{"id":979,"date":"2014-01-13T09:48:10","date_gmt":"2014-01-13T09:48:10","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/bibers-rosenkranz-sonaten\/"},"modified":"2014-01-13T09:48:10","modified_gmt":"2014-01-13T09:48:10","slug":"bibers-rosenkranz-sonaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/bibers-rosenkranz-sonaten\/","title":{"rendered":"Bibers Rosenkranz-Sonaten"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/biber210607.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/> 22.05.2007 &#8212; In seiner Jugend galt er als Bohemien, bald aber als einer der bedeutendsten Geigenvirtuosen n\u00f6rdlich der Alpen, ber\u00fchmt an europ\u00e4ischen H\u00f6fen, als der gr\u00f6sste des 17. Jahrhunderts (so das Urteil des englischen Musik-Historikers Charles Burney im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert), trotz Violinkoryph\u00e4en wie Georg Pisendel, Johann Heinrich Schmelzer, Johann Jakob Walther, Johann Paul von Westhoff.<\/p>\n<p> Heinrich Ignaz Franz Biber, geboren in B\u00f6hmen gegen Ende des Dreissigj\u00e4hrigen Kriegs 1644, gestorben 1704 als Hauptkapellmeister in Diensten des Erzbischofs in Salzburg, komponierte Musik zu Dramen, nat\u00fcrlich Sakrales wie Vespern, Messen und Litaneien, Kammermusik, auch Opern. Manches davon ist ungedruckt geblieben, etliches verschollen. Was hin und wieder aufgef\u00fchrt wird, unterstreicht Bibers Rang als ein Meister des musikalischen Barocks in Salzburg. (Sein Sohn Karl Heinrich, ebenfalls Hauptkapellmeister, war dann Vorgesetzter von Leopold Mozart, der seinen Sohn Wolfgang Amad\u00e9 mit Kompositionen Vater Bibers vertraut machte.) <\/p>\n<p> Bedeutend geblieben ist Biber in der Geschichte des Violinspiels, das er, ehedem wahrscheinlich Sch\u00fcler Schmelzers, in spezifisch deutscher Tradition weiter entwickelte, bis zur 7. Lage trieb und unter Beihilfe der Skordatur mit Doppel- und Mehrfachgriffen durchsetzte. Die aus dem Lautenspiel \u00fcbernommene Scordatura \u2013 das Umstimmen der Saiten \u2013 erlaubt Griffe, die in der \u00fcblichen Quintenstimmung nicht zu realisieren sind, erweitert den Tonumfang, erm\u00f6glicht neue Bogenf\u00fchrung, neue Klangeffekte (Akkordspiel, Arpeggien, Resonanz der leeren Saite) und gesteigerte Brillanz. Die entsprechende Notierungsweise ist der Tabulaturschrift verwandt. <\/p>\n<p> In den \u00abXV Sacra Mysteria\u00bb, Bibers herausragendem Opus f\u00fcr Violine und Basso continuo, verwendet er 14 verschiedene Skordaturen \u2013 jede Sonate hat ihre eigene Stimmung, ihren eigenen Klang- und Ausdruckscharakter. F\u00fcr den Interpreten stellen sich ungewohnte Aufgaben, die Maya Homburger im Booklet zu ihrer Gesamteinspielung umreisst: \u00abDie Scordatur selbst versetzt uns in eine andere Welt. Es ist nicht mehr m\u00f6glich, mit den ,normalen\u2019 Instinkten zu spielen \u2013 simple Mechanismen, die man seit der Kindheit einge\u00fcbt hat, muss man auf den Kopf stellen. Das Notenbild hat oft keine Relation zum Geh\u00f6rten mehr (da man ja eine Griffschrift interpretiert und nicht die Noten sieht, die man h\u00f6rt). Die immense intellektuelle Anstrengung, die dies erfordert, zusammen mit dem \u00fcberw\u00e4ltigenden emotionalen Affekt, der von Sonate zu Sonate dramatisch wechselt, f\u00fchrt zu einer fast tranceartigen Losl\u00f6sung vom Ich und vom so genannt Geigerischen, Virtuosen.