{"id":998,"date":"2014-01-13T09:57:39","date_gmt":"2014-01-13T09:57:39","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/felix-profos-vom-innenleben-des-klanges\/"},"modified":"2014-01-13T09:57:39","modified_gmt":"2014-01-13T09:57:39","slug":"felix-profos-vom-innenleben-des-klanges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/felix-profos-vom-innenleben-des-klanges\/","title":{"rendered":"Felix Profos &#8211; vom Innenleben des Klanges"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/080303profos.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>11.03.2008 &#8212; Felix Profos geh\u00f6rt mit knapp vierzig Jahren zur Generation von Komponisten, deren kreativer Weg zum Hochseilakt geworden ist &#8211; zwischen ideologischen Zw\u00e4ngen der europ\u00e4ischen Avantgarde und postmodernem Anything goes. Der Sch\u00fcler von Roland Moser und Vladimir Tarnopolski \u2212 er unterrichtet heute selber an der Hochschule der K\u00fcnste Z\u00fcrich Komposition und Neue Musik \u2212 bewegt sich mit den Werken der Portr\u00e4t-CD denn auch zwischen dem Spiel mit subtiler Innengestaltung eines gefrorenen Klanges \u2212 einem typischen Ausl\u00e4ufer der seriellen Schule \u2212 und ironischen medien\u00fcbergreifenden Performance-Elementen.<\/p>\n<p> Letzteres kann, wie im Orchesterwerk \u00abZwang\u00bb ins Schrille und Groteske umkippen. Das St\u00fcck, das urspr\u00fcnglich vom Musikkollegium Winterthur uraufgef\u00fchrt worden ist und dabei \u00abzu einem kleinen Skandal\u00bb gef\u00fchrt hat, wird hier von der S\u00fcddeutschen Philharmonie Konstanz unter der Leitung von Marc Kiss\u00f3czy zum besten gegeben und wirkt, wie wenn Ravels \u00abBolero\u00bb durch den Fleischwolf gedreht worden w\u00e4re. M\u00f6glicherweise versteht Profos die Demontage auch als eine moderne Form von Mozarts \u00abmusikalischem Spass\u00bb, wirkt sie doch mit ihrem unabl\u00e4ssigen Fortissimo und den undifferenzierten Melodie- und Rhythmus-Collagen wie die ungelenken Versuche von Hobbykomponisten, die am Computer Orchester-Samples zusammenpasten. Ein realexistierendes Orchester kann eine solche Partitur nur zum wahnwitzigen Parcours machen und dabei die musikalische Oberfl\u00e4chlichkeit derartiger St\u00fcmpereien demaskieren.<\/p>\n<p> Die anderen Kompositionen wirken auf den ersten Hinhorcher ruhig und statisch. Sie verf\u00fcgen aber \u00fcber ein reichhaltiges, subtiles, streckenweise verst\u00f6rendes Innenleben. Letzteres gilt vor allem f\u00fcr \u00abCome to Daddy\u00bb, das Teil einer Installation ist: Eine \u00abBabypuppe aus Plastik mit grossem Kopfh\u00f6rer\u00bb wird dabei \u00abvon einem Fernsehger\u00e4t verschiedenfarbig angeleuchtet\u00bb. Die Musik klingt im Kopfh\u00f6rer \u00fcberlaut und ist f\u00fcr das Publikum gerade noch h\u00f6rbar. Scheppernden Schlagzeugkl\u00e4ngen ab Band stehen dabei statische Akkorde eines Keyboards (\u00absynthetischer aber poetischer Klang mit pr\u00e4zisem Attack und ohne Nachhall\u00bb) sowie eine st\u00e4ndig variierte Sechzehntel-Anakrusis einer vibrato- und espressivolosen Solovioline gegen\u00fcber. <\/p>\n<p> Noch mehr in den Klang kriecht Profos mit \u00abforce majeur\u00bb f\u00fcr Kammerensemble, das einem praktisch unbeweglichen Ton ein subtil pulsierendes und rotierendes rhythmisches Innenleben verleiht. Den Instrumentalisten werden dabei synkopierte und punktierte Quintuolen und \u00e4hnliche rhythmische Grenzerfahrungen zugemutet. Sie sollen laut Aussagen des Komponisten von einem Blick aus dem Fenster inspiriert sein &#8211; und von den rhythmischen Mustern, welche Bewegungen von vorbeifahrenden Autos und wiegenden \u00c4sten erzeugen.