteil, dass man sich aufwendiges Dekor sparen k\u00f6nnte. Irrwitzige Stimmung m\u00fcsste dann nicht noch k\u00fcnstlich evoziert werden. Nur leider scheint sich die heutige Jugend und Schauspielergeneration in apolitischen M\u00e4rchen- und Fantasywelten eingerichtet zu haben.<\/p>\n<p> Im Stadttheater Bern spielen die gut ein halbes Dutzend Akteure des Cirque de Loin vor geschlossenem Vorhang \u00fcber dem Orchestergraben \u2012 mit einer Strassentheater-Szenerie, die zum gutb\u00fcrgerlichen Pl\u00fcsch- und Balkone-Theatersaal immerhin h\u00fcbsch kontrastiert: im Zentrum ein Tanzseil auf etwa zwei Meter H\u00f6he, flankiert von einem besteigbaren Baldachin und einem l\u00e4dierten Kleinwagen, der matt ins Publikum leuchtet. Dazwischen eine etwa f\u00fcnf Meter hohe Akrobatikstange, ein Klavier (unter dem Baldachin ein Schlagzeug) vorne ein Tischtennis-Tisch als mobiles B\u00fchnenteil. Garniert wird das ganz von allerlei weiterem flohmarktaffinem Krempel. <\/p>\n<p> Zun\u00e4chst gibt\u2019s aber draussen vor der T\u00fcr viel Geratter, Geknatter und Gerumpel von der Jahrmarkts-Orgel. Daf\u00fcr haben Schweizer Komponisten der Gegenwart neue St\u00fccke geschrieben. Was f\u00fcr eine Herausforderung! Sperrt sich das Instrument doch gegen s\u00e4mtliche Errungenschaften der Neuen Musik der letzten sechzig Jahre: Keine Mikrot\u00f6ne, keine geschmeidige Glissandi, keine subtile Dynamikabstufungen und fraktale Spieltechniken, bloss ehrliches Tuten, Trommeln und Pfeifen. So t\u00f6nen die neuen St\u00fccke denn alle frei- oder unfreiwillig parodistisch \u2012 aber wirklich auch witzig, als w\u00fcrde Kapit\u00e4n Nemo sein Leben als Berner Stadtoriginal beenden. <\/p>\n<p> Die Parabelhandlung des St\u00fccks \u00abThe Fool and the Princess\u00bb, das der Cirque de Loin im Theater gibt, ist nicht so wichtig: Ein K\u00f6nigspaar, das kinderlos bleibt, n\u00f6tigt einer Bauernfrau einen Thronfolger ab, der zugleich mit einer Zwillingsschwester geboren wird. Die beiden lernen sich kennen und lieben, und wie\u2019s weitergeht steht in den Sternen. Erz\u00e4hlt wird das Ganze in einer Mischung aus Nummernrevue, Klamauk, Akrobatik und Schwarzweissfilm f\u00fcr die Vorgeschichte, in einem beliebig wirkenden Durcheinander aus Dialekt, Hochdeutsch, Franz\u00f6sisch, Englisch und mutmasslicherweise weiteren Idiomen, man hat in dem zeitweiligen L\u00e4rm der B\u00fchnenmusik und des Rumh\u00fcpfens und Balancierens nicht alles verstanden. <\/p>\n<p> Der Aktivismus. Das St\u00fcck k\u00f6nnte eine straffere Dramaturgie vertragen (vermutlich das Resultat einer Erarbeitung in Form kollektiver Improvisationen, so wirkt es zumindest), h\u00e4ufig geschieht auf der B\u00fchne zu viel zu unmotiviert, und die Gesangseinlagen hemmen den Fluss der Geschichte. F\u00fcr eine Performance auf der Strasse w\u00fcrden sie gen\u00fcgen. Im geschlossenen Theaterraum bieten sie zu wenig gekonnte Kunst, als dass sie zu packen verm\u00f6chten. So richtig gut wird das Ganze eigentlich bloss in den wenigen Momenten, in denen das Ensemble direkt mit dem Publikum interagiert, wie dies in einem Strassentheater-Format im Grunde unerl\u00e4sslich ist. Ansonsten fehlen etwas der Witz, die z\u00fcndende Parodie, die Spontaneit\u00e4t und die wirklich ber\u00fchrende Poesie.<\/p>\n<p> Aus dem Setting \u2012 Strassenkunst im Herzen der b\u00fcrgerlichen Hochkultur \u2012 liesse sich einiges mehr machen. Dazu br\u00e4uchte es aber etwas mehr politisches Bewusstsein, Kenntnis der aktuellen lokalen Themen, spontane Interaktion, Provokation und Spielwitz. Das handwerkliche Potential dazu hat die Truppe zweifelsohne. Also: bitte ein zweiter Anlauf. Man m\u00f6chte einmal von Herzen lachen, mitleben, sich \u00fcberraschen und den Spiegel vorhalten lassen k\u00f6nnen. Des ganzen Wahnwitzes der Zeit gewahr werden. Dazu w\u00e4re das Theater da. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Donnerstag, 5. September, 2013, Stadttherater Bern, Musikfestival Bern: \u00abThe Fool and the Princess\u00bb. Cirque de Loin. Schweizer Erstauff\u00fchrung. Koproduktion von Stadttheater Klagenfurt, Association du Ch\u00e2teau de Monthelon, Konzert Theater Bern und Musikfestival Bern. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>06.09.2013 &#8212; Wahnwitz verspricht das Musikfestival Bern. 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