{"id":894,"date":"2014-01-12T16:19:25","date_gmt":"2014-01-12T16:19:25","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/montaigne-fundgrube-fuer-neugierige\/"},"modified":"2014-01-12T16:19:25","modified_gmt":"2014-01-12T16:19:25","slug":"montaigne-fundgrube-fuer-neugierige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/montaigne-fundgrube-fuer-neugierige\/","title":{"rendered":"Montaigne: Fundgrube f\u00fcr Neugierige"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/montaigne210104.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>21.01.2004 &#8212; Mit dem Ziel, bedeutende Konzerte, die im Th\u00e9\u00e2tre des Champs-Elys\u00e9es in Paris stattgefunden haben, auf Tontr\u00e4ger zu verbreiten, wurde das Label Montaigne 1987 ins Leben gerufen. Bald aber spezialisierte sich Montaigne auf die Musik des 20. Jahrhunderts und f\u00fchrt heute im Katalog als Neu- bzw. Wiederver\u00f6ffentlichungen klingende Namen \u2013 darunter Sch\u00f6nberg, Webern und Berg, Cage, Kagel, Britten, Messiaen, Boulez, Nono, Scelsi, Xenakis, Feldman, Ferneyhough, Lachenmann \u2013 und Interpretationen in herausragender Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p> Vier aus dieser Serie der grafisch einheitlich gestalteten, farblich sich voneinander unterscheidenden Alben seien vorgestellt. <\/p>\n<p> <strong>Bruno Maderna: \u00abSatyricon\u00bb<\/strong> <\/p>\n<p> Mit Luigi Dallapiccola und Luigi Nono geh\u00f6rt Bruno Maderna (Venedig, 1920\u2013Darmstadt, 1973) zu den innovativsten italienischen Avantgardisten nach dem Zweiten Weltkrieg. Dodekaphonie und serielle Komposition handhabte er ohne die n\u00f6rdlich der Alpen gelehrte Rigorosit\u00e4t. Sein Interesse an elektronisch erzeugtem Klangmaterial f\u00fchrte ihn zusammen mit Luciano Berio zur Gr\u00fcndung des Studio di Fonologia in Mailand, dem ersten elektronischen Studio in Europa (1955). <\/p>\n<p> Dass Bruno Maderna, Komponist, Dirigent und Dozent, die kompositorischen Errungenschaften seiner Zeit nicht ausspielte gegen die Traditionen der abendl\u00e4ndischen Musik, sondern in manchen seiner Werke Alt und Neu in Dialog treten liess, beweist seine 1973 am Holland-Festival in Scheveningen uraufgef\u00fchrte Oper \u00abSatyricon\u00bb. Maderna selbst hat das polyglotte Libretto (Lateinisch, Italienisch, Franz\u00f6sisch, Englisch, Deutsch) auf Szenen aus Gaius Petronius (gest. 66 v. Chr.) zusammengestellt. <\/p>\n<p> Mit dieser Opera buffa leistete sich Maderna einen witzigen, von Anspielungen und Zitaten durchtr\u00e4nkten Heidenspass, Parodie und Pasticcio in einem, ein grotesk-bizarres Stimmen- und Ger\u00e4usch-Theater, mal rezitiert, mal parlando, hier h\u00e4ndelsch, dort webernsch, mit trockener Fuge und s\u00fcffigem Musical-Sound. Ein auf f\u00fcnfzig Minuten komprimierter \u00dcberblick \u00fcber drei Jahrhunderte Musiktheater \u2013 ein eitel H\u00f6rvergn\u00fcgen. <\/p>\n<p> <strong>Luigi Nono: Streichquartett<\/strong> <\/p>\n<p> Eine v\u00f6llig andere Klang- und Erfahrungswelt ergr\u00fcndet Luigi Nono (Venedig, 1924 \u2013 ebd., 1990) in seinem Streichquartett \u00abFragmente \u2013 Stille. An Diotima\u00bb (1979\/80). Es ging ihm, dem gesellschaftlich und politisch Engagierten, darum, \u00abneue M\u00f6glichkeiten der Erkenntnis und des