{"id":922,"date":"2014-01-12T16:34:15","date_gmt":"2014-01-12T16:34:15","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/martin-stadtfelds-bach\/"},"modified":"2014-01-12T16:34:15","modified_gmt":"2014-01-12T16:34:15","slug":"martin-stadtfelds-bach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/martin-stadtfelds-bach\/","title":{"rendered":"Martin Stadtfelds Bach"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/stadtfeld261104.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/> 06.12.2004 &#8212; Man muss das Eisen schmieden, solang es heiss ist: Wenige Monate nach seinem Deb\u00fct-Album mit der fulminanten und mannigfach hoch gelobten Einspielung von Bachs Goldberg-Variationen (BWV 988) wartet der 1980 in Koblenz geborene Pianist Martin Stadtfeld mit der CD \u00abBach pur\u00bb auf. <\/p>\n<p> Ganz pur (verstanden in der Bedeutung von rein, unverf\u00e4lscht) ist dieses Bach-Programm zwar nicht. Denn Stadtfeld widmet sich hier auch zwei Orgelchoralvorspielen in Busonis sanfter Bearbeitung (BWV 639 und 734) und dem durch Alexander Siloti in sp\u00e4tromantische Emphase getauchten h-Moll-Pr\u00e4ludium aus Teil II des Wohltemperierten Klaviers. Doch die Werkkombination besticht: das Italienische Konzert (BWV 971), die Franz\u00f6sische Suite Nr. 2 (BWV 813), die c-Moll-Fantasie (BWV 906), Fantasie und Fuge a-Moll (BWV 944) und die 15 (dreistimmigen) Sinfonien (BWV 787\u2013801), dazu \u2013 auf der Bonus-CD \u2013 die (zweistimmigen) Inventionen (BWV 772\u2013786). <\/p>\n<p> Seit Tontr\u00e4ger produziert werden, ist Johann Sebastian Bach Garant f\u00fcr gr\u00f6sste Verbreitung im Reich der Klassik-Melomanen. Naheliegend deshalb f\u00fcr Jungstars, sich mit dem Altmeister zu verb\u00fcnden und die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums und potenter Konzertveranstalter und -manager auf sich zu ziehen. Das ist Martin Stadtfeld, dem Spring-ins-Bach-Feld, quasi \u00fcber Nacht gelungen; mit seinen Goldberg-Variationen hat er Platz 1 der Klassikcharts erobert. \u00abBach pur\u00bb untermauert den Ruf des Pianisten: Stadtfeld ist ein spieltechnisch unanfechtbarer, inspirierter, pers\u00f6nlichkeitsstarker, witziger Bach-Interpret. <\/p>\n<p> Daran, dass Glenn Gould mit Bach Massst\u00e4be gesetzt hat, kommt ab 1955 (Goldberg-Variationen als Deb\u00fct-Platte durch den 22-J\u00e4hrigen) niemand vorbei: Wer heute Bach auf dem Fl\u00fcgel (ohne Einsatz der Pedale) interpretiert, begibt sich in die handwerklichen und intellektuellen Standards und die Aura des exzentrischen Kanadiers. Gould \u00fcbrigens ist der J\u00fcngste, dem eine Aufsehen erregende Einspielung der Goldberg-Variationen gelang. Stadtfeld folgt ihm altersm\u00e4ssig auf dem Fuss (und hat manches von Gould \u00fcbernommen, auch dessen Mitsummen). <\/p>\n<p> Der 25-j\u00e4hrige Rudolf Serkin war der erste, der das Variationen-Werk aufgenommen hat: 1928 auf Welte-Reproduktionsrolle. Die erste Schallplatten-Ausgabe des Opus ist Wanda Landowska zu verdanken, 1933 im Alter von 54; sie hatte in den Zehnerjahren in Berlin als erste Cembalolehrerin an einer deutschen Musikhochschule gewirkt. 39-j\u00e4hrig war Claudio Arrau, als er 1942 die erste Aufnahme der Goldberg-Variationen mit dem modernen Fl\u00fcgel realisierte. Zehn Jahre sp\u00e4ter folgte ihm die damals 38-j\u00e4hrige Rosalyn Tureck. Heute sind (abgesehen von diversen Bearbeitungen) \u00fcber vier Dutzend Alben (Cembalo und Klavier) im Handel, beileibe nicht alle so vital und spannend wie die von Martin Stadtfeld. (Keith Jarretts Wiedergabe etwa wirkt im Vergleich wie das beflissene Notenabliefern eines Mustersch\u00fclers.) <\/p>\n<p> Die meisten CDs \u2013 auch die vorliegende \u2013 k\u00f6nnen die immense zeitliche (und dadurch auch emotional st\u00e4rker beanspruchende) Ausdehnung des Goldberg-Komplexes nicht vermitteln, da es eine nur auf eine einzige CD beschr\u00e4nkte Aufnahme nicht erlaubt, alle Wiederholungen auszuf\u00fchren. So f\u00e4llt es dem Belieben des jeweiligen Interpreten anheim, die eine Variation zu repetieren, die andere nicht, was die Relationen innerhalb des Ganzen erheblich verschiebt. Ihre letzte Einspielung der Goldberg-Variationen bei DG (1999) hat die damals 85-j\u00e4hrige Rosalyn Tureck diesbez\u00fcglich kompromisslos realisiert: Sie beansprucht denn auch \u00fcber 90 Minuten. (\u00abI don\u2019t play this work as a tour de force, as a dazzling display of technique\u00bb, \u00e4usserte die Bach-Exegetin, \u00abI play it as a life experience.