25.08.2008 — «Die Mitternacht zog näher schon; / In stummer Ruh lag Babylon.» Das Ende der folgenden Ereignisse ist schaurig («Belsazar ward aber in selbiger Nacht / Von seinen Knechten umgebracht.»), wurde aber vom Menetekel, der geisterhaften Flammenschrift an der Wand des Palastsaals, angekündigt. «Mene mene tekel u-pharsin» oder «Mene, Techel, Phares»: Was Belsazars Magiern verschlossen war, konnte nur einer entziffern, der gefangene Prophet Daniel: Belsazar muss sterben, das Reich wird erobert und unter Persern und Medern aufgeteilt.
Die Hybris und der durch den ergrimmten jüdischen Gott höchstpersönlich angestossene Fall des Belsazar hat immer wieder Künstler in Bann gezogen, darunter Rembrandt, Goethe (Dramenversuch), Calderón, Byron, Händel, Rossini, Reinecke, Walton, Sibelius und Schumann, der die eingangs zitierte Heine-Ballade vertonte.
Egerton MS 2615 im British Museum
Die älteste erhaltene künstlerische Gestaltung des Stoffes aus dem jüdischen Tanach bzw. der Bibel (Altes Testament, Buch Daniel) im Abendland ist in einer Handschrift überliefert, welche sich im Archiv des British Museum befindet (Egerton MS 2615). Verfasst wurde sie um 1230 im Kloster von Beauvais in Nordwestfrankreich durch Studenten, wie sie es in der Einleitung zum «Ludus Danielis» festhielten: «Ad honorem tui Christi …» – Dir zur Ehre, Christus, wurde dieses Daniel-Spiel aufgeführt in Beauvais von der hiesigen Jugend. Was auch heisst, dass die jungen Leute, darunter gewiss angehende Kleriker, bereits bestehendes und mündlich tradiertes Material in eine schriftlich fixierte Form gefasst und inhaltlich und in der Gliederung mit Blick auf eine szenische Umsetzung geprägt haben. Ob es auf dem «Ludus Danielis» des Gelehrten Hilarius, eines Schülers von Petrus Abaelardus, aus der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts basiert, ist strittig.
Darüber, dass es sich um ein opulentes Gesamtkunstwerk handelt, bestehen keine Zweifel. Denn im Text finden sich detaillierte Regieanweisungen für die Solisten und den Chor. Das Mysterienspiel, eine zweiteilige mittelalterliche «Oper», setzt nicht nur die Ereignisse um Belsazar in Szene, der vom einrückenden Perserkönig Darius getötet wird, sondern schildert, wie Daniel dessen Berater wird, nach einer Intrige in die Löwengrube geworfen, dort vom Propheten Habakuk mit Speise gestärkt und von einem schwertbewehrten Engel errettet wird. Darius bekehrt sich zum jüdischen Gott, und ein weiterer Engel verkündet die Geburt Christi, wie es der Prophet Daniel geweissagt hat. Mit dem Te Deum und unter Glockengeläute klingt das Daniel-Spiel aus.
Ein grandioses Spektakel
Von herausragendem Interesse ist die Musik: Der Notentext bringt eine Vielzahl mittelalterlicher Stile und Formen zusammen von der Gregorianik über Volksmelodie und Trouvère-Gesang bis zu Klagelied und Tanzmusik – Sakrales und Weltliches, Weihevolles und Ausgelassenes, Dramatisches und Lyrisches, Ernstes und Heiteres in einem effektvollen Szenenreigen.
Dass hier sonst streng geschiedene Sphären in ein faszinierendes, gegenseitig sich erhellendes komplexes Wechselspiel zusammengeführt wurden, hat den einen Grund gewiss in der rebellisch experimentierfreudigen Stimmung der jugendlichen Kompilatoren und Interpreten, den anderen in der Aufführungsszeit des «Ludus Danielis» nach Weihnachten. Der Ausklang des alten und der Beginn des neuen Jahrs war seit alters ein Fest der Narren und Gaukler, des Schabernacks und der Flegelei, eine karnevaleske Lustbarkeit, in der Hierarchien – weltliche und kirchliche – vorübergehend ausser Kraft gesetzt wurden. Da hielt denn auch Derbes und Theatrales Einzug in Kirchen und Kathedralen, zur Ergötzung der Stadt- und der Landleute.
Der Effekt, den die Aufführung des «Ludus Danielis» auf die Volksmassen machte, ist für uns Medienüberflutete nur mit etlichem Aufwand an Vorstellungskraft und Phantasie nachzuvollziehen. Die Kathedrale von Beauvais war Bühne, Klang- und Zuschauerraum, Stätte eines Happenings von sinnenbetäubender Energie. Eine rein akustische Umsetzung, wie sie die CD bietet, kann da nur ein wenn auch wesentliches Spektrum mitteilen. Eine opulente szenische Umsetzung des «Ludus Danielis» in Form einer Rockoper (in originaler lateinischer Sprache) hat kürzlich das Pfalztheater Kaiserslautern gewagt – mit grossem Erfolg.
Die Kathedrale von Beauvais
Die spannungs- und kontrastreiche Realisierung, die Vokalisten, Choristen und das fünfköpfige Ensemble The Dufay Collective unter der Leitung von William Lyons vorlegen, bringt dank der plastischen, herben Art der Interpretation und der inspirierten, Sekundreibungen und (wie auch im Chor) Geräuschhaftes einbeziehenden improvisatorischen Zwischenspiele auf altem Instrumentarium den «Ludus Danielis» zu packender Wirkung.
Apropos Beauvais: Die Hauptstadt des Départements Oise in der Picardie war dank seines Klosters im Mittelalter ein kulturelles Zentrum von weiter Ausstrahlung, besass ab dem 14. Jahrhundert eine Schule der Ménestrels (Barden des Mittelalters) und im 16. Jahrhundert berühmte Orgelbauwerkstätten.
Die Kathedrale Saint-Pierre, Schauplatz des «Ludus Danielis», ist eines der bedeutendsten Bauwerke der Gotik. Geplant war die grösste Kathedrale Europas. Doch