{"id":962,"date":"2014-01-12T21:38:58","date_gmt":"2014-01-12T21:38:58","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/der-alpsegen-in-der-schweiz\/"},"modified":"2014-01-12T21:38:58","modified_gmt":"2014-01-12T21:38:58","slug":"der-alpsegen-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/der-alpsegen-in-der-schweiz\/","title":{"rendered":"Der Alpsegen in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/bet181206.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>22.12.2006 &#8212; Abendd\u00e4mmerung auf der Alp. Die Tagesarbeit ist beendet. Der Senn steht auf einer Anh\u00f6he nahe dem Bergkreuz und ruft sein Gebet laut durch den h\u00f6lzernen Milchtrichter in die Weite. An stillen Tagen h\u00f6rt man seinen archaischen Sprechgesang bis ins Tal. Auch wenn dort die Worte nicht zu verstehen sind, wissen die H\u00f6renden, was gemeint, erbeten und beschworen wird. <\/p>\n<p> Nicht zum Entz\u00fccken von Touristen ist dieser Betruf, der \u00abB\u00e4ttruef\u00bb bestimmt; ein pers\u00f6nliches Bed\u00fcrfnis ists f\u00fcr den Obersenn und ein Auftrag auch der Bauern, die ihm ihr wertvolles Vieh anvertraut haben, die K\u00fche, die Milch und K\u00e4se liefern. Das Rufen des Alpsegens auch bei Regen, Blitz und Wind wird mit einem Laib K\u00e4se, dem \u00abRuefch\u00e4s\u00bb, zuweilen auch mit einem Batzen vergolten. <\/p>\n<p> Die Wurzeln des Betrufs, der in europ\u00e4ischen b\u00e4uerlichen Gebieten des Alpenraums lebendig geblieben ist, reichen zur\u00fcck bis in die Zeit der Kelten. Die Schweizer Musikethnologin Brigitte Bachmann-Geiser, Honorarprofessorin f\u00fcr musikalische Volkskunde an der Universit\u00e4t Freiburg i. Br., forschte in Tonarchiven nach Aufnahmen von Betrufen; eine Auswahl davon ist nun in einem CD-Album publiziert worden. <\/p>\n<p> <strong>Keltische Quellen<\/strong> <\/p>\n<p> \u00abAve Maria! Ave Maria! Ave Maria!\u00bb Der Alpsegen, das Sennengebet, an Sommerabenden zu vernehmen in katholischen Gebieten der Schweiz, so in den Kantonen Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Appenzell Innerrhoden, St. Gallen, Graub\u00fcnden, im Oberwallis, ebenfalls im F\u00fcrstentum Liechtenstein, ist seit viereinhalb Jahrhunderten nachgewiesen. <\/p>\n<p> Manche Besonderheiten in Texten und Stimmf\u00fchrung aber lassen die Annahme nicht abwegig erscheinen, dass die Anf\u00e4nge des Brauchs viel weiter zur\u00fcckliegen, ihre Quellen gespeist wurden von fr\u00fchem Christentum und gregorianischem Gesang, gen\u00e4hrt auch von heidnischen Vorstellungen. Jedenfalls gilt der bis auf den heutigen Tag trotz Niederschriften m\u00fcndlich tradierte Betruf als \u00e4lteste Form der Schweizer Volksmusik. <\/p>\n<p> Schutzgebete und Bannrituale geh\u00f6ren zu den Traditionen in den meisten b\u00e4uerlichen Kulturen. Die Kr\u00e4fte der Natur sind nicht zu z\u00e4hmen, sie gef\u00e4hrden mit Krankheiten, Wettern und Steinschlag die Alpsiedlungen, die dort arbeitenden Menschen und die den Lebensunterhalt sichernden Tiere. Gegen die \u00dcbel und Gefahren bittet der Senn mit seinem B\u00e4ttruef die Helfer im Himmel, \u00abLeib und Seele, Land und Leute, Hab und Gut, Vieh und Alpen\u00bb zu sch\u00fctzen. <\/p>\n<p> Die Macht des Klangs: So weit die Stimme tr\u00e4gt, so weit reicht der Bann \u2013 eine Vorstellung aus grauer Vorzeit. Um seinen Gesang megaphonartig zu verst\u00e4rken, bedient sich der \u00c4lpler der Folle (Vola), des h\u00f6lzernen Milchtrichters. Durch dessen schmale untere \u00d6ffnung, die mit Tannreisern oder geeigneten Pflanzenteilen zum Sieb hergerichtet wurde, goss man die frisch gemolkene Milch in einen Kessel. <\/p>\n<p> <strong>\u00abSwiss Alpine Prayer\u00bb <\/strong> <\/p>\n<p> In den Best\u00e4nden der DRS-Radio-Archive von Bern, Z\u00fcrich und Basel entdeckte die Berner Musikethnologin Brigitte Bachmann-Geiser j\u00fcngst rund f\u00fcnfzig Aufnahmen verschiedener Alpsegen. F\u00fcr die CD \u00abB\u00e4ttruef \u2013 Alpsegen \u2013 Swiss Alpine Prayer\u00bb w\u00e4hlte sie zehn zwischen 1957 und 1978 aufgenommene Betrufe aus den Kantonen