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Fünf klingende Kulturgeschichten

26.06.2008 — Einen renommierten Namen unter den Hörbuch-Verlagen (samt Nominationen für den Deutschen Hörbuchpreis in den Kategorien «Beste Information» und «Beste verlegerische Leistung») hat sich der von Corinna Hesse und Antje Hinz 2005 ins Leben gerufene und geleitete Silberfuchs-Verlag in Kayhude (Schleswig-Holstein) gesichert. Die beiden Kulturjournalistinnen, die Erfahrungen beim NDR sammelten, legen künstlerisch ausgestattete, informationsreiche und schön illustrierte Smartpac-Alben vor über die Kulturgeschichte von Ländern und klingende Biografien von Komponisten.

Zur Qualität der Texte, die in grossräumigen Entwicklungen von den Mythen bis in die Gegenwart (die in der Regel knapp umrissen wird) führen, ein breites Spektrum an Einsichten vermitteln und Verständnis und Respekt fördern, gesellt sich in all diesen Produktionen gleichwertig die Musik: Wort und Ton, harmonisch verschränkt, ergänzen, reflektieren, kommentieren sich. Das prägt auch die im Folgenden vorgestellten Alben über Geschichte, Zivilisation und Kultur der Türkei, Frankreichs, Israels, Ungarns und Russlands – fünf spannende, auch Problematisches aufgreifende, informationsreiche und atmosphärisch dichte 80-minütige Reisen.

Türkei hören

Die Silberfuchs-Hörbücher erscheinen jeweils zu aktuellem Anlass, jenes über die Türkei beispielsweise zur «Biennale Bonn: Bosporus» im Juni 2008 und zur Frankfurter Buchmesse im Oktober gleichen Jahres, an der die Türkei als Ehrengast eingeladen ist.

Wie Vorurteile abgebaut, Fehlbilder korrigiert werden können, erweist sich nachdrücklich im Text des Türkei-Kenners Martin Greve. Einen der ältesten Kulturräume der Welt, geprägt durch Vermischungen von nomadischer und städtischer Kultur, von Christentum und Islam, lässt der Sprecher Ercan Durmaz erleben.

Im farbigen, opulenten Mosaik, zu dem auch über sechzig Musikbeispiele des türkischen Labels Kalan erklingen, erscheinen grosse Geister aus Religion, Dichtung, Baukunst, Kalligrafie, Schauspiel, treten Emire und Sultane auf, Janitscharen-Kapellen und die Wirbelnden Derwische. Eine Erkenntnis der Aleviten: «Was immer du suchst, such es in dir selbst.»

Gewicht liegt auf den Beziehungen zwischen dem «Erhabenen Staat», dem Osmanenreich, und dem christlichen Europa, den Kriegen und den kulturellen Einflüssen und der Öffnung und Modernisierung der Türkei unter Atatürk, dem Militärputsch von 1980. Gewürdigt werden der Lyriker Nazim Hikmet, der Komponist Ahmed Adnan Saygun (der weiland zusammen mit Bartók türkisches Volksliedgut sammelte) und der 2006 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnete Orhan Pamuk.

Frankreich hören

Von Vercingetorix über Heloise und Abaelard, Jeanne d’Arc, Rabelais, Molière, Diderot, Berlioz, Balzac, George Sand und Baudelaire bis zu Proust, Monet, Debussy, Edith Piaf, Sartre, Camus: In geografisch und kulturell vertrautere Gefilde führt der von Barbara Barberon-Zimmermann verfasste, von Dietmar Mues vorgetragene Tour d’horizon zu Frankreich.

Geschichte, Geschichten, Gestalten, Mächte der Politik, des Geistes und des Geldes lassen wichtige Ereignisse und Entwicklungen, Glanz und Elend der Grande Nation nacherleben. Die Autorin rückt dabei ausser den Hauptwegen auch weniger begangene Seitenstrassen in den Blick. Opulent präsentiert sich der Sonnenkönig, zu kurz dagegen kommt das Zeitalter Napoleons mit seinen gravierenden Auswirkungen auf ganz Europa.

Asterix, Merlin und die Barden, Ritter, Troubadoure und Komponisten, Choreografen, Baumeister, Architekten, Maler, Schriftstellerinnen, Philosophen und Filmregisseure mit ihren Leistungen und Werken bereichern mit vielen Zitaten ein bewegtes Bild Frankreichs.

Auch dieses Album enthält im eingeklebten Booklet farbige Abbildungen und einen chronologisch geordneten Überblick über die Geschichte des Landes.

Israel hören

Anlässlich des 60-jährigen Bestehens Israels hat Corinna Hesse die Publikation «Israel hören. Das Heilige Land» verfasst. Rolf Becker erzählt die wechselvolle Geschichte des Lands zwischen Orient und Okzident, von den frühen Stadtkulturen, den Babyloniern und Persern, den Griechen, Römern, Osmanen und Kreuzfahrern bis zum Ausklang des 20. Jahrhunderts.