\u00bb <\/p>\n<p> Das Opus umfasst 15 ein- bis viers\u00e4tzige Sonaten, gegliedert in Die f\u00fcnf freudenreichen Geheimnisse oder Mysterien (Inkarnation und Jugend Jesu), Die f\u00fcnf schmerzensreichen Mysterien (Passion und Tod Christi) und Die f\u00fcnf glorreichen Mysterien (Auferstehung Jesu und Mariae Himmelfahrt), und schliesst mit einer Passacaglia f\u00fcr Violine solo zum Fest des Schutzengels. <\/p>\n<p> Die zwischen 1670 und 1680 komponierten Sonaten erklangen vermutlich im Rahmen der Rosenkranz-Andachten in Salzburg im Oktober als musikalische Meditationen in der Tradition des katholischen Mystizismus. Obwohl sich der spirituelle Gehalt auf bildhaft eindr\u00fcckliche Ereignisse des Neuen Testaments bezieht, steht das Klangwerk programmatischen Szene-Schilderungen fern, wie sie dann exemplarisch etwa Johann Kuhnau realisiert hat in seiner Sammlung \u00abMusikalische Vorstellung einiger biblischer Historien\u00bb (1700; \u00abda sonarsi sul\u2019Organo, Clavicemb. et altri Stromenti semiglianti\u00bb).<\/p>\n<p> Der Gefahr eines durch die Basso-continuo-St\u00fctze von Orgel (oder Cembalo) und Gambe geschaffenen uniform anmutenden Klangbilds begegnet die vorliegende Einspielung, indem die Interpreten die F\u00fclle der Emotionen und atmosph\u00e4rischen Gestimmtheiten umsetzen mit einer variationsreichen Ausgestaltung des Basso continuo. Neben Orgel und Cembalo finden Viola da gamba, Harfe, Theorbe und Kontrabass Verwendung, die \u2013 mal solo (Bass in der Sonata X, \u00abDie Kreuzigung\u00bb), mal in wechselnden Kombinationen \u2013 einen an Farben facettenreichen Klangraum bereiten, in dem sich die Geige entfaltet. <\/p>\n<p> Grossr\u00e4umigkeit, musikantischer Elan, kraftvolle Artikulation und Rhetorik, improvisatorischer Gestus, Sinnlichkeit, Askese und vision\u00e4re Ausstrahlung: Die Schweizer Violinistin Maya Homburger \u2013 sie spielt auf sechs verschiedenen Barockgeigen \u2013 und ihre Partner der Camerata Kilkenny aus Irland beweisen in dieser exemplarischen Aufnahme neben unanfechtbarer technischer Souver\u00e4nit\u00e4t ein H\u00f6chstmass an Gestaltungs- und \u00dcberzeugungskraft, die reife Frucht langj\u00e4hriger intensiver Auseinandersetzung mit Bibers Opus magnum des Violinspiels und der Komposition. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Heinrich Ignaz Franz Biber: The Mystery Sonatas \u2013 Die Rosenkranz-Sonaten. Gesamteinspielung. Maya Homburger, Barockvioline. Camerata Kilkenny: Siobh\u00e1n Armstrong, Harfe; Sarah Cunningham, Gambe; Brian Feehan, Theorbe; Malcolm Proud, Orgel und Cembalo; Barry Guy, Kontrabass. (Maya Recordings MCD 0603; 2 CDs; 128\u2019), <a href=\"http:\/\/www.mayarecordings.com\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.mayarecordings.com<\/a> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22.05.2007 &#8212; In seiner Jugend galt er als Bohemien, bald aber als einer der bedeutendsten Geigenvirtuosen n\u00f6rdlich der Alpen, ber\u00fchmt&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-979","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/979","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=979"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/979\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=979"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=979"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=979"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}