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Cédric Pescia: Les folies françaises

26.04.2008 — Die Diskussionen darum, ob Musik Aussermusikalisches abzubilden vermag, drehen sich seit Jahrhunderten eher im Kreis und haben bislang nicht zu abschliessendem Urteil gefunden − zumindest solange es um absolute Musik geht, die keinerlei oder bloss unsichere Hinweise auf eventuell beschreibende Absichten ihrer Schöpfer gibt. Aus dem Sumpf der individuellen Werkdeutung lässt es sich hier nur am eigenen Zopf der Rechthaberei ziehen. Etwas anders verhält es sich, wenn ein Komponist sein Werk in Titel oder Erläuterungen explizit als Klangmalerei auszeichnet. Das Corpus delicti wird beigebracht. Der Hörer kann sich der reizvollen Aufgabe widmen, die Klänge darauf hin zu hören.

Fast schon eine Art historisches Kompendium zur absichtsvollen Lautmalerei in der Klaviermusik französischer Provenienz legt der Pianist Cédric Pescia mit der CD «Les folies françaises» vor. Sie vereint auf intelligente und hochmusikalische Art deskriptive Miniaturen aus drei Epochen und beleuchtet dabei jedesmal neue Aspekte der Umsetzung aussermusikalischer Ideen in perlendes Pianospiel.

In eleganter und geistreicher Art formalisiert zeigen sich Auszüge aus zwei «Livre de Pièces de Clavecin» von François Couperin, die identifizierbare oder allegorische Personen, aber auch Atmosphärisches porträtieren. Einen speziellen Reiz erhalten die Interpretationen Pescias durch die Stimmung, die dem Steinway-Flügel dafür appliziert worden ist: Es handelt sich um eine Temperatur, die «der Komponist kannte und benutzt hat». Tonarten mit wenig Versetzungszeichen klingen da relativ rein, nicht zur Grundtonart gehörenden Alterationen wird ein speziell «gespannter» Charakter verliehen. So zumindest umschreibt das Booklet den Effekt. Der benutzte Steinway klingt dabei fast wie ein historisches Instrument, mit klanglichen Kontrasten aus überraschenden Reibungen und glockenhellen Akkorden.

Mit dem klingenden Pinsel malt Claude Debussy in seinen zwölf Präludien des «2ème Livre» Landschaften aus impressionistischen Grundfarben und Lichterspielen, die von der musikalischen Tiefenschärfe um ein akustisches Chiaroscuro bereichert werden. Neben Szenarien wie Nebel, welken Blättern, der Heide und den Toren der Alhambra charakterisiert der Meister des musikalischen Timbres ebenfalls markante Persönlichkeiten wie den Clown Lavine, die Meerjungfrau Undine, Dickens‘ Samuel Pickwick und mit «Feux d’artifice» ein veritables Feuerwerk mit Hilfe des pianistischen Tonsatzes. Die lautmalerischen Intentionen erlaubten es dem im 19. Jahrhundert beheimateten Tonschöpfer, die Klangräume seiner Musik bis in avantgardistische, von Texturen und Oberflächenkontrasten bestimmte Regionen zu führen, ohne den nach Verständnis heischenden zeitgenössischen Hörer der Ratlosigkeit zu überlassen.

Eine Art musikalischen Fotorealismus praktiziert schliesslich Olivier Messiaen in seinem «Catalogue d’Oiseaux», aus dessen siebtem Buch Pescia die CD mit dem «Courlis cendré» − dem grossen Brachvogel − abschliesst. Den Schlüssel zur Übersetzung seines Rufs liefert Messiaen gleich selber: «Langsame und traurige Tremolos, chromatisch aufsteigende Tonfolgen, wilde Triller und ein Ruf in einem tragisch wiederholten Glissando» charakterisieren den Gesang des Atlantikküstenbewohners.

Der 1976 geborene und bereits mit mehreren renommierten Preisen bedachte Pescia hat sein Handwerk an den Konservatorien von Lausanne und Genf sowie an der Universität der Künste Berlin bei Klaus Hellwig erworben. Sein von gutem musikantischem Geschmack und souveräner Technik bestimmter Ausflug in die französische Gegenständlichkeit ist eine Art Exkurs zwischen mehreren gewichtigen Studien zur deutschen Abstraktion. Vor der hier vorliegenden CD hat er für Claves Bachs Goldberg-Variationen und Schumanns pianistisches Gesamtwerk eingespielt, Ende dieses Jahres werden die drei letzten Klaviersonaten Beethovens folgen. (cf)

Cédric Pescia: Les folies françaises, Werke von Couperin, Debussy, Messiaen, 2008 Claves Records 50-2719, ISBN 761993127192.

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