{"id":905,"date":"2014-01-12T16:25:03","date_gmt":"2014-01-12T16:25:03","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/hindemith-conducts-hindemith\/"},"modified":"2014-01-12T16:25:03","modified_gmt":"2014-01-12T16:25:03","slug":"hindemith-conducts-hindemith","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/hindemith-conducts-hindemith\/","title":{"rendered":"Hindemith conducts Hindemith"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/hindemith310304.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>17.04.2004 &#8212; Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, der das Alte Europa zerst\u00f6rt hatte, geh\u00f6rte Paul Hindemith (1895\u20131963) zur antiromantisch orientierten jungen Komponistengeneration und wurde bald einer der nachhaltigsten F\u00f6rderer und Exegeten der neuen Musik in Deutschland: Zwischen 1923 und 1927 engagierte er sich in deren Zentren Donaueschingen und Baden-Baden als Organisator, Interpret und Komponist. <\/p>\n<p> In der Weimarer Republik geh\u00f6rte er mit seinem expressionistisch gepr\u00e4gten Fr\u00fchwerk zu den Schreckgespenstern, den Bilderst\u00fcrmern. Dass Hindemith indes bereits in jenen Jahren mit der Tradition und deren \u00e4sthetischen Vorstellungen und Formen nicht gebrochen hatte, belegen, vor allem in der fr\u00fchen Kammermusik, Einfl\u00fcsse von Bach, dem sp\u00e4ten Beethoven, von Reger und Brahms, beweist Hindemiths Interesse an den funktionalen Aspekten der Musik: Im Zeichen der p\u00e4dagogischen und reformerischen Ans\u00e4tze jener Epoche komponierte er auch Werke f\u00fcr Laien, viele Sing- und Spielmusiken. Tradition, durchwegs als Gegensatz zur romantischen Ausdrucks\u00e4sthetik begriffen, und Erneuerung pr\u00e4gten Hindemiths Schaffen, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Werken unterschiedlich in Ausmass und Auswirkung. <\/p>\n<p> Der engagierte Avantgardist, der als exzellenter Kenner der Instrumente mit staunenswerter Leichtigkeit \u00fcber die Finessen des kompositorischen Handwerks verf\u00fcgte, revidierte sein musikalisches Denken, unterwarf es einem neuen ethischen Anspruch: Der aus den Fugen geratenden Welt wollte er die Best\u00e4ndigkeit und Verl\u00e4sslichkeit (auch Kalkulierbarkeit) eines vom Zeitgeist unabh\u00e4ngigen Musikbegriffs entgegensetzen. Theoretisch untermauert hat er seine Position in der \u00abUnterweisung im Tonsatz\u00bb (1936\/37). <\/p>\n<p> Hindemiths Entwicklung habe eine \u00abfatale Wendung zum Offiziellen\u00bb genommen, stellte Adorno 1963 fest. Ein durchgreifender Stilwandel k\u00fcndigt sich etwa im 2. Streichtrio von 1933 an, in der Symphonie \u00abMathis der Maler\u00bb aus dem gleichen Jahr und in der 1937 in Z\u00fcrich uraufgef\u00fchrten gleichnamigen Oper: die Abkehr vom radikalen Fr\u00fchwerk, die R\u00fcckbesinnung auf Neobarock und Neoklassik, auf gem\u00e4ssigte Tonalit\u00e4t, \u00e4ltere Formen und Kompositionstechniken, auf strukturelle Vereinfachung, alles einem bis ins Detail kontrollierenden, streng ordnenden Denken unterworfen. <\/p>\n<p> Einen Einschnitt in Hindemiths Biografie brachte das Jahr 1933. Fern davon, sich mit den neuen Machthabern arrangieren zu wollen, wurde er von den Nationalsozialisten als \u00abKulturbolschewik\u00bb und \u00abGer\u00e4uschemacher\u00bb gebrandmarkt. Obwohl sich Wilhelm Furtw\u00e4ngler f\u00fcr ihn eingesetzt hatte (\u00abDer Fall Hindemith\u00bb), emigrierte der Komponist 1938. <\/p>\n<p> Das Schaffen Hindemiths (er liess sich nach Jahren des amerikanischen Exils 1953 in der Schweiz nieder) hatte auf Vertreter der Nachkriegsgeneration erheblichen Einfluss; allerdings mochte er den Entwicklungen der Avantgarde nicht folgen, konnte in seiner selbst gew\u00e4hlten k\u00fcnstlerischen Isolation keine J\u00fcnger um sich scharen, die des Meisters Werke unter die Leute bringen. Und um seine Kompositionen, die w\u00e4hrend Jahrzehnten zu den meistaufgef\u00fchrten der klassischen Moderne geh\u00f6rten, macht heute die Mehrzahl der Instrumentalisten, Dirigenten und Opernintendanten einen Bogen. <\/p>\n<p> <strong>Einspielungen f\u00fcr die DGG<\/strong> <\/p>\n<p> In den Vierzigerjahren begann Hindemith, unzufrieden mit vielen Interpretationen