{"id":897,"date":"2014-01-12T16:21:05","date_gmt":"2014-01-12T16:21:05","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/laudario-cortonese-codex-91\/"},"modified":"2014-01-12T16:21:05","modified_gmt":"2014-01-12T16:21:05","slug":"laudario-cortonese-codex-91","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/laudario-cortonese-codex-91\/","title":{"rendered":"Laudario Cortonese, Codex 91"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/laudario090204.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>09.02.2004 &#8212; Das Unbehagen vieler Gl\u00e4ubiger innerhalb der Institution Kirche ist keineswegs ein Ph\u00e4nomen des 20. Jahrhunderts. Bereits sieben Jahrhunderte zuvor hatten Spannungen zwischen der hierarchisch erstarrten Kirche und der volkst\u00fcmlichen Religiosit\u00e4t dazu gef\u00fchrt, dass viele Gl\u00e4ubige ihr religi\u00f6ses Leben ausserhalb liturgisch gebundener Riten fortstetzten im Sinn des apostolischen Wanderpredigers Giovanni Bernardone, dem 1226 gestorbenen Franz von Assisi, dem \u00abpoverello\u00bb, der sich von der Prunkentfaltung kirchlicher W\u00fcrdentr\u00e4ger abgewandt hatte. Vom Schutzheiligen Italiens haben sich einige Predigten (\u00abLaudes\u00bb) erhalten und sein Sonnengesang (\u00abIl Cantico di frate Sole\u00bb von 1224), eines der fr\u00fchesten Zeugnisse italienischer Sprachkunst. <\/p>\n<p> Sie zogen in Prozessionen durch die Strassen umbrischer St\u00e4dte und D\u00f6rfer, sangen Lieder zu Ehren Gottes, der Jungfrau Maria und der Heiligen, nannten sich Disciplinati di Ges\u00f9 Cristo, Compagn\u00eda di Santo Spirito oder Confraternit\u00e0 di Santa Maria delle Laudi. Sie beriefen sich auf die Botschaft der geistigen Erneuerung, wie sie Franz von Assisi gepredigt hatte, und fanden sich ausserhalb kirchlicher Institutionen zusammen in religi\u00f6sen Bruderschaften, den Laudesi. Ihre Lobges\u00e4nge, die Laude (Einzahl Lauda), wurden in Anlehnung an den gregorianischen Choral und popul\u00e4re Weisen einstimmig, doch nicht auf lateinische, sondern auf volkssprachliche Texte gesungen. Typisch ist die Distanz vom gregorianischen Gesang durch gr\u00f6ssere melodische Spannweite und stark tonales Empfinden. <\/p>\n<p> Ber\u00fchmter ist eine andere, um 1260 in Umbrien aufgekommene religi\u00f6se Laienbewegung, welche sich ebenfalls auf Franziskus berief: die sich bis aufs Blut kasteienden Geissler oder Flagellanten. Aus ihren im Zusammenhang mit den Compagnie de\u2019 Laudesi stehenden Geisslerges\u00e4ngen gingen nach dem Pestjahr 1349 von \u00d6sterreich aus viele geistliche deutsche Volksges\u00e4nge des Sp\u00e4tmittelalters hervor. <\/p>\n<p> Dass eine grosse Zahl von Laude schon aus der ersten, der einstimmigen Epoche (2. H\u00e4lfte des 13. Jahrhunderts) erhalten geblieben ist, hat man den wohl franziskanischen Schreibern zu verdanken, die sie in Folianten aufzeichneten. Nur zwei dieser Laudenhandschriften sind komplett mit Texten und Musik erhalten: eine Sammlung in Florenz und der Codex 91 der Accademia Etrusca des alten, auf der Grenze zwischen der Toscana und Umbrien gelegenen St\u00e4dtchens Cortona. <\/p>\n<p> Die Laude des Manuskripts von Cortona gelten als das erste Dokument, das vom Gebrauch der italienischen volgare, der regionalen Dialekte, und nicht mehr des Lateins in der Musik zeugt. Der Codex 91 versammelt zwischen 1259 und 1270 erfasste Ges\u00e4nge in Neumennotation. In vier der Texte wird auch deren Dichter besungen, doctore Gar\u00e7o, Petrarcas Urgrossvater. <\/p>\n<p> Der vor zehn Jahren gegr\u00fcndete baskische Kammerchor Eresmin, spezialisiert auf Musik des Mittelalters und der Renaissance, hat unter der Leitung von Nekane Lasarte 19 Laude zusammengestellt, inhaltlich Lobpreisungen Marias und Lebensstationen Christi von der Geburt bis zur Auferstehung. Der rustikal klingende Chor unterstreicht durch seine kantige Artikulation des responsorialen monodischen Gesangs die N\u00e4he der Laude zur Volksmusik und zum Tanz. Begleitet werden die S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger durch Instrumente aus der Zeit, darunter Harfe, Rebec, Viella und Perkussion. Der Gehalt des Booklets, das die Texte der Laude ohne \u00dcbersetzung bringt, ist im Verh\u00e4ltnis zur Bedeutung und geringen Bekanntheit dieser klingenden Zeugnisse aus dem 13. Jahrhundert zu d\u00fcrftig. Und die Laufzeit der CD von nicht einmal 50 Minuten ist alles andere als opulent. <\/p>\n<p> Nachtrag: Die Dialog-Lauda, nach 1400 bis zur Vierstimmigkeit in einfachem, akkordisch-homophonem Satz mit der Melodie im Sopran ausgestaltet und noch heute gesungen, f\u00fchrte zum geistlichen Spiel (sacra rappresentazione) und weiter zum italienischen Oratorium. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Il Laudario Cortonese No. 91. Coro da Camera Eresmin. Elena Polonska (Harfe, Perkussion), Isabelle Quellier (Viella, Rebec, Corno, Perkussion). Leitung: Nekane Lasarte. (Gallo 1117; 47\u2019)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>09.02.2004 &#8212; Das Unbehagen vieler Gl\u00e4ubiger innerhalb der Institution Kirche ist keineswegs ein Ph\u00e4nomen des 20. Jahrhunderts. Bereits sieben Jahrhunderte&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-897","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/897","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=897"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/897\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=897"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=897"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=897"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}