{"id":959,"date":"2014-01-12T21:37:24","date_gmt":"2014-01-12T21:37:24","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/ensemble-aequatuor-im-zwielicht\/"},"modified":"2014-01-12T21:37:24","modified_gmt":"2014-01-12T21:37:24","slug":"ensemble-aequatuor-im-zwielicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/ensemble-aequatuor-im-zwielicht\/","title":{"rendered":"Ensemble \u00e6quatuor: \u00abIm Zwielicht\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/061207aequatuor.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>07.12.2006 &#8212; Sie hat auch im Schweizer Musikschaffen ihre Spuren hinterlassen: die sogenannte \u00abDarmst\u00e4dter Schule\u00bb rund um die legend\u00e4ren Internationalen Ferienkurse f\u00fcr Neue Musik mit ihren Galionsfiguren Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono. Davon zeugt die CD \u00abIm Zwielicht\u00bb des Ensembles \u00e6quatuor, die Werke zweier Generationen helvetischer Neut\u00f6ner als eine Art Tour d\u2019Horizon pr\u00e4sentiert: Heinz Holliger, Hans Ulrich Lehmann und Nicolas A. Huber waren in ihren Zwanzigerjahren, als die europ\u00e4ische Avantgarde auf stramm serialistischen Kurs gebracht wurde \u2013 alle drei sind sie von Boulez, Stockhausen und\/oder Nono in die Kunst des h\u00f6heren Tonsatzes eingewiesen worden.<\/p>\n<p> Eine Generation j\u00fcnger sind Caspar Johannes Walter (geb. 1964), Rico Gubler (geb. 1972) und Valentin Marti (geb. 1965). Da verzweigt sich der serialistische Stammbaum, ohne allerdings seine Wurzeln zu verlieren: Walter studierte bei Johannes Fritsch, einem Mitglied des Stockhausen Ensembles und dem Computermusiker Klarenz Barlow, der selber als Dozent der Darmst\u00e4dter Ferienkurse wirkte. Und Marti und Gubler sind Saxophonsch\u00fcler von Marcus Weiss, einem herausragenden Interpreten Neuer Musik.<\/p>\n<p> Damit ist implizit auch bereits gesagt, dass die auf der Silberscheibe versammelten Werke es dem H\u00f6rer keineswegs einfach machen. Ausgebreitet wird da nicht leicht zug\u00e4ngliche Musik, die das Gem\u00fct erw\u00e4rmen soll. Vielmehr wird analysiert, seziert, ausgehorcht und damit vom Rezipienten einiges an Konzentrationsf\u00e4higkeit und Wissen um die \u00e4sthetischen Voraussetzungen derartiger Klangwelten abverlangt \u2013 oder zumindest die Bereitschaft, sich in diese auch intellektuell einzuarbeiten. Als \u00abBelohnung\u00bb winken neue H\u00f6rerfahrungen und eine faszinierende Sensibilisierung des Ohrs f\u00fcr die schillernden Zwischent\u00f6ne der klingenden Kunst.<\/p>\n<p> Nat\u00fcrlich hat die zeitgen\u00f6ssische Kompositionskunst sich seit dem serialistischen Diktat auf alle Seiten hin weiterentwickelt und mit vielem verbunden, was in den Zeiten der ideologischen Kompromisslosigkeit noch strikte abgelehnt worden w\u00e4re. Die Strenge der Darmst\u00e4dter \u00c4sthetik durchzittert aber auch die meisten Werke der CD direkt oder indirekt. Da dominiert das Spiel mit Klangnuancen und irisierenden Details als Formprinzip, welches die grossz\u00fcgige, raumgreifende Geste verweigert \u2013 statt organisches Atmen ist eher ein Glasperlenspiel angesagt. Das Ohr wird da zum unbedingten und hochkonzentrierten Hinh\u00f6ren gezwungen \u2013 und die Bereitschaft wird abverlangt, sich auf eine kaum varriierte, jede Kleinigkeit unerbittlich scharf ausleuchtende akustische Brennweite einzustellen. <\/p>\n<p> Die pr\u00e4sentierten Werke stellen zudem die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Wort und Ton. Das Bem\u00fchen darum, den eigentlichen Wortsinn fasslich zu machen, steht dabei allerdings keineswegs im Zentrum. Im Spiel mit Texten werden da vielmehr Silben, ja einzelne Vokale und Konsonanten aufgebrochen und einzeln unter die Lupe genommen. So sezieren Walters in den neunziger Jahren entstandene \u00abDrei Ansichten\u00bb ein Gedicht des Italieners Giacomo Leopardi, w\u00e4hrend Holligers 1962 uraufgef\u00fchrtes St\u00fcck \u00abSchwarzgewobene Trauer\u00bb Lyrik von Heinz Weder unters Mikroskop legt. Hubers \u00abDemijour\u00bb meditiert \u00fcber das Lied \u00abZwielicht\u00bb aus dem Liederkreis op. 39 von Robert Schumann \u2013 es findet sich ebenfalls auf der CD \u2013 , das wiederum selber die Vertonung eines Eichendorff-Gedichtes darstellt. Martis 2001 erstmals aufgef\u00fchrtem \u00abFernruf J12\u00bb liegt eine 1935 vom nationalsozialistischen Berliner \u00abAmt f\u00fcr Kunstpflege\u00bb (was f\u00fcr ein Zynismus!) herausgegebene Liste der \u00abKulturbolschewisten\u00bb zugrunde. Und Hans Ulrich Lehmann widmet sich im \u00abCanticum II\u00bb einem Text des Amerikaners e. e. cummings, des Wortzerlegers und Silbenzertr\u00fcmmerers par excellence. <\/p>\n<p> Die Sammlung beweist, dass die Schweizer Beitr\u00e4ge zur Darmst\u00e4dter Schule und ihrer Nebenbauten weit mehr als bloss ein \u00abMitturnen im Zirkus der Avantgardisten\u00bb darstellt. Die Mitglieder des Ensembles \u00e6quatuor, die Sopranistin Sylvia Nopper, der Oboist Matthias Arter, der Cellist Tobias Moster und die Pianistin Ingrid Karlen beweisen \u00fcberdies, dass sie zur Weltspitze der Interpreten Neuer Musik gez\u00e4hlt werden d\u00fcrfen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Im Zwielicht, Ensemble \u00e6quatuor (Sylvia Nopper, Sopran; Matthias Arter, Oboe und Englischhorn; Tobias Moster, Cello; Ingrid Karlen, Klavier), Aufnahmen vom Juni 2006 im Radiostudio Z\u00fcrich. Als Produzenten wirkten Christoph Keller und Claudio Danuser. Musiques Suisses in Koproduktion mit Schweizer Radio DRS 2, MGB CTS-M 102 Bezugsquelle: <a href=\"http:\/\/www.musiques-suisses.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.musiques-suisses.ch<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>07.12.2006 &#8212; Sie hat auch im Schweizer Musikschaffen ihre Spuren hinterlassen: die sogenannte \u00abDarmst\u00e4dter Schule\u00bb rund um die legend\u00e4ren Internationalen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-959","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/959","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=959"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/959\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=959"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=959"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=959"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}