{"id":868,"date":"2014-01-12T13:46:51","date_gmt":"2014-01-12T13:46:51","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/hypermusic-prologue-alice-im-branenland\/"},"modified":"2014-01-12T13:46:51","modified_gmt":"2014-01-12T13:46:51","slug":"hypermusic-prologue-alice-im-branenland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/hypermusic-prologue-alice-im-branenland\/","title":{"rendered":"Hypermusic Prologue: Alice im Branenland"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">19.10.2013 &#8212; Lewis Carroll hat\u2019s vorgemacht. Seine <em>Alice im Wunderland<\/em> ist eine wunderbare Metapher \u2012 \u00fcber das Staunen angesichts der Absurdit\u00e4ten, die der Zusammenprall menschlicher Wahrnehmung und Emotionalit\u00e4t mit den undurchschaubaren Bauprinzipien des Universums provoziert. F\u00fcr Mathematiker, wie Carroll auch einer war, gibt\u2019s nichts Begl\u00fcckenderes als scheinbar weit auseinanderliegende Architekturen, deren Formen letztlich vollkommen abgeglichen werden k\u00f6nnen, aber auch keine gr\u00f6ssere Herausforderung als Strukturen, die sich nur beinahe \u00fcbereinanderlegen lassen und den Stachel des Widerspruchs in sich tragen. Und auch wenn es sich K\u00fcnstler und Literaten manchmal zu wenig bewusst sind: Sie werkeln im Grunde genommen in derselben Manufaktur \u2012 auf der Suche nach Metaphern, Schematas, die sich von einer Dom\u00e4ne in eine andere \u00fcbertragen lassen, um neues Licht auf scheinbar Altbekanntes zu werfen. <\/p>\n<p> Solche \u00dcbertragungen haben in der zeitgen\u00f6ssischen \u00c4sthetik zunehmend Interesse geweckt, sei es in der k\u00fcnstlerischen Darstellung wissenschaftlicher oder medizinischer Daten in der Sonifikation, sei es in strukturellen Verschr\u00e4nkungen von Intertextualit\u00e4t, dem postmodernen Spiel mit Selbst- und Fremdreferenzen und mit Transformationen ganzer Bedeutungsr\u00e4ume. Moderne Kosmologie und Elementarteilchenphysik wiederum scheinen die letzte Dom\u00e4ne ernstzunehmender Metaphysik \u2012 mit ihren Spekulationen um eingerollte mehrdimensionale Mikrowelten (das muss man sich mal vorstellen!), Paralleluniversen und obskuren Materien und Energien, f\u00fcr die sich unter Umst\u00e4nden nicht einmal emprische Belege finden lassen werden. Zugute kommt den Erbverwalterinnen und -verwaltern Newtons und Einsteins, dass die wirkliche Welt da draussen (was immer das auch sein soll) durch menschliche Weltmodelle vermutlich unterbestimmt ist und es m\u00f6glicherweise gar \u00fcberabz\u00e4hlbar viele konsistente Beschreibungen des Universums gibt. Da ist (Hyper-)raum f\u00fcr kreative Freiheiten. <\/p>\n<p> Der Komponist H\u00e8ctor Parra hat die theoretische Physikerin Lisa Randall um ein Libretto einer Oper gebeten, den Entwurf einer Metapher f\u00fcr die Transzendenz des Vertrauten in Kosmologie und \u00e4sthetischen Prozessen. Da gilt es, die Herausforderung zu meistern, absolut unimaginierbare und gef\u00fchlsm\u00e4ssig nicht erfassbare Strukturen auf kleinsten Skalen der Weltbeschaffenheit auf die fantastischen, emotionsgetr\u00e4nkten und sinnlichen Topoi der westeurop\u00e4ischen Operntradition zu projizieren. Was f\u00fcr eine Idee!<\/p>\n<p> Parra hat dazu f\u00fcr die Musik Strategien gew\u00e4hlt, die an Verfahren der Sonifikation erinnern, und streckenweise auch deren Klangerfahrungen evozieren: Er hat physikalische Parameter auf musikalische abgebildet, physikalische Gr\u00f6sse\/Distanz auf die Dauer einer musikalischen Phase, Zeit auf rhythmische Dichte, Masse auf Lautst\u00e4rke, Energie auf eine komplexere Mixtur aus Amplitude und Spektrum musikalischer Gegenst\u00e4nde. Verzerrungen zwischen raumzeitlichen Dimensionen spiegeln sich in den Transformationen der Kl\u00e4nge mit Hilfe