{"id":939,"date":"2014-01-12T21:26:47","date_gmt":"2014-01-12T21:26:47","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/luciano-berios-sinfonia\/"},"modified":"2014-01-12T21:26:47","modified_gmt":"2014-01-12T21:26:47","slug":"luciano-berios-sinfonia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/luciano-berios-sinfonia\/","title":{"rendered":"Luciano Berios \u00abSinfonia\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/berio120805.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>15.08.2005 &#8212; Zwanzigj\u00e4hrig war Luciano Berio, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Wie die meisten K\u00fcnstler seiner Generation hatte ihn das Trauma der Zerr\u00fcttung der abendl\u00e4ndischen Zivilisation und Kultur ersch\u00fcttert. Die Traditionen, die alten Werte waren unter den faschistischen und stalinistischen Regimes verraten und pervertiert worden. Wo fanden sich tragf\u00e4hige Grundlagen, auf denen sich k\u00fcnstlerische zukunftsgerichtete Arbeit basieren liess? Dr\u00e4ngte sich nach der \u00abStunde Null\u00bb der resolute Bruch mit allen Dogmen auf, oder liess sich Vergangenheit kritisch und argw\u00f6hnisch auf best\u00e4ndige, auf entwicklungsf\u00e4hige Substanz befragen und f\u00fcr das eigene Schaffen zur\u00fcckgewinnen? <\/p>\n<p> Berio, der Dallapiccola und Maderna zu seinen Mentoren z\u00e4hlen konnte, entschied sich f\u00fcr den zweiten Weg, den keinesfalls einfacheren. Zwar erkundete er als Mitglied der Darmst\u00e4dter Avantgarde intensiv die neuen Richtungen, den Serialismus und die M\u00f6glichkeiten der elektroakustischen Klangerzeugung (1956 gr\u00fcndete er mit Maderna das Studio di Fonologia bei der RAI in Mailand), doch behielt er forschend und komponierend das Ganze im Blick, will sagen die Stile, die Materialien, die Elemente, die Techniken, die Heterogenit\u00e4t der musikalischen Sprache in all ihren historischen Bez\u00fcgen. <\/p>\n<p> Weitere konstitutive Elemente in Berios Schaffen (\u00fcbrigens auch in jenem seines um ein Jahr \u00e4lteren Landsmanns Luigi Nono) sind \u2013 in Zusammenarbeit mit Eco, Calvino, Sanguineti, im Umgang mit James Joyce (dessen offener Form) \u2013 die Erkundung der Sprachebenen, die Verkn\u00fcpfung von phonetischer und semantischer Wirkung. In den Erfahrungen des Weltkriegs, der totalit\u00e4ren Tyrannei, wurzelte Berios energisches politisches Engagement.<\/p>\n<p> In der f\u00fcnfs\u00e4tzigen \u00abSinfonia\u00bb f\u00fcr acht Stimmen und Orchester, einem seiner Hauptwerke aus den Sechzigerjahren, das Berio in den USA im Auftrag der New Yorker Philharmoniker schrieb und 1968 selber zur Urauff\u00fchrung brachte, widerspiegeln sich viele seiner Intentionen: das Befragen, Analysieren, Dekonstruieren, Kommentieren der Vergangenheit (der Mittelsatz entwickelt sich auf einem Zitatenfluss aus Werken Mahlers, Debussys, Ravels, Berlioz\u2019, Beethovens, Strawinskys), auch die Polyphonie, die Verflechtung vielf\u00e4ltiger Materialien, die Expressivit\u00e4t der Textteile und -partikel (L\u00e9vi-Strauss, Val\u00e9ry, Joyce, Beckett), die Behandlung der menschlichen Stimme und deren Verschmelzung mit dem grossen Instrumentarium. <\/p>\n<p> Nicht erstaunlich, dass Luciano Berio (1925\u20132003) den traditionsbelasteten Organismus Sinfonieorchester seinen k\u00fcnstlerischen Intentionen anverwandte, indem er ihn auf neue Klangaspekte hin untersuchte, entsprechend frei umgruppierte und mit unkonventionellen Instrumenten bereicherte. Das vorliegende Album enth\u00e4lt auch Berios letztes reines Orchesterwerk, \u00abEkphrasis\u00bb (1996), nach den Worten des Komponisten, \u00abeine kontinuierliche, immer wechselnde Klanglandschaft\u00bb, \u00abein Kommentar zu einem Adagio\u00bb.<\/p>\n<p> In den engagierten Darstellungen durch das Sinfonieorchester G\u00f6teborg und die London Voices unter Peter E\u00f6tv\u00f6s packen die Energie, die opulente Klangpalette, die irisierende Atmosph\u00e4re und sichern den labyrinthischen vielschichtigen Werken ungebrochene Ausstrahlung, erleichtern die Arbeit des Zuh\u00f6rens. Wie sagte doch Berio? Seine Werke erlaubten eine Vielzahl m\u00f6glicher Ann\u00e4herungen, Auseinandersetzungen, Auslegungen; sie best\u00fcnden deshalb \u00abnicht in sich\u00bb, sondern \u00abin uns\u00bb. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Berio: Sinfonia. Ekphrasis. G\u00f6teborgs Symfoniker. London Voices.<br \/>Leitung: Peter E\u00f6tv\u00f6s. (DGG Music of Our Time 00289 477 5380; 51\u2019) <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15.08.2005 &#8212; Zwanzigj\u00e4hrig war Luciano Berio, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Wie die meisten K\u00fcnstler seiner Generation hatte&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-939","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/939","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=939"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/939\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=939"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=939"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=939"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}