\u00bb) <\/p>\n<p> Martin Stadtfelds Bach-Aufnahmen sind gepr\u00e4gt durch ausgefeilte Spieltechnik beider H\u00e4nde, durch einen Reichtum an Anschlagsn\u00fcancen, der minuti\u00f6se Artikulation vom strengen Legato bis zum luftigen Staccato erm\u00f6glicht und feinste Abstufungen des Klangs und der Dynamik. Die handwerklichen Mittel erlauben ihm ein glasklares, nicht durch Pedaleinsatz getr\u00fcbtes Spiel, das stets spannungsvoll ist, kantable lyrische Qualit\u00e4t besitzt, aber auch durch vehementen dramatischen Zugriff Aufmerksamkeit heischt. <\/p>\n<p> Selbst auf dieser Stufe der magistralen Klavierbeherrschung nicht allt\u00e4glich ist Stadtfelds psychische Pr\u00e4senz, die phantasiereiche, markante Kontraste favorisierende Auseinandersetzung mit den Partituren. Dass dabei einzelne Effekte nicht immer schl\u00fcssig aus der Musik selber zu begr\u00fcnden sind, sondern eher die pianistische Eloquenz und Spiellust herausstellen, \u00fcberrascht bei einem jungen Instrumentalisten nicht. Oktavversetzungen im Diskant haben es ihm (mit Seitenblick auf das zweimanualige Cembalo) angetan. So ist Stadtfeld der erste, der gleich in den Wiederholungen der Goldberg-Aria die Melodie teils um eine Oktave erh\u00f6ht \u2013 kein Cembalist w\u00fcrde hier zwischen 8- und 4-Fuss wechseln. Und der selbe Effekt, der dann bald einmal an Reiz verliert, bewirkt keine Intensivierung, vielmehr (wie auch in weiteren Variationen mit der gespreizten Distanz zwischen Bass und Diskant zu verfolgen) f\u00fcr mein Empfinden eine Verschiebung in Richtung Verz\u00e4rtelung, Geziertheit und mechanischer Spieluhr. (Laut Stadtfeld soll dies die um den komponierenden Bach herumtollenden Kinder evozieren.) <\/p>\n<p> In einigen S\u00e4tzen (auch auf \u00abBach pur\u00bb) \u00fcberrascht die Wahl h\u00f6chst forscher Tempi; nat\u00fcrlich faszinieren Perfektion und Rasanz, packt das spr\u00fchende Temperament, etwa in der in verwegener Presto-Jagd hingelegten gewaltigen a-Moll-Fuge. Meisterlich beherrscht Stadtfeld die hohe Kunst der Verzierung; seine Praller, Schleifer, Mordente und Triller sind eine Ohrenweide. Erfindungsreich und geschmackvoll macht er von ihnen Gebrauch in Wiederholungen. Aufschlussreiches Beispiel daf\u00fcr ist die Sinfonia 5, die er in beiden Fassungen, der unverzierten und der dicht ornamentierten, spielt. Durchg\u00e4ngig wach ist Stadtfelds Interesse an origineller reflektierender Auseinandersetzung mit den Partituren \u2013 ein brillantes Muster realisiert er mit der Invention 6, in der er bei der Repetition Bass- und Diskantstimme austauscht. <\/p>\n<p> Noch setzt Stadtfeld, der gern auch mit Oktavverdoppelung im Bass die 16-Fuss-Verst\u00e4rkung des Cembalos imitiert, nicht alle ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel konsequent ein, um Grossr\u00e4umigkeit unter gleichzeitiger Variabilit\u00e4t des Klangcharakters und der Dynamik zu schaffen. Dass er die Variation 25 in ihrer gewaltigen Tiefendimension noch keineswegs auszusch\u00f6pfen vermag, wird dem jungen Mann niemand ankreiden. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Martin Stadtfeld: <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/B00061Q8JK\/codexflores-21\">Bach Pur<\/a>. (Sony Classical 093536 9; 62\u2019. Limited Edition.<br \/> Mit Bonus-CD; 18\u2019)<\/p>\n<p> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/B0001D0MS6\/codexflores-21\">Bach: Goldberg-Variationen<\/a>. Martin Stadtfeld, Klavier. (Sony Classical SK 93101; 66\u2019)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>06.12.2004 &#8212; Man muss das Eisen schmieden, solang es heiss ist: Wenige Monate nach seinem Deb\u00fct-Album mit der fulminanten und&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-922","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/922","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=922"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/922\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=922"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=922"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=922"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}