{"id":988,"date":"2014-01-13T09:52:31","date_gmt":"2014-01-13T09:52:31","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/orchestermusik-von-heinz-holliger\/"},"modified":"2014-01-13T09:52:31","modified_gmt":"2014-01-13T09:52:31","slug":"orchestermusik-von-heinz-holliger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/orchestermusik-von-heinz-holliger\/","title":{"rendered":"Orchestermusik von Heinz Holliger"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/071018holliger.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>19.10.2007 &#8212; Musik ist bekanntlicherweise eine abstrakte Kunst, die aber intuitiv dennoch eine Art Sinn zu ergeben scheint: Sie f\u00fcgt abstrakte Formen zu Ganzheiten, die als \u00abKlangrede\u00bb ohne konkret dingfest machbare Botschaften empfunden werden. Dabei zeigen sich entscheidende Unterschiede zwischen traditioneller tonaler Musik und zeitgen\u00f6ssischen Klangwelten. Die tonale Musik hat mit Blick auf die Grammatik eine wesentliche St\u00e4rke: Die Regeln, nach denen ihre einzelnen Bausteine zusammengef\u00fcgt sind \u2013 die \u00abKompositionsgrammatik\u00bb \u2013 decken sich auf selbsterkl\u00e4rende Art mit der \u00abH\u00f6rgrammatik\u00bb (zumindest ist dies f\u00fcr an sie gewohnte europ\u00e4ische Ohren der Fall). Atonale Werke erschliessen dem H\u00f6rer ihre kompositorische Grammatik in der Regel nicht, oder bloss nach eingehender Analyse, die es erlaubt, sich mit den Gesetzm\u00e4ssigkeiten im Bau dieser Art von Musik so vertraut zu machen, dass sie beim H\u00f6ren auch intuitiv erfahrbar werden.<\/p>\n<p> Dieses Auseinanderfallen von Kompositionsgrammatik und H\u00f6rgrammatik hat noch vor nicht allzulanger Zeit zu \u00e4usserst heftiger Polemik gef\u00fchrt, weil die europ\u00e4ischen Avantgardisten die Strukturfrage eine Zeitlang als eine Art Glaubensbekenntnis verstanden. So reagierten etwa hiesige Theoretiker \u00e4usserst scharf auf einen Artikel des amerikanischen Musiktheoretikers Fred Lerdahl, der nachwies, dass die kompositorische Grammatik in Boulez\u2019 seriellem \u00abMarteau sans ma\u00eetre\u00bb selbst nach eingehendem Studium das H\u00f6rerlebnis nicht bestimmt (siehe <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/quellen_ind2.php?id=38\">Quelle<\/a>). Der H\u00f6rer strukturiert die Musik f\u00fcr sich selber ganz anders, als sie gebaut ist. Hierzulande wurde der n\u00fcchterne Artikel (v\u00f6llig zu Unrecht) als Generalangriff auf die Daseinsberechtigung serieller Kompositionstechniken verstanden.<\/p>\n<p> Die L\u00fccke zwischen struktureller Idee und faktisch H\u00f6rbarem in vielen spekulativen Werken der Neuen Musik klafft auch auf, wenn Musiker sich in Wortspiele und Zahlenspekulationen ergehen. Es gibt zum Beispiel keine wie auch immer geartete innere Verbindung zwischen der Person Johann Sebastian Bachs und einer Tonkette wie \u00abB-A-C-H\u00bb, die aus seinem Namen abgeleitet ist, auch wenn der Thomaskantor selber das Tonmotiv wie ein Steinmetzzeichen gerne in seine Musik meisselte. Ebensowenig sagen Zahlenverh\u00e4ltnisse, die sich aus den Lebensdaten eines Komponisten ableiten lassen, in irgend einer Weise etwas \u00fcber diesen aus, oder ergeben Buchstaben-Permutationen per se irgend einen musikalischen Sinn. Derartige Spekulationen k\u00f6nnen h\u00f6chstenfalls als eine Art Zufallsgenerator f\u00fcr musikalisches Grundmaterial dienen.<\/p>\n<p> Aber selbst wer diese Einsicht teilt, kann nicht ableugnen, dass sich nicht wenige Komponisten durch solche Bez\u00fcge inspiriert f\u00fchlen. Dazu geh\u00f6rt auch der Schweizer Oboist und Tonsch\u00f6pfer Heinz Holliger, der in seiner, dem Lehrer Sandor Veress zugeeigneten Orchestermonodie \u00ab(S)irat\u00f3\u00bb (1993) etwa die Proportionen 1:2\/4:3 verarbeitet \u2013 eben abgeleitet aus den Lebensdaten des ungarischen Meisters (im Namen des St\u00fcckes m\u00fcsste auch der Akzent des \u00ab\u00f3\u00bb in kleine Klammern gesetzt werden, nur l\u00e4sst sich das leider im Weblayout nicht realisieren). In den f\u00fcnf St\u00fccken f\u00fcr Orgel und Tonband aus dem Jahr 1980 konstruiert Holliger aus den Pausen des einen St\u00fcckes die Noten eines andern, und im \u00abCOncErto\u00bb f\u00fcr das Chamber Orchestra of Europe (COE) entz\u00fcndet er zumindest in den Titeln der einzelnen Teile ein Feuerwerk an sprachlichem Klamauk: Ein Posaunenst\u00fcck heisst etwa \u00abLa MORT d\u2019ENOB\u00bb (der Leser reime sich die Verbindung von Titel und Instrument selber zusammen \u2013 sie hat etwas mit Umstellen und R\u00fcckw\u00e4rtslesen zu tun), die vom Namen eines bekannten Dirigenten abgeleitete Tonfolge \u00abA-B-B-A-Do\u00bb dient unter anderem als Material f\u00fcr eine \u00abFl\u00fcsterfuge\u00bb.