{"id":90,"date":"2014-01-09T12:17:30","date_gmt":"2014-01-09T12:17:30","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/lutz-jaenckes-macht-musik-schlau\/"},"modified":"2014-01-09T12:17:30","modified_gmt":"2014-01-09T12:17:30","slug":"lutz-jaenckes-macht-musik-schlau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/lutz-jaenckes-macht-musik-schlau\/","title":{"rendered":"Lutz J\u00e4nckes \u00abMacht Musik schlau?\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>\u00a0<span class=\"txt-m-black\"><em><span class=\"txt-m-black\"><em>11.12.2009 &#8212;<\/em> <\/span><\/em><span class=\"txt-m-black\">In den letzten Jahren ist die Anzahl Publikationen zur Neuromusikologie f\u00f6rmlich explodiert. Eine dedizierte Zeitschrift f\u00fcr das Gebiet existiert allerdings (noch) nicht, und so publizieren die gewichtigsten Vertreter der Disziplin ihre Ergebnisse in so disparaten Fachpublikationen wie <\/span><span class=\"txt-m-black\">Current Biology, NeuroImage, Human Brain Mapping, Journal of Cognitive Neuroscience und so weiter. Einen angesichts des Tempos der Entwicklung des Faches schon fast wieder etwas veralteten \u00dcberblick \u00fcber die verstreuten Ver\u00f6ffentlichungen haben die kanadischen Forscher Isabelle Peretz und Robert Zatorre 2003 auf Englisch vorgelegt (\u00abThe Cognitive Neuroscience of Music\u00bb, Oxford University Press). Daneben existieren vereinzelte \u00dcberblicksartikel und Metastudien.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><em>\u00a0<\/em><\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><em><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/archivbilder\/091206jaencke.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover Buch J\u00e4ncke\" style=\"float: left; margin: 4px;\" \/><\/span>11.12.2009 &#8212;<\/em> In den letzten Jahren ist die Anzahl Publikationen zur Neuromusikologie f\u00f6rmlich explodiert. Eine dedizierte Zeitschrift f\u00fcr das Gebiet existiert allerdings (noch) nicht, und so publizieren die gewichtigsten Vertreter der Disziplin ihre Ergebnisse in so disparaten Fachpublikationen wie <em>Current Biology, NeuroImage, Human Brain Mapping, Journal of Cognitive Neuroscience<\/em> und so weiter. Einen angesichts des Tempos der Entwicklung des Faches schon fast wieder etwas veralteten \u00dcberblick \u00fcber die verstreuten Ver\u00f6ffentlichungen haben die kanadischen Forscher Isabelle Peretz und Robert Zatorre 2003 auf Englisch vorgelegt (\u00abThe Cognitive Neuroscience of Music\u00bb, Oxford University Press). Daneben existieren vereinzelte \u00dcberblicksartikel und Metastudien. <\/p>\n<p> Der Z\u00fcrcher Neuropsychologe Lutz J\u00e4ncke hat nun auf Deutsch eine Art \u00dcberblick zum momentanen Wissensstand in Sachen Hirn und Musik vorgelegt, der sich \u00e4hnlich wie fr\u00fchere Publikationen seines Ulmer Kollegen Manfred Spitzer (\u00abMusik im Kopf\u00bb) nicht prim\u00e4r an ein Fachpublikum wendet, sondern an interessierte Laien. Ihnen werden die wichtigsten Fachausdr\u00fccke jeweils fliegend erkl\u00e4rt, von ihnen wird aber auch eine minimale Bereitschaft erwartet, sich auf eventuell ungewohnte Denkweisen einzulassen.<\/p>\n<p> Der Titel \u00abMacht Musik schlau?\u00bb ist vermutlich aus verkaufstechnischen Gr\u00fcnden gesetzt worden; er f\u00fchrt denn auch etwas in die Irre. Es geht in dem Band um einiges mehr, n\u00e4mlich um eine weitaus umfassendere Zusammenstellung der neueren \u00abErkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der kognitiven Psychologie\u00bb, wie sie der Untertitel des Buches treffend umschreibt.<\/p>\n<p> Das detaillierte Stichwortverzeichnis ist dabei zu Orientierung unerl\u00e4sslich. Beschreibungen zu einzelnen Experimentalanordnungen oder Techniken finden sich n\u00e4mlich verstreut im Text dort, wo sie zur Erl\u00e4uterung einzelner Ergebnisse gerade gebraucht werden, und auch metatheoretische \u00dcberlegungen sind eher beil\u00e4ufig in den Text eingearbeitet. Die geringe methodische Strukturierung l\u00e4sst vermuten, dass das Buch recht schnell geschrieben worden ist. Der inhaltlichen Qualit\u00e4t und Vertrauensw\u00fcrdigkeit tut dies allerdings keinen Abbruch.<\/p>\n<p> Das einleitende Kapitel zur Wirkungsgeschichte des \u00abMozart Effektes\u00bb gibt einen lebhaften Eindruck davon, wie Wissenschaft in Psychologie und Soziologie funktioniert. Beim Rest handelt es sich prim\u00e4r um eine Sichtung einzelner Forschungsergebnisse,wobei auch hier immer wieder auf methodische oder technische Aspekte der Forschung eingegangen wird.