{"id":976,"date":"2014-01-13T09:46:44","date_gmt":"2014-01-13T09:46:44","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/steigendes-interesse-an-der-volksmusik\/"},"modified":"2014-01-13T09:46:44","modified_gmt":"2014-01-13T09:46:44","slug":"steigendes-interesse-an-der-volksmusik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/steigendes-interesse-an-der-volksmusik\/","title":{"rendered":"Steigendes Interesse an der Volksmusik"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/070329ringli.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>30.03.2007 &#8212; Es mag sein, dass die Globalisierung als Gegenreaktion eine R\u00fcckbesinnung auf lokale Traditionen verst\u00e4rkt. M\u00f6glich ist auch, dass die Entideologisierung der Kultur fr\u00fchere Abwehrreflexe gegen\u00fcber allem obsolet gemacht hat, was Kulturschaffende in die N\u00e4he von \u00abVolkst\u00fcmelei\u00bb bringen k\u00f6nnte \u2013 wie dem auch sei: Die Schweizer Volksmusik, oder was daf\u00fcr gehalten wird, r\u00fcckt zusehends ins Interesse des zeitgen\u00f6ssischen Kunstschaffens. In Altdorf hat ein breit abgest\u00fctztes \u00abHaus der Volksmusik\u00bb seine Tore ge\u00f6ffnet, das Label Musiques Suisses des Migros Kulturpozent plant ein Sublabel f\u00fcr Neue Schweizer Volksmusik, die Musikhochschule Luzern offeriert seit neuestem einen Nachdiplomkurs \u00abSchweizer Volksmusik\u00bb, die Kulturstiftung Pro Helvetia lanciert mit \u00abechos \u2013 Volkskultur f\u00fcr morgen\u00bb ein Programm, das zum Dialog von traditioneller Kultur mit zeitgen\u00f6ssischer Kunst auffordert, und einzelne K\u00fcnstler wie die Jodlerin Nadja R\u00e4ss, der Schwyzer\u00f6rgeler Markus Fl\u00fcckiger oder der Klarinettist Dani H\u00e4usler entstauben die klingende Folklore der Schweiz.<\/p>\n<p> Aber auch auf wissenschaftlicher Ebene tut sich einiges: Da werden zahlreiche schiefe Legenden und Vorstellungen \u00fcber die Musik des \u00abVolkes\u00bb zurecht ger\u00fcckt. Auf hervorragende \u2013 und \u00fcberaus unterhaltsame \u2013 Art gelingt dies dem Z\u00fcrcher Musikethnologen Dieter Ringli, der in seinem sorgf\u00e4ltig recherchierten Buch \u00abSchweizer Volksmusik \u2013 von den Anf\u00e4ngen um 1800 bis zur Gegenwart\u00bb \u00fcberzeugend darlegt, dass das, was wir heute als \u00aburchige\u00bb L\u00e4ndlermusik betrachten, in Wirklichkeit von gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen st\u00e4dtischen Unterhaltungsmusikern der Zwischenkriegszeit erfunden worden ist und namhafte Vertreter der ersten Stunde keineswegs die Schweizer Tugenden der Zuverl\u00e4ssigkeit, P\u00fcnklichkeit und Sparsamkeit verk\u00f6rperten, die heute mit der L\u00e4ndlermusik gerne assoziiert werden m\u00f6chten.<\/p>\n<p> Die Schl\u00fcsselfiguren in der \u00abErfindung\u00bb der urchigen Kapellen ist laut Ringli der aus Wollerau im Kanton Schwyz stammende und ab 1921 beim \u00abTages Anzeiger\u00bb in Z\u00fcrich als Setzer arbeitende Joseph Stocker, oder \u00abStocker Sepp\u00bb wie er sich, l\u00e4ndlichen Traditionen gem\u00e4ss, nannte. F\u00fcr \u00abStocker Sepp\u2019s 1. Unterwaldner Bauernkapelle\u00bb, in der weder Unterwalder noch Bauern aufspielten, steckte der Wollerauer Mitmusiker in gestickte Trachtenblusen. Er schuf dabei ein straff organisiertes Franchise-\u00e4hnliches Unternehmen, das unter dem gleichen Namen mehrere Kapellen in den Z\u00fcrcher Lokalen auftreten liess und auch mit vari\u00e9t\u00e9\u00e4hnlichen Elementen sein Publikum zu unterhalten verstand. Kasimier \u00abKasi\u00bb Geisser wiederum, die zweite pr\u00e4gende Pers\u00f6nlichkeit bei der Schaffung dessen, was heute als genuine Folklore betrachtet wird, war ein dem Alkohol und der Sch\u00fcrzenj\u00e4gerei zugeneigter Leichtfuss.<\/p>\n<p> Aber auch die heute als \u00fcblich geltende instrumentale Besetzung von Volksmusikkapellen mit Klarinette, Hand\u00f6rgeli und Kontrabass ist keinswegs \u00e4lter als rund achtzig Jahre, und speziell die Popularit\u00e4t des Schwyzer\u00f6rgeli ist mehr \u00f6konomischer als musikalischer Herkunft \u2013 ein einzelner Musiker kostete einen Veranstalter halt schon immer deutlich weniger als ein Ensemble. Im 19. Jahrhundert dominierten demgegen\u00fcber mit Trompete, anderen Blasinstrumenten oder Streichern besetzte Formationen die l\u00e4ndliche Musik der Schweiz.