<\/p>\n<p> Es w\u00fcrde sich lohnen, einmal der Frage nachzugehen, welche Bedeutung solche Spielereien f\u00fcr den Gehalt einer kompositorischen Arbeit tats\u00e4chlich haben k\u00f6nnen und weshalb Musiker so sehr an ihnen h\u00e4ngen, obwohl sie meistens bloss dazu f\u00fchren, dass mit Vehemenz oder gar Larmoyanz konfuse Theorien \u00fcber die Art, wie Musik Bedeutung generiert, den \u00e4sthetischen Dialog erschweren oder gar verunm\u00f6glichen. Dass Musikerhumor zu absurden Pointen und Wortwitz neigt, kann ja auch nicht Zufall sein. Vermutlich liessen sich daraus interessante Erkenntnisse \u00fcber die Art und Weise gewinnen, in der Musiker (nicht nur Heinz Holliger) die Welt wahrnehmen und ob sich daraus Erkenntnisse zu den allgemeinen Wahrnehmungsmechanismen ableiten liessen. <\/p>\n<p> Man m\u00fcsste meinen, dass Holligers zugleich atonale und wortklauberische Musik mit dieser doppelten Entfremdung von Kompositions- und H\u00f6rgrammatik beim Durchschnittsh\u00f6rer auf speziell grosse Ablehnung stossen m\u00fcsste. Dies ist jedoch nicht der Fall, wie praktische Erfahrungen immer wieder zeigen. Ein unerfahrenes Publikum, dass hundert Jahre alten Werken Anton Weberns nach wie vor feindlich gegen\u00fcbersteht, l\u00e4sst sich von Holligers Orchesterst\u00fccken immer wieder packen und begeistern. <\/p>\n<p> Woran mag das liegen? Zum einen sicher an der Tatsache, dass Holliger ungeachtet der Inspirationen, die er selber aus seinen Wortspekulationen und -spielereien zieht, ein hervorragender und inspirierter Komponist ist, der sich unterschiedlichster Techniken der Gegenwart undogmatisch bedient und auch aus dem Bauch (oder als Bl\u00e4ser aus der Lunge) heraus musiziert. Zum andern pflegt der Oboist einen \u00fcberaus subtilen Umgang mit Klangvaleurs, Texturen und organisch anmutenden Formen: Seine Musik \u00abatmet\u00bb, pulsiert, bebt und erweckt manchmal den Eindruck, als hinterlasse ein geheimnisvolles, skurriles Fabelwesen in einem fantastischen Raum seine Spuren, nicht ohne die H\u00f6rer ab und an mit \u00fcberraschenden humorvollen Absonderungen zu narren.<\/p>\n<p> Wie sich diese Sinnlichkeit speziell im Umgang mit Orchester Bahn bricht, dokumentiert die Doppel-CD mit f\u00fcnf Werken Holligers aus vier Jahrzehnten. \u00ab(S)irat\u00f3\u00bb in memoriam S\u00e1ndor Veress, eine \u00abMonodie f\u00fcr grosses Orchester\u00bb (1992\/93), weist sich im Namen als ungarische Totenklage (\u00ab(S)irat\u00f3\u00bb) und italienischen Zorn (\u00abirato\u00bb) aus, die der kollektiven Deklamation Raum geben. Die \u00abF\u00fcnf St\u00fccke f\u00fcr Orgel und Tonband\u00bb (1980) erweisen sich als Glasperlenspiel, das im letzten Teil entlang dem Choral \u00abVor Deinen Thron tret\u2019 ich hiermit\u00bb auf gespenstische Weise zu Staub zu verfallen scheint.<\/p>\n<p> Der \u00abAtembogen\u00bb (1974\/75) packt mit teils wahnwitzigen Texturen, in denen sonst als unerw\u00fcnschte Nebenger\u00e4usche des Musizierens betrachtete Klangereignisse ihren Schabernack treiben. \u00abRecicanto\u00bb (2000\/01) besteht im Wesentlichen aus einer virtuosen melodischen Linie der Bratsche, der sich in wechselnden Besetzungen zwei weitere Instrumente beigesellen. Es handelt sich dabei um eine Reverenz an die 1999 verstorbene Cembalistin Christiane Jaccottet, mit der Holliger h\u00e4ufig Triosonaten gespielt hat. Das zur selben Zeit entstandene \u00abCOncErto&#8230;? Certo! cOn soli pEr tutti\u00bb ist dem Chamber Orchestra of Europe auf den Leib geschneidert und entfaltet ein reichhaltiges Kaleidoskop an Miniaturen, die von Solobesetzungen bis zum Orchestertutti wechselnde Klangfarben und Kombinationen nutzen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Heinz Holliger: (S)irat\u00f3 (1992\/93), F\u00fcnf St\u00fccke f\u00fcr Orgel und Tonband (1980), Atembogen (1974\/75), Recicanto (2000\/2001), COncErto&#8230;? Certo! cOn soli pEr tutti (2000\/2001), verschiedene Interpreten, Musiques Suisses\/Grammont Portrait, MGB CTS-M 105. <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B000WEWIVS?ie=UTF8&amp;tag=codexflores-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B000WEWIVS\">bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=B000WEWIVS\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19.10.2007 &#8212; Musik ist bekanntlicherweise eine abstrakte Kunst, die aber intuitiv dennoch eine Art Sinn zu ergeben scheint: Sie f\u00fcgt&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-988","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/988","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=988"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/988\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=988"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=988"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=988"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}