{"id":890,"date":"2014-01-12T16:17:29","date_gmt":"2014-01-12T16:17:29","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/martinu-der-sinfoniker\/"},"modified":"2014-01-12T16:17:29","modified_gmt":"2014-01-12T16:17:29","slug":"martinu-der-sinfoniker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/martinu-der-sinfoniker\/","title":{"rendered":"Martinu, der Sinfoniker"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/martinu020104.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>02.01.2004 &#8212; Nein, popul\u00e4r geworden ist der Tscheche Bohuslav Martinu (1890\u20131959) auch vier Jahrzehnte nach seinem Tod nicht. Das mag einerseits dem Musikleben anzulasten sein, dessen Protagonisten dem Publikum lieber Bekanntes auftischen als Ungewohntes vorsetzen, es liegt andrerseits aber auch an Charakteristiken von Martinus Partituren und, nicht zuletzt, an unserer H\u00f6r-Erwartung. <\/p>\n<p> Wer erhofft, mit den Mitteln des klassischen Formenkanons, der Dialektik des Sonatenschemas Martinus Musik erschliessen zu k\u00f6nnen, sieht sich get\u00e4uscht. Die Eigenwilligkeit, mit der bereits der Student auf sich aufmerksam machte (der 20-J\u00e4hrige wurde wegen \u00abunverbesserlicher Nachl\u00e4ssigkeit\u00bb aus dem Prager Konservatorium relegiert), hat auch Martinus \u00fcber 280 Kompositionen umfassendes \u0152uvre in seiner Eigenst\u00e4ndigkeit gepr\u00e4gt. <\/p>\n<p> Zwischen 1923 und 1940 lebte Martinu vorwiegend in Paris, wo er, bekannt mit Strawinsky und der Groupe des Six, in vielen Stilen experimentierte. 1941 floh er in die USA, lehrte dort an Universit\u00e4ten. Nach Europa kehrte er 1953 zur\u00fcck; die letzten Jahre verbrachte er, unterst\u00fctzt durch Paul Sacher, in Basel. <\/p>\n<p> Als Sinfoniker war Martinu, der bereits ein vielf\u00e4ltiges Schaffen vorzuweisen hatte, ein Sp\u00e4tling: Erst im Alter von 52 Jahren komponierte er seine 1. Sinfonie (seine l\u00e4ngste und wie die 2. und 4. viers\u00e4tzig; die anderen sind dreis\u00e4tzig). Im Jahresrhythmus folgten vier weitere Sinfonien (1943 bis 1946). Ein schwerer Sturz aus der zweiten Etage zeitigte schlimme Folgen \u2013 Schwerh\u00f6rigkeit und Ged\u00e4chtnisschw\u00e4che \u2013, doch nach langer Rekonvaleszenz verf\u00fcgte Martinu wieder \u00fcber ungeschm\u00e4lerte Schaffenskraft, die sich unter anderem im 3. Klavierkonzert, dem 6. und 7. Streichquartett und der 6. Sinfonie (1951\u20131953) niederschlug. <\/p>\n<p> Letztere, die einzige der sechs \u00fcbrigens, die ohne Klavier auskommt, tr\u00e4gt den Titel \u00abFantaisies symphoniques\u00bb, eine Bezeichnung, die als Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis aller Sinfonien Martinus dienen kann. Fantasie meint auch Freiheit im Umgang mit den kompositorischen Elementen, mit Motivik, Form, Klang, Melodie, Rhythmus, Tonart, Instrumentation. Martinu, inspiriert durch die Folklore seiner Heimat (am auffallendsten in der pastoralen 2. Sinfonie) und von Debussys \u00dcberzeugung, jedes Werk schaffe sich seine eigenen Gesetze, entwickelt die S\u00e4tze nicht aus pr\u00e4gnanten melodischen oder rhythmischen Motiven, sondern aus Zellkernen, aus denen sich, oft z\u00f6gerlich, diffus pulsierend oder murmelnd, einzelne Verl\u00e4ufe ausbreiten, allm\u00e4hlich sich verfestigen, sich formieren und transformieren, nicht immer eindeutig, mehrdimensional und mehrschichtig in rhythmischen und melodischen Variationen. Quasi organisch w\u00e4chst die Substanz, das Spiel von Formung und Umformung. Meist wird es, brillant instrumentiert, vorangetrieben in erheblicher Innenspannung, die sich zuweilen entl\u00e4dt in ekstatischen Ausbr\u00fcchen oder choralartigen \u00dcberh\u00f6hungen. <\/p>\n<p> Die Komplexit\u00e4t und Originalit\u00e4t von Martinus sinfonischer Sprache erfordert ein \u00abdefensives\u00bb H\u00f6ren, das nicht an der Folge einzelner Wegmarken orientiert ist, sondern sich mittragen l\u00e4sst vom Strom der Entwicklung, der Ostinato-B\u00e4nder, der Klangfarben. Auch nach mehrmaligem H\u00f6ren \u00fcberraschen diese Werke immer wieder mit neuen Aspekten. <\/p>\n<p> Es ist zu begr\u00fcssen, dass die vielger\u00fchmte Einspielung von Martinus sechs Sinfonien durch die Bamberger Symphoniker unter dem estnischen Dirigenten Neeme J\u00e4rvi aus den Jahren 1987 und 1988 nun in einem CD-Album greifbar ist. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Bohuslav Martinu: The Symphonies. Bamberg Symphony Orchestra. Leitung: Neeme J\u00e4rvi. (BIS CD 1371\/1372; 3 CDs zum Preis von 2; 182\u2019)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>02.01.2004 &#8212; Nein, popul\u00e4r geworden ist der Tscheche Bohuslav Martinu (1890\u20131959) auch vier Jahrzehnte nach seinem Tod nicht. 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