<\/p>\n<p> Dass \u00abPink Chips\u00bb f\u00fcr Klavier und Soundtrack ausgerechnet die John-Cage-Dauer von 4&#8217;33&#8220; hat, d\u00fcrfte wohl kaum Zufall sein, nicht zuletzt, da Profos es selber als fr\u00fchen Versuch wertet, \u00abvon einem Stil loszukommen, der im allgemeinen als avantgardistisch angesehen wurde\u00bb. Es verwendet \u00abbekannte Idiome, um deren Vokabular\u00bb nach eigenen W\u00fcnschen umzugruppieren. In \u00abPai\u00bb f\u00fcr zwei Klaviere, Keyboards und Soundtrack wiederum treten musikalische Gestalten zugunsten eines von diskreten Tonfragmenten durchsetzten Ger\u00e4uschhintergrundes zur\u00fcck.<\/p>\n<p> Von der Webseite des Komponisten lassen sich die Partituren von \u00abCome to Daddy\u00bb, \u00abforce majeur\u00bb und \u00abZwang\u00bb in PDF-Format herunterladen. Ihr Studium iillustriert den Wandel, den das Verh\u00e4ltnis zwischen Musik und Notation mit der Einf\u00fchrung computergest\u00fctzter Notenerzeugung durchgemacht hat. Die feinen Ver\u00e4nderungen, die den Werken Innenspannung verleihen, zeigen sich vor allem in komplexen metrischen und rhythmischen Valeurs, wohingegen Dynamik, Artikulation, Phrasierung und verbale Spielanweisungen nur sehr rudiment\u00e4r vorhanden sind.<\/p>\n<p> Was f\u00fcr ein Unterschied, wenn man ihnen als Gegenentwurf zum Beispiel die Partitur einer Mahler-Sinfonie gegen\u00fcberstellt. Der Wiener Tonsch\u00f6pfer nutzte &#8211; wie der Komponist Hans-Ulrich Lehmann in einem klugen <a href=\"http:\/\/www.hu-lehmann.ch\/nuancen.htm\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> aufzeigt &#8211; in seinen bloss oberfl\u00e4chlich banal wirkenden Orchesters\u00e4tzen ebenfalls subtilste Variationen und Binnenstrukturen. Diese zeigen sich aber in einer F\u00fclle an kleinr\u00e4umigen Dynamik- und Phrasierungsanweisungen und verbalen Hinweisen auf Spielarten. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Felix Profos: Musiques Suisses Grammont Portrait, MGB CTS-M 109, aufgenommen im Radiostudio Z\u00fcrich und im Seminar Kreuzlingen, mit Rahel Kunz (Violine), Tamriko Kordzaia (Keyboard), S\u00fcdwestdeuschte Philharmonie Konstanz (Leitung Marc Kiss\u00f3czy), Conrad Steinmann (Blockfl\u00f6te), Raphael Camenisch (Saxophon), Lucas Niggli (Schlagzeug), Mondrian Ensemble, Klavierduo Kordzaia-Blum. Webseite von Felix Profos: <a href=\"http:\/\/www.fel-x.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.fel-x.ch<\/a> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11.03.2008 &#8212; Felix Profos geh\u00f6rt mit knapp vierzig Jahren zur Generation von Komponisten, deren kreativer Weg zum Hochseilakt geworden ist&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-998","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/998","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=998"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/998\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=998"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=998"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=998"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}