Sch\u00f6pferischen zu entdecken\u00bb. Mit einem R\u00fcckgriff auf die klassische Streichquartett-Besetzung verband Nono allerdings keinen R\u00fcckzug in traditionalistische Bereiche. Denn nicht um bew\u00e4hrte stringente, zyklische Abl\u00e4ufe thematischer Gedanken, um These, Antithese und Synthese ging es ihm, sondern erkunden wollte er mittels ungewohnter Techniken \u00abunerh\u00f6rte\u00bb M\u00f6glichkeiten des Klangs und des Zusammenklangs der vier Streichinstrumente und \u2013 worauf der erste Teil des Titels hinweist \u2013 ein ganz eigenes Vokabular von Geb\u00e4rden und Bewegungen, das nicht auf Harmonie, Versicherung, Rundung angelegt ist, wie es auch die auf Friedrich H\u00f6lderlin bezogene Konkretisierung im Titel einschliesst: \u00abAn Diotima\u00bb (im Inhaltsverzeichnis des Booklets vom Setzer \u00aban idiotma\u00bb genannt). <\/p>\n<p> Das Arditti-Quartett verleiht dieser zerbrechlichen, gl\u00e4sernen, flirrenden Musik der Andeutungen und der Zur\u00fccknahme, der \u00e4therischen Klanginseln und der starrenden Kl\u00fcfte und der immer wieder hereinbrechenden Stille h\u00f6chste Intensit\u00e4t. <\/p>\n<p> Verbunden mit Nonos Streichquartett ist seine letzte vollendete Komposition, \u00ab,Hay que caminar\u2018 sognando\u00bb (1989) f\u00fcr zwei Violinen. Das Klangmaterial basiert wie das Quartett auf der \u00abScala enigmatica\u00bb, der 1888 von einer Mail\u00e4nder Musikzeitschrift ver\u00f6ffentlichten Tonreihe (welche auch Verdi dem \u00abAve Maria\u00bb seiner \u00abQuattro pezzi sacri\u00bb zu Grunde legte). Nono arbeitet in diesem Duo mit Mikrostrukturen und verwertet Erfahrungen mit elektronischer Musik. <\/p>\n<p> <strong>Maurice Ohana: Chorwerke<\/strong> <\/p>\n<p> Sein Interesse galt nicht nur der westeurop\u00e4ischen Kunstmusik: Maurice Ohana (Casablanca, 1914\u2013Paris, 1992), ausgebildet in Barcelona, Rom und Paris, setzte sich intensiv auseinander mit der Volksmusik Andalusiens und Griechenlands, mit afrikanischer, nordamerikanischer (Gospel, Blues) und afro-kubanischer Musik (Jahrzehnte vor der Kubawelle). Eingang gefunden haben Ergebnisse dieser Erkundung von Formen und Stilen und Instrumenten in seine aus vielen Quellen gespiesenen effektvollen Kompositionen. <\/p>\n<p> Einen repr\u00e4sentativen Einblick in das f\u00fcr Ohana wichtige Chorschaffen bietet das zwei CDs umfassende Album mit vier Werken. Ritual und Kult, Magisches und Okkultes \u2013 im weitesten Sinn verstanden \u2013 spielen bei Ohana eine so zentrale Rolle wie die menschliche Stimme. \u00abOffice des oracles\u00bb (1974) f\u00fcr vier Vokalistinnen, zwei Ch\u00f6re und Instrumentalensemble, \u00abLys des madrigaux\u00bb (1976) f\u00fcr Frauenchor und Instrumentalensemble und \u00abAvoaha\u00bb (1991) f\u00fcr Perkussionsinstrumente, zwei Klaviere und Chor verarbeiten Einfl\u00fcsse aus traditionellen Musiken mit starker und sinnlich wirkender Akzentuierung von Rhythmen und Klangfarben. In der \u00abMesse\u00bb (1977) f\u00fcr zwei Frauenstimmen, Chor und Instrumente integriert Ohana Traditionen der Ordinariumstexte-Vertonung von der Gregorianik bis in seine Zeit mit pers\u00f6nlichkeitsstarker Handschrift. <\/p>\n<p> <strong>Tristan Murail: Orchesterwerke<\/strong> <\/p>\n<p> Besonderes Interesse bekundet Tristan