Prägende Gestalten des Geistes und des Schwerts tauchen auf und wieder unter: David, Salomon, Nebukadnezar, Alexander der Grosse, Jesus, Konstantin, Mohammed, Sultan Saladin und Süleyman der Prächtige (gestorben 1566), der niederschrieb: «Was Menschen ein Reich nennen, ist nichts als ein weltweiter Streit und endloser Krieg. Die einzige Freude dieser Welt liegt im Frieden.» Eines von vielen eingeflochtenen Zitaten aus Vergangenheit und Gegenwart.

Die Rede ist von Krieg, Vertreibung und Völkermord, von der zionistischen Bewegung, der Suche nach der eigenen Identität, von mächtigen Religionen und sakralen Bauten – Salomos Tempel, Konstantins Grabeskirche, Felsendom des Abd al-Malik, Al-Aqsa-Moschee –, von Tora, Tanach, Talmud, der Bibel, den Schriftrollen aus Qumran und von Psalmen, Hymnen und Liebesliedern, Kabbala und Kalligraphie.

Das farbig bebilderte Booklet führt auch die (jüdischen) Komponisten und deren Werke auf, die in Ausschnitten zu hören sind. Allerdings nicht in der Reihenfolge des Erklingens, was der Identifikation hinderlich ist.

Ungarn hören

Instrumente wie Rohrflöte, Tárogató, Laute, Violine, Cimbalom, Dudelsack stehen im Album «Ungarn hören. Magyarország» für die Volksmusik. Musikzitate stammen aus Klageliedern, Tänzen und Volksweisen und Gesängen aus alten Codices, aus Kompositionen u. a. von Haydn, Bakfark, Erkel, Bihari, Liszt, Kodály, Bartók, Szentirmay, Dubrovay, Ligeti.

Glanz und Elend des Vielvölkerstaats Ungarn, dessen Bewohner, die Magyaren, jahrhundertelang unter fremder Herrschaft lebten, schildert Corinna Hesse facettenreich von der Stammesgesellschaft bis in die Gegenwart. Rolf Becker erinnert an Niederlagen und Triumphe, an Unterdrückung und wachsendes Selbstbewusstsein, an die Herrscher und patriotischen Helden, die grossen Denker, Literaten, Musiker, Maler, Architekten, Wissenschaftler und Kunsthandwerker, an die kulturellen Gegensätze, die eigenen Wurzeln und die Impulse aus dem Osten und dem Westen, an den Widerstandsgeist und den Aufbruch in die Moderne.

Russland hören

Ebenso plastisch gestaltet sich der 80-minütige Gang durch Jahrhunderte des russischen Reiches, den die Slawistin Antje Hinz weist. Auch hier zeigt sich Rolf Becker als souveräner Erzähler. Vom Gründungsmythos der Kiewer Rus spannt sich der Bogen über die Christianisierung, die Fremdherrschaft der Tataren und die Einflüsse aus Byzanz bis zur Dynastie der Romanow, Stalins Terrorregime und den Wandel unter Gorbatschow.

Die Zuhörenden besuchen Kiew, Nowgorod, Moskau und St. Petersburg, begegnen Elementargeistern, Fabel- und Märchenwesen, Leibeigenen, Beamten, Kosaken und Zaren, erleben Musik (z. B. aus der russisch-orthodoxen Liturgie und von Tschaikowski, Glasunow, Glinka, Mussorgski, Borodin, Rimski-Korsakow, Skrjabin, Rachmaninow, Prokofiew, Dubjanski, Schostakowitsch, Strawinsky), Tanz und Dichtung, Stile, Strömungen und Experimente, den sozialistischen Realismus und die Manifeste der künstlerischen Avantgarde – ein weiteres Beispiel einer rundum gelungenen klingenden, optisch gediegen präsentierten Länder-Kulturgeschichte aus dem Silberfuchs-Verlag. (ws)

Türkei hören. Text: Martin Greve. Sprecher: Ercan Durmaz.

Frankreich hören. Text: Barbara Barberon-Zimmermann. Sprecher: Dietmar Mues.

Israel hören. Das Heilige Land. Text: Corinna Hesse. Sprecher: Rolf Becker.

Ungarn hören. Magyarország. Text: Corinna Hesse. Sprecher: Rolf Becker.

Russland hören. POCCИЯ. Text: Antje Hinz. Sprecher: Rolf Becker.

Die fünf Hörbücher sind erschienen im Silberfuchs-Verlag – Hören und Wissen, Kayhude.

Die Verlegerinnen des Silberfuchs-Verlags (www.silberfuchs-verlag.de) spenden je einen Euro aus dem Verkauf jedes Hörbuchs «China hören» an das Deutsche Rote Kreuz für die Opfer des Erdbebens in China.

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