Wallis, Uri, Obwalden, Schwyz, Luzern, Graub\u00fcnden (in Romanisch) und St. Gallen. <\/p>\n<p> Auffallend ist unter anderem, dass einer der beiden Urner Betrufe von einer Frau gesungen wird (der Aufenthalt von Frauen auf der Alp war fr\u00fcher nicht erlaubt) und dass im Sarganserl\u00e4nder Alpsegen noch \u00abdie falschen Juden\u00bb genannt werden (eine Erw\u00e4hnung, die seit langem gestrichen ist). <\/p>\n<p> Zwischen den Alpsegen erklingen Herdengel\u00e4ut, kurze Alphorn- und B\u00fcchelst\u00fccke, ein Juchzer, ein Z\u00e4uerli mit Talerschwingen und eine b\u00fcndnerische Hirtenweise auf der Gipspfeife, der \u00absch\u00fcbl\u00f6t da marmel\u00bb. <\/p>\n<p> Hintergr\u00fcnde, Erl\u00e4uterungen und Literaturangaben zum Thema finden sich im illustrierten Booklet (dt.\/engl.). Das Album ist ein anregendes und weiteren Forschungen dienendes Dokument einer alten Volkskunst. <\/p>\n<p> <strong>Schutz im \u00abgoldenen Ring\u00bb <\/strong> <\/p>\n<p> F\u00fcr die Sicherheit der Alp, ihrer Tiere und Bewohner sind neben der Muttergottes und der Dreifaltigkeit Heilige in wechselnder Gruppierung je nach Gegend zust\u00e4ndig: N\u00e4hrvater Josef, die Evangelisten, Wendelin, Patron der Haustiere, Jakobus und Isidor, Besch\u00fctzer der Bauern, Georg und Martin, Antonius und Gallus, auch der Schweizer Schutzpatron Niklaus von Fl\u00fce. <\/p>\n<p> Der am Tonfall einfacher gregorianischer Ges\u00e4nge sich orientierende, litaneiartig auf Reperkussionston-Basis psalmodierende B\u00e4ttruef erfuhr im Text lokale Ausformungen. So wird in der Innerschweiz mittels Anrufung Marias, der Dreifaltigkeit und ausgew\u00e4hlter Heiliger der \u00abgoldene Ring\u00bb um die Alp beschworen (andernorts der \u00abgoldene Graben\u00bb), der einen abgeschirmten Schutzbereich umschliesst. Im Oberwallis greift der Alpsegen auf das Johannes-Evangelium zur\u00fcck (\u00abIm Anfang war das Wort \u2026\u00bb) und preist Christi Erl\u00f6sungstat. <\/p>\n<p> Im Sarganserl\u00e4nder Alpsegen wird der heilige Petrus angerufen: \u00ab\u2026N\u00fcmm dy Schl\u00fcssel wohl in dyni r\u00e4chti Hand \/ und bschl\u00fcss wohl uf dem B\u00e4ren synen Gang, \/ dem Wolf den Zahn, dem Luchs den Chr\u00e4uel, \/ dem Rappen den Schnabel, dem Wurm den Schweif, \/ dem Stei den Sprung.\u00bb Ist es vermessen, hier an die altdeutschen, auf antikes und germanisches Heidentum zur\u00fcckgehenden Beschw\u00f6rungs- und Heilszauberformeln des 9.\/10. Jahrhunderts zu denken, den Wiener Hundesegen, den Lorscher Bienensegen oder Pro Nessia (gegen W\u00fcrmer in Pferden)? <\/p>\n<p> <strong>Wider die b\u00f6sen Geister <\/strong> <\/p>\n<p> Auf alte Schichten weist auch der Vieh- und Wettersegen hin, die Nennung von \u00abb\u00f6sen Geistern\u00bb und die Scheuchrufe \u00abHo-ho-ho\u00bb zu deren Abwehr (im Alpsegen vom Pilatus). Auf keltische Zeit zur\u00fcckgef\u00fchrt wird das Wort Loba (oder Lob\u00e4, Liauba, Lioba) f\u00fcr Kuh in verschiedenen Alpsegen. <\/p>\n<p> Die heidnischen Einfl\u00fcsse waren der christlichen Luzerner Obrigkeit suspekt: Anfang des 17. Jahrhunderts verbot sie den alten Viehruf. Die Sennen wussten sich zu helfen, indem sie das Wort Loba als im Dialekt gleichklingendes loben ausgaben, weiterhin die Kuh meinten, aber gleichzeitig vorschriftskonform Gott lobten. <\/p>\n<p> Der Betruf ist nicht, wie manche andere \u00c4usserung des religi\u00f6sen Volkstums, am Aussterben; er wird in der Schweiz von jungen Sennen und Hirten weitergef\u00fchrt aus innerer \u00dcberzeugung, aus Respekt vor einem die Generationen \u00fcber Jahrhunderte verbindenden Brauch.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">\u00abB\u00e4ttruef \u2013 Alpsegen \u2013 Swiss Alpine Prayer\u00bb. Zytglogge Verlag, Oberhofen am Thunersee. (Zytglogge ZYT 4587; 39\u2019). \u2013 Auslieferung in Deutschland: BDK K\u00f6ln, in \u00d6sterreich: Mohr Morawa Wien.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22.12.2006 &#8212; Abendd\u00e4mmerung auf der Alp. Die Tagesarbeit ist beendet. 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