seiner Werke, vermehrt selbst zum Taktstock zu greifen. Weder \u00abst\u00f6rende individualistische Beimischung\u00bb, expressive Belastung noch strukturell ausgekl\u00fcgelte Analyse mochte er h\u00f6ren, sondern \u00abnur\u00bb die sachliche, nicht individuell gepr\u00e4gte Umsetzung der Partitur in Klang. <\/p>\n<p> 1953 bot ihm die Deutsche Grammophon Gesellschaft eine Aufnahmeserie eigener Kompositionen mit den Berliner Philharmonikern an. In den Jahren 1954, 1956 und 1958 wurden insgesamt acht Werke eingespielt und auf Mono-Langspielplatten ver\u00f6ffentlicht: Konzert f\u00fcr Orchester op. 38 (1925); Konzertmusik f\u00fcr Klavier, Blechbl\u00e4ser und Harfen op. 49 (1930); Symphonie \u00abMathis der Maler\u00bb (1934); Symphonische T\u00e4nze (1937); Thema mit Variationen \u00abDie vier Temperamente\u00bb f\u00fcr Klavier und Streichorchester (1940); Symphonische Metamorphosen nach Themen von Carl Maria von Weber (1943); Ballett-Ouvert\u00fcre \u00abAmor und Psyche\u00bb (1943); Symphonie \u00abDie Harmonie der Welt\u00bb (1951). <\/p>\n<p> Im Rahmen der DG-Serie Original Masters, in der bedeutende historische Interpretationen auf Compact Disc zug\u00e4nglich gemacht werden (Direkt\u00fcbertragung der Originalb\u00e4nder auf CD), liegen nun diese Einspielungen vor. Sie erm\u00f6glichen die Auseinandersetzung mit charakteristischen Werken Hindemiths und f\u00fchren vor Ohren, wie sich der Komponist deren optimale Realisierung vorgestellt hat: klar in der Gliederung, z\u00fcgig in den Tempi, nervig im Ausdruck, mit der kantig aggressiven Sch\u00e4rfe des Spaltklangs, mit starkem, aus der Faktur und der dichten Instrumentation resultierendem Innendruck, breiter dynamischer Skala, vehementen Kontrasten, in den langsamen Tempi farbenreich, ohne Anflug von Gef\u00fchls\u00fcberschwang oder Pathos. <\/p>\n<p> Die Berliner Philharmoniker brillieren durch eine alle Klippen der Partituren meisternde Orchesterkultur. Elegant und fein differenziert das Spiel der Pianistin Monique Haas, seri\u00f6s und eher verhalten jenes des Pianisten Hans Otte. Als Zugabe ein Kurzinterview von 1956, in dem sich Hindemith \u00fcber die Aufnahme der Symphonie \u00abMathis der Maler\u00bb \u00e4ussert. <\/p>\n<p> Die Klangqualit\u00e4t der Mono-Aufnahmen st\u00f6sst in den \u00fcppig besetzten (und instrumentierten) Orchesterwerken an die Grenze: Die von Hindemith intendierte Transparenz h\u00e4tte durch die Technik der Stereofonie einigermassen ad\u00e4quat eingefangen werden k\u00f6nnen. (Die ersten Stereo-LPs kamen erst Anfang der Sechzigerjahre in den Handel.) Kein Wunder, dass die beiden der Kammermusik nahe stehenden Werke mit Klavier das optimalere H\u00f6rergebnis bescheren. <\/p>\n<p> Sorgfalt im Detail ist leider f\u00fcrs Booklet nicht aufgewendet worden. Die Satzbezeichnungen der Symphonischen T\u00e4nze stehen f\u00e4lschlicherweise auch bei den Symphonischen Metamorphosen; das dritte Aufnahmedatum der Symphonie \u00abMathis der Maler\u00bb war der 1. Oktober (nicht der 10.) 1955; die Foto des dirigierenden Hindemith ist mit 1969 datiert&#8230; <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\"><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/B0000U1NHE\/codexflores-21\">Hindemith conducts Hindemith<\/a>. The complete recordings on Deutsche Grammophon. Monique Haas (in op. 49) und Hans Otte (in \u00abDie vier Temperamente\u00bb), Klavier. Berliner Philharmoniker. Leitung: Paul Hindemith. (Original Masters, DG 474 770-2; 3 CDs, mono. 3h8\u2019)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17.04.2004 &#8212; Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, der das Alte Europa zerst\u00f6rt hatte, geh\u00f6rte Paul Hindemith (1895\u20131963) zur antiromantisch orientierten&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-905","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/905","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=905"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/905\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=905"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=905"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=905"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}