{"id":869,"date":"2014-01-12T13:47:24","date_gmt":"2014-01-12T13:47:24","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/stephanie-argerichs-film-bloody-daughter\/"},"modified":"2014-01-12T13:47:24","modified_gmt":"2014-01-12T13:47:24","slug":"stephanie-argerichs-film-bloody-daughter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/stephanie-argerichs-film-bloody-daughter\/","title":{"rendered":"St\u00e9phanie Argerichs Film \u00abBloody Daughter\u00bb"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/><strong>22.11.2013 &#8212; Die j\u00fcngste Tochter der Pianistin Martha Argerich hat einen Film gedreht \u00fcber \u2012 ja, \u00fcber was eigentlich? Er bringt sehr intime Einblicke in ein nicht ganz intaktes Familienleben. Fragt sich, ob wir das alles wirklich wissen wollen. Das Schweizer Fernsehen strahlt die preisgekr\u00f6nte Dokumentation am Sonntagabend aus.<\/strong><\/p>\n<p> Man wird unvermittelt in h\u00f6chste famili\u00e4re Intimit\u00e4t geworfen: Die hochschwangere Filmemacherin wird, von ihrer Mutter Martha Argerich beobachtet, im Spitalbett sitzend untersucht. Ein Schockmoment, der mit dem Schnitt zum nicht minder dramatisch-k\u00f6rperlichen Filmtitel \u00abBloody Daughter\u00bb ja nicht gerade abgemindert wird.<\/p>\n<p> St\u00e9phanie Argerich erz\u00e4hlt ihre Geschichte und die Geschichten ihrer Mutter, ihrer \u00e4ltesten Halbschwester, ihres Vaters, ihrer Grossmutter in privaten Filmdokumenten und neueren Aufnahmen, die alle ein individuelles Schicksal auf sehr weibliche Art erz\u00e4hlen. Es gibt viel Raum f\u00fcr Einblicke in intime famili\u00e4re Momente, K\u00f6rperpflege, Schminken und unabl\u00e4ssiges F\u00fchlen der Temperatur von Beziehungen. Ein Frauenfilm? Die Nahaufnahmen von Haut, Zehen und Haaren und der sinnlich-z\u00e4rtliche, versponnene Unterton erinnern streckenweise tats\u00e4chlich an Videos von Pipilotti Rist. <\/p>\n<p> Allerdings macht man spontan das Gedankenexperiment: W\u00fcrde uns die Geschichte auch interessieren, wenn es sich bei der Protagonistin nicht um einen Weltstar am Klavier handeln w\u00fcrde, sondern zum Beispiel um diejenige einer mittel- und namenlosen Migrantin? Genauso f\u00fchlt sie sich an: Auseinandergrissene Familien, Patchworkgemeinschaften, die K\u00e4lte der nationen\u00fcbergreifenden B\u00fcrokratie, die den Nachwuchs aus einer Gelegenheitsbeziehung ohne rechtlich festgestellten Vater zur\u00fcckl\u00e4sst.<\/p>\n<p> M\u00f6glicherweise ist es das, was am Film am meisten ber\u00fchrt: Zu sehen, wie unglamour\u00f6s und unbarmherzig Politik und Gesellschaft mit einer vermeintlich Privilegierten umgeht, die einerseits von einem Diktator (Augusto Pinochet) pers\u00f6nlich nach Wien zu Friedrich Gulda empfohlen wird, und der andererseits ein Zusammenleben mit der eigenen Tochter verboten wird, aus Gr\u00fcnden, wie sie zuhauf eben auch Frauen betreffen, die sich und ihre Familie mit weitaus weniger \u00f6ffentlichkeitswirksamen Dienstleistungen \u00fcber Wasser halten und dem Schicksal dabei ein kleines eigenes St\u00fccklein priates Gl\u00fcck abzustehlen versuchen. <\/p>\n<p> Nur: Sagt das alles etwas \u00fcber die Musik Argerichs aus? Gibt es eine Beziehung zwischen ihrer Art Klavier zu spielen, die Musik zu h\u00f6ren, und diesem privaten Gang der Dinge? \u00dcber Musik ist in dem Film sehr wenig zu erfahren, kurze Probeausschnitte und Diskussionen um Interpretationen (unter anderem in Warschau mit Chopin), lassen sofort aufblitzen, weshalb Martha Argerich uns wirklich interessiert, ohne zu ihrem engeren Familienkreis zu geh\u00f6ren. Das Thema hat allerdings der Filmemacher Georges Gachot 2002 mit dem Dokumentarfilm \u00abMartha Argerich, Nachtgespr\u00e4ch\u00bb bereits exzellent abgehandelt. <\/p>\n<p> Der Film \u00abBloody Daughter\u00bb heisst so, weil der Vater St\u00e9phanies sie so nennt. Und um ihn, den Pianisten Stephen Kovacevic geht es mindestens genauso wie um die Mutter. In der Geburtsurkunde ist angegeben, ihr Vater sei unbekannt und das einzige, was sie von ihm je erbeten habe, meint sie im Offkommentar einmal, sei eine rechtliche Anerkennung der Vaterschaft. Die zieht sich aber b\u00fcrokratisch in qu\u00e4lende L\u00e4nge, was die Filmemacherin zum Weinen bringt und beim Zuschauer den Eindruck hinterl\u00e4sst, dem Vater sei das Verschleppen des Entscheids gar nicht so unrecht, aus was f\u00fcr Gr\u00fcnden auch immer. Die Kamera nimmt dabei Partei f\u00fcr die Tochter. <\/p>\n<p> Die radikale Frauenperspektive zeigt sich auch mit Blick auf das Schicksal von Lyda, der \u00e4ltesten Tochter Martha Argerichs, die nicht \u2012 wie St\u00e9phanie immer glaubte \u2012 beim Vater aufgewachsen war, sondern bei Pflegefamilien und im Heim. Es wird \u00fcber den Vater geredet, die teils dramatischen Anstrengungen, Lyda mit der Mutter zu vereinen, werden detailliert geschildert, der Vater hat hingegen keine Gelegenheit, dies alles aus seiner Perspektive zu erz\u00e4hlen. Das bleibt eine formale Schw\u00e4che des Streifens. <\/p>\n<p> Wie gefragt: Wollen wir das alles wirklich wissen? Erfahren wir dabei mehr \u00fcber Martha Argerich als Musikerin oder Exemplarisches \u00fcber Familienschicksale im Umfeld der unabl\u00e4ssigen Reiset\u00e4tigkeiten grosser Musikerpers\u00f6nlichkeiten? \u00dcber letzteres vielleicht, aber nichts, was wir nicht schon aus zahlreichen anderen Biografien w\u00fcssten. Allerdings ist der mit einem Prix Italia ausgezeichnete Film als Film so gut gemacht, dass er sich als solcher auch aus sich selber rechtfertigt. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">St\u00e9phanie Argerich: Bloody Daughter, Dokumentarfilm, SRF 1, Sonntag, 24.11.2013, 23:25 Uhr<\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22.11.2013 &#8212; Die j\u00fcngste Tochter der Pianistin Martha Argerich hat einen Film gedreht \u00fcber \u2012 ja, \u00fcber was eigentlich? 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