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/070329brass.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Wie diese geklungen haben mag, zeigt die CD \u00abBauernmusik revisited\u00bb der Lucerne Chamber Brass, einer Gruppe aus zwei Trompetern, einem Hornisten, einem Posaunisten und einem Tubaspieler, welche auf historischen Instrumenten Bauernmusik aus der Zeit um 1850, l\u00e4ndliche T\u00e4nze von Ferdinand L\u00f6tscher (1842-1904) und eigene Arrangements von Schweizer Volksmusik-Klassikern eingespielt haben. Da zu den historischen Vorbildern dieser Art von Musik praktisch keine direkte Zeugnisse vorhanden sind, hat die Gruppe Regeln zu definieren versucht, mit deren Hilfe einerseits der urt\u00fcmliche Volksmusikcharakter der St\u00fccke bewahrt bleibt, andererseits auch f\u00fcr heutige Ohren interessant gestaltet wird. Laut Booklet einigten sich die Musiker darauf, \u00abeine Anzahl von Parametern und Stilmerkmalen der traditionellen Volksmusik\u00bb zu definieren, \u00abvon denen in jedem Arrangement h\u00f6chstens zwanzig Prozent ver\u00e4ndert werden durften\u00bb. Das Resultat ist eine virtuose, unterhaltsame und teils witzige Reverenz an die eigenen kulturellen Wurzeln.<\/p>\n<p> Wesentliche Impulse des gestiegenen Interesses an der nationalen Folklore sind dem Komponisten und Cellisten Fabian M\u00fcller zu verdanken, der von 1991 bis 2002 mit der Bearbeitung der \u00abSammlung Hanny Christen\u00bb einen Meilenstein der Schweizer Volksmusikforschung verantwortete und bis vor einem Jahr den Verlag Muelirad leitete, welcher den Forschungen auf dem Gebiet als publizistisches Gravitationszentrum dient. Als Cellist beteiligte er sich am Aufbau eines Projektes f\u00fcr Neue Originale Appenzeller Streichmusik und an der Gruppe Tritonus, welche die ganz alten Schweizer Volksweisen und -br\u00e4uche wieder zum Leben erweckt. <\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/070329mueller.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Das kompositorische Werk des Kosmopoliten M\u00fcller dokumentiert einmal mehr eine CD aus der Reihe Musiques Suisses \u2013 mit Aufnahmen eines Klavierkonzertes durch den Pianisten Adrian Oetiker, \u00abLabyrinth\u00bb f\u00fcr Streichorchester, einer Suite f\u00fcr Cello und Orchester und \u00abLied des Einsamen \u2013 Hommage f\u00fcr Dag Hammarskj\u00f6ld\u00bb f\u00fcr Alt-Saxophon und Streichorchester mit dem Solisten Harry White. Das Z\u00fcrcher Kammerorchester steht dabei unter der Leitung von Ruben Gazarian. <\/p>\n<p> Der mit der renommierten taiwanischen Cellistin Pi-Chin Chien \u2013 sie bestreitet auch den Cellopart der CD \u2013 verheiratete M\u00fcller findet seine Inspirationen vorzugsweise in Schweden, Venedig oder im Vorarlberg \u2013 scheinbar unber\u00fchrt von seiner Besch\u00e4ftigung mit der Schweizer Volksmusik. Seine eigene elegische Tonsprache wirkt undoktrin\u00e4r-modern und zeichnet sich durch subtilen, aber auch kraftvollen Umgang mit den Orchesterfarben aus, die \u2013 wenn schon nach nationalen Vorbildern gesucht werden muss \u2013 ihre Wurzeln eher in der neoklassizistischen Tradition eines Willy Burkhard, Othmar Schoeck, Frank Martin oder Arthur Honegger finden d\u00fcrfte, als in folkloristischer Anbiederei. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Dieter Ringli: Schweizer Volksmusik \u2013 von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart, M\u00fclirad-Verlag Altdorft, Nr. 3002, ISBN 3-033-00826-7, 48 Fr., zu beziehen unter: <a href=\"http:\/\/www.muelirad.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.muelirad.ch<\/a><\/p>\n<p> Lucerne Chamber Brass: Bauernmusik revisited, Musiques Suisses, MGB CD 6250<br \/> Fabian M\u00fcller: Klavierkonzert, Labyrinth, Suite f\u00fcr Violoncello und Streichorchester, Lied des Einsamen, Musiques Suisses, MGB CD 6249. <br \/> Bezugsquelle f\u00fcr die CDs: <a href=\"http:\/\/www-musiques-suisses.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www-musiques-suisses.ch<\/a> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>30.03.2007 &#8212; Es mag sein, dass die Globalisierung als Gegenreaktion eine R\u00fcckbesinnung auf lokale Traditionen verst\u00e4rkt. 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