Murail, 1947 in Le Havre geboren, seit drei Jahrzehnten in Paris wirkend, am Entwickeln neuer Verbindungen zwischen Instrumenten und elektronischer Klangerzeugung. Typisch f\u00fcr sein mit starken Emotionen aufgeladenes Schaffen sind der breite irisierende Fluss des Klangs, ein wellenartiger Strom, mal transparent, mal opak, die reiche, oft mikrotonal organisierte Harmonik, der ununterbrochene Prozess von Werden und Transformieren: ein Fest f\u00fcrs Ohr. <\/p>\n<p> In der Orchesterkomposition \u00abGondwana\u00bb (1980), den versunkenen Urkontinent und die Hindu-Legende evozierend, werden Material und Klang, auch der elektronisch erzeugte, kontinuierlich umgeformt. Der Komposition von \u00abD\u00e9sint\u00e9grations\u00bb (1982\/83) f\u00fcr 17 Instrumente und computergeneriertes Tonband voraus gingen Analysen diverser Instrumente durch einen Computer; das mit diesem Material produzierte Tonband simuliert nicht Instrumententypen, sondern davon abgeleitete Kl\u00e4nge. <\/p>\n<p> Disparater, widerspr\u00fcchlicher, radikaler wirkt das Orchesterwerk \u00abTime and Again\u00bb (1986) durch die Abkehr vom organischen Klangstrom. Die Instrumente und der Synthesizer bilden eine Art Zeitmaschine, in der R\u00fcckblenden und Vorgriffe schroff und verst\u00f6rend gegeneinander gesetzt werden. <\/p>\n<p> Den Alben sind Booklets beigegeben, die \u2013 in Franz\u00f6sisch und Englisch \u2013 kenntnisreich in das Schaffen und die aufgenommenen Werke einf\u00fchren und Biografien der Interpreten sowie die vertonten Texte enthalten. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Bruno Maderna: \u00abSatyricon\u00bb. Oper in 1 Akt nach Petronius. Libretto: Bruno Maderna. Liliana Oliveri (Sopran), Milagro Vargas (Mezzosopran), Paul Sperry (Tenor), Aurio Tomicich (Bass). Divertimento Ensemble, Milano. Leitung: Sandro Gorli. (MO 782174; 51\u2019)<\/p>\n<p> Luigi Nono: \u00abFragmente \u2013 Stille. An Diotima\u00bb. \u00ab,Hay que caminar\u2018 sognando\u00bb. Arditti String Quartet. (MO 782172, 64\u2019)<\/p>\n<p> Maurice Ohana: \u00abOffice des oracles\u00bb, \u00abMesse\u00bb, \u00abAvoaha\u00bb, \u00abLys des madrigaux\u00bb. Ch\u0153ur contemporain d\u2019Aix-en-Provence, Ensemble vocal et instrumental Musicatreize. Leitung: Roland Hayrabedian. (MO 782171; 2 CDs; 121\u2019)<\/p>\n<p> Tristan Murail: \u00abGondwana\u00bb, \u00abD\u00e9sint\u00e9grations\u00bb. Orchestre National de France und Ensemble de l\u2019Itin\u00e9raire. Leitung: Yves Prin. \u00abTime and Again\u00bb. Orchester der Beethovenhalle Bonn. Leitung: Karl-Anton Rickenbacher. (MO 782175; 56\u2019)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21.01.2004 &#8212; Mit dem Ziel, bedeutende Konzerte, die im Th\u00e9\u00e2tre des Champs-Elys\u00e9es in Paris stattgefunden haben, auf Tontr\u00e4ger zu verbreiten,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-894","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/894","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=894"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/894\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=894"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=894"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=894"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}