elektronischer Bearbeitungen und Schichtungen. <\/p>\n<p> Das Verfahren l\u00e4sst (wie einst serielle Konstruktionsprinzipien) Raum f\u00fcr freie \u00e4sthetische Gestaltung. So nimmt die dabei in enger Zusammenarbeit von Librettistin und Komponist entstandene Oper \u00abHypermusic Prologue\u00bb neben der Frage, wie sich radikal artfremde Strukturen \u00fcberblenden lassen, auch die musiktheaternahe Frage auf, was solche Explorationen der Welt mit uns als Menschen machen. \u00dcbersetzt haben dies die beiden in eine typische opernaffine Konfliktsituation zwischen einem beharrenden, \u00e4ngstlichen Beschw\u00f6rer des Bew\u00e4hrten in der Form eines Baritons und einer offenen, neugierigen und damit zentripetalen Welten-Erkundigerin in Form eines Soprans. <\/p>\n<p> Der Sopran, eine Art erwachsen gewordene, aber nach wie vor unvoreingenommene, einfach mal staunende Alice, erobert sich eine f\u00fcnfte Dimension, die \u2012 den physikalischen Theorien Randalls gem\u00e4ss \u2012 die wahre Macht der Gravitationskraft beherbergt (auf einer sogenannten Brane, einer Art Parallelwelt zu der uns vertrauten, von der nur ein schwacher Abglanz in unsere bekannten Weltdimensionen hin\u00fcberschimmert). Das S\u00e4ngerpaar kombiniert dabei allzumenschliche emotionale Verstrickungen und Begehrlichkeiten mit avanciertesten Fragen der theoretischen Physik. Das kann \u00e4hnlich skurril und absurd wirken wie die zur\u00fcckbleibende Grimasse der verschwindenden Grinsekatze in Alice\u2018 kindlicher Erfahrung. Es ist auch genauso irritierend und intelligent wie erheiternd. <\/p>\n<p> Eine konzeptionell derart ambitionierte Oper funktioniert nur, wenn die Musik auch f\u00fcr sich sprechen kann und nicht bloss ein Konstrukt bleibt, hinter dem man die Absicht erkennen w\u00fcrde und verstimmt w\u00e4re. Die Gefahr ist gebannt: Parra ist ein zu authentischer, handwerklich zu souver\u00e4ner Tonsch\u00f6pfer, als dass sich die Partitur im blossen Einfall ersch\u00f6pfen w\u00fcrde. In der knappen Stunde Wiedergabe kann man sich den fremden Kl\u00e4ngen hingeben \u2012 faszinierenden, granular-fragmentarischen Teilchenschauern eines Ensembles aus Streichquartett (mit Kontrabass statt zweiter Violine), Fl\u00f6te, Klarinette, Saxophon, Schlagwerk, den beiden S\u00e4ngerakteuren und Elektronik. Die Grossarchitektur tr\u00e4gt im grossen Atem \u00fcber die Stunde. Das Berliner Zafraan Ensemble bietet unter der Leitung von Manuel Nawri eine exzellente Wiedergabe, die Sopranistin Johanna Greulich und der Bariton Robert Koller \u00fcberzeugen sowohl s\u00e4ngerisch als auch darstellerisch. <\/p>\n<p> Auch das B\u00fchnenkonzept (Tobias Flemming) und die Regie (Benjamin Schad) f\u00fcgen sich zum Ganzen. Zitate bekannter Operntopoi \u2012 ein Brunnen evoziert die Symbolik von Wagners <em>Tristan<\/em> oder <em>Tannh\u00e4user<\/em>, endlose Papierrollen (mit den Weltenformeln) den mozartschen Leporello \u2012 ein schr\u00e4g \u00fcber die Szenerie aufsteigendes Netz projiziert die f\u00fcnfte Dimension in den vierdimensionalen Raum und entr\u00fcckt sinnf\u00e4llig dem auf dem Boden bleibenden Bariton die Sopranistin. \u00abHypermusic Prologue\u00bb ist ein grosses Werk, das eine lange Interpretationsgeschichte verdient \u2012 auf allen m\u00f6glichen B\u00fchnen und Branen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Hector Parra (Musik), Lisa Randall (Libretto): Hypermusic Prologue, Oper f\u00fcr zwei Singstimmen, Kammerensemble und Elektronik. Zafraan Ensemble, Manuel Nawri (Leitung), Benjamin Schad (Regie). Besuchte Auff\u00fchrung: 18. Oktober 2013, Gare du Nord Basel. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19.10.2013 &#8212; Lewis Carroll hat\u2019s vorgemacht. 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