<\/p>\n<p> Z\u00fcndstoff findet sich da aber auch, vor allem in den Diskussionen der Ver\u00f6ffentlichungen, die den Nutzen musikalischer Bildung belegen sollen. J\u00e4ncke analysiert im etwas inkonsequent als \u00abL\u00e4ngsschnittstudien\u00bb \u00fcberschriebenen Kapitel in erster Linie Erhebungen \u00fcber die schulischen Effekte des Musikunterrichtes (andere Kapitel sind mit \u00abMusik und Emotionen\u00bb, \u00abMusik und Alter\u00bb und so weiter \u00fcberschrieben, es handelt sich also um eine Art Kategorienbruch). <\/p>\n<p> Die auch heute immer wieder gerne als Beweise f\u00fcr die Wirksamkeit des Musikunterrichtes verwendeten Erhebungen des Schweizer Lehrers Ernst Waldemar Weber aus den Jahren 1988 bis 1992 und die ber\u00fchmte Studie des Frankfurter Musikp\u00e4dagogen Hans G\u00fcnther Bastian von 2000 werden von J\u00e4ncke arg zerzaust, und dies mit \u00fcberzeugenden wissenschaftstheoretischen Argumenten. J\u00e4ncke betont dabei allerdings, dass die popul\u00e4ren Ansichten, mit den aufwendigen Studien sei der Wert der musikalischen Bildung nachgewiesen worden, aufs Konto ihrer medialen Vermittlung geht. Die Studienautoren selber, anerkennt J\u00e4ncke, seien in der Interpretation ihrer Resultate weit vorsichtiger als die Journalisten.<\/p>\n<p> Dass die recht bekannt gewordenen Studien durch methodische M\u00e4ngel oder Einschr\u00e4nkungen den Nachweis der N\u00fctzlichkeit des Musikunterrichtes letztlich nicht erbringen k\u00f6nnen, heisst aber noch keineswegs, dass eine solche nicht gegeben ist. M\u00f6glicherweise ist die Wissenschaft heute einfach auch noch nicht so weit, dazu die richtigen Fragen zu stellen. J\u00e4ncke schneidet denn auch das eine oder andere Gebiet an, auf dem Transfereffekte angenommen werden k\u00f6nnen. So hat Musikunterricht offenbar etwa positive Auswirkungen aufs Lernen von Fremdsprachen, weil es das H\u00f6ren und Differenzieren von Lauten schult. <\/p>\n<p> F\u00fcr den Musikunterricht in der Schule bricht J\u00e4ncke trotz der Skepsis gegen\u00fcber nachweisbarem und offenkundigem Nutzwert eine Lanze: \u00abUnsere Musik ist ein wesentliches Fundament unserer kulturellen Errungenschaften\u00bb, schreibt er. \u00abWollen wir dies alles in Vergessenheit geraten lassen? K\u00f6nnen Sie sich vorstellen, dass in nicht allzu ferner Zukunft unsere Kinder Mozart mit einem Fussballmittelst\u00fcrmer verwechseln?\u00bb (413) <\/p>\n<p> Dem kann man ein weiteres gewichtiges Argument f\u00fcr den Musikunterricht beif\u00fcgen, ohne auf eine irgendwie geartete intelligenzf\u00f6rdernde Wirkung zur\u00fcckgreifen zu m\u00fcssen: Kinder sind tagt\u00e4glich exzessiv von Musik umgeben; ihr Musikkonsum ist gemessen am Gesamt ihrer Besch\u00e4ftigungen und Interessen exorbitant hoch. Da scheint es unbedingt angezeigt, ihnen die Kompetenz zu vermitteln, um diese wichtige Dimension ihres Lebens besser verstehen und aktiv mitgestalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p> Ein letztes Kapitel widmet J\u00e4ncke dem Musizieren im Alter. Er weist dabei auf wichtige neuere Erkenntnisse zur Verz\u00f6gerung des Abbaus kognitiver Leistungen und die Erh\u00f6hung der Lebensqualit\u00e4t alter Menschen hin, die sich aktiv und passiv mit Musik besch\u00e4ftigen oder sogar auch im Alter erst ein Instrument erlernen. <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p> <strong><em>Zitat aus dem Buch: <\/em><\/strong><br \/> \u00abEin typisches Beispiel [f\u00fcr eine Inkongruenz von emotionaler und verbaler \u00c4usserung, die Red.] ist, wenn ein Jugendlicher der Meinung ist, dass Hip-Hop-Musik sch\u00f6n ist, aber neurophysiologische (z.B. Hirnaktivierungen) und physiologische (z.B. Erregungen des vegetativen Nervensystems) Reaktionen zeigt, die eher vermuten lassen, dass er die Musik eigentlich ablehnt. \u00c4hnliches sieht man im Labor gelegentlich auch bei &#8218;Liebhabern&#8216; klassischer Musik, deren neurophysiologische und physiologische Reaktionen eher vermuten lassen, dass sie klassische Musik \u00fcberhaupt nicht m\u00f6gen.\u00bb (Seite 254) <br \/> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0<span class=\"txt-m-black\"><em><span class=\"txt-m-black\"><em>11.12.2009 &#8212;<\/em> <\/span><\/em><span class=\"txt-m-black\">In den letzten Jahren ist die Anzahl Publikationen zur Neuromusikologie f\u00f6rmlich explodiert. 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