{"id":867,"date":"2014-01-12T13:46:18","date_gmt":"2014-01-12T13:46:18","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/das-osesp-unter-marin-alsop-in-zuerich\/"},"modified":"2014-01-12T13:46:18","modified_gmt":"2014-01-12T13:46:18","slug":"das-osesp-unter-marin-alsop-in-zuerich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/das-osesp-unter-marin-alsop-in-zuerich\/","title":{"rendered":"Das Osesp unter Marin Alsop in Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">14.10.2013 &#8212; In den letzten eineinhalb Jahrzehnten hat das Orquestra Sinf\u00f4nica do Estado de S\u00e3o Paulo (Osesp) der brasilianischen Wirtschaftsmetropole S\u00e3o Paulo Anstrengungen unternommen, um Profil und Resonanz zu gewinnen. Der geb\u00fcrtige Carioca John Neschling, der zuvor Chefdirigent des Sinfonieorchesters St. Gallen und musikalischer Oberleiter am Stadttheater St. Gallen war, hat dabei eine Schl\u00fcsselrolle gespielt. Neschling und das Orchester haben sich allerdings im Streit getrennt, der Dirigent ist heute K\u00fcnstlerischer Leiter des Stadttheaters von S\u00e3o Paulo. Mit der amerikanischen Dirigentin Marin Alsop hat das Ensemble heute aber eine Leiterin, die sich als eine der wenigen (wenn nicht einzige) Frau in dem Metier international dauerhaft hat durchsetzen k\u00f6nnen und dem Klangk\u00f6rper internationale Aufmerksamkeit verschafft. <\/p>\n<p> Die Tonhalle Z\u00fcrich vermag das opulent besetzte Orchester kaum zu fassen, und bis kurz vor Konzertbeginn im Rahmen der Reihe Meisterinterpreten probt es im Saal noch, um sich an die offenbar ungewohnt engen Verh\u00e4ltnisse anzupassen. Um dies vorwegzunehmen: Man war \u00fcberrascht, wie transparent und dynamisch stimmig sich der Klangk\u00f6rper bei aller akustischen F\u00fclle pr\u00e4sentierte, und wie schnell er jeweils nach kurz h\u00f6rbaren Registerkalibrierungen in der Koordination zu stupender Pr\u00e4zision fand \u2012 sowohl in Beethovens viertem Klavierkonzert (wo die H\u00f6rner zun\u00e4chst die Intonation feinabzustimmen hatten) als auch in Mahlers erster Sinfonie, wo Streicher und Bl\u00e4ser in den kaum von einem rhythmischen Puls definierten Pianissimo-Fl\u00e4chen sich zun\u00e4chst synchronisieren mussten. <\/p>\n<p> Als erstes gab\u2019s aber mal einen h\u00f6chst vergn\u00fcglichen Einstieg mit \u00abTerra Brasilis\u00bb, einer frechen \u00abFantasie \u00fcber die brasilianische Nationalhymne f\u00fcr Orchester\u00bb der mit allen musikalischen Wassern gewaschenen Clarice Assad, der Tochter des Gitarristen und Komponisten Sergio Assad. Von ihr wird man auch hierzulande zweifellos noch einiges h\u00f6ren, so souver\u00e4n und vital sie mit dem grossen Orchesterapparat umzugehen versteht und so geschickt sie kompositorischen Einfallsreichtum mit strukturellem Formgef\u00fchl und \u00e4sthetischer Zug\u00e4nglichkeit zu kombinieren vermag. <\/p>\n<p> F\u00fcrs Klavierkonzert gesellte sich der Pianist Nelson Freire zum Orchester \u2012 zu einer Sternstunde der Beethoven-Interpretation. Orchester und Solist durchdrangen das Werk mit genauso viel Energie wie Transparenz und Delikatesse und hoben es \u00fcber Diskussionen \u00fcber konservatives und historisch informiertes Interpretieren weit hinaus in eine Sph\u00e4re allgemeing\u00fcltiger Gestaltungsprinzipien und expressiver Zeitlosigkeit. Der zweite Satz, in dem Nelson das Kunstst\u00fcck vollbrachte, die Zeit fast zum Stillstehen zu bringen und dabei die Innenspannung hochzuhalten, war sicherlich einer der H\u00f6hepunkte des Abends \u2012 atemraubend. Den zerst\u00f6rte Freire auch nicht mit einer appellativen Zugabe. Das \u00e4sthetische Statement bekr\u00e4ftigte er vielmehr mit einer Wiedergabe von Bachs Choral \u00abJesu bleibt meine Freude\u00bb, einem Paradest\u00fcck von Pianisten alter Schule. Man glaubte, Dinu Lipatti gr\u00fcsse von weitem.<\/p>\n<p> So hoch wurde da k\u00fcnstlerisch die Latte gelegt, dass die Erwartungen an die Wiedergabe der Mahler-Sinfonie m\u00f6glicherweise zu hoch gingen. Als es um den entspannt-wienerischen, grotesken und ironisch-morbiden Sinfoniker ging, erwies sich Alsops athletisch-aufs\u00e4ssig wirkende geb\u00fcckte K\u00f6rpersprache als wenig empathisch. Zwar zeigte der Klangk\u00f6rper auch hier hohe Orchesterkultur, solistische Potenz und klangliches Feingef\u00fchl. Sein Mahler schien aber doch recht vordergr\u00fcndig, die hintersinnigen Partien (vor allem im zweiten Satz) unausgelotet. <\/p>\n<p> Als Orchesterzugaben gab\u2019s noch eimal zwei St\u00fccke der \u00abTerra Brasilis\u00bb-Machart, als erstes ein freches Choro f\u00fcr grosses Orchester mit Fagott-, Posaunen- und Fl\u00f6tensoli, das sich gewaschen hat und historische Versuche an die Popularkultur Brasiliens anzukn\u00fcpfen \u2012 man denke an Milhauds \u00abLe boeuf sur le toit\u00bb \u2012 buchst\u00e4blich alt aussehen l\u00e4sst. Man geht kein grosses Wagnis ein, wenn man dem Osesp zutraut, in der Entwicklung einer zeitgem\u00e4ssen, global kompetitiven lateinamerikanischen Orchesterkultur eine f\u00fchrende Rolle einzunehmen, aber auch eine wichtige Botschafterrolle f\u00fcr die j\u00fcngere Komponistengeneration des Landes zu spielen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">13. Oktober 2013, Tonhalle Z\u00fcrich: Orquestra Sinf\u00f4nica do Estado de S\u00e3o Paulo (Osesp), Marin Alsop (Leitung), Nelson Freire (Klavier). Clarice Assad: \u00abTerra Brasilis\u00bb \u2013 Fantasie \u00fcber die brasilianische Nationalhymne f\u00fcr Orchester, Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58, Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur \u00abTitan\u00bb. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.10.2013 &#8212; In den letzten eineinhalb Jahrzehnten hat das Orquestra Sinf\u00f4nica do Estado de S\u00e3o Paulo (Osesp) der brasilianischen Wirtschaftsmetropole&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-867","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ereignisbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/867","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=867"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/867\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=867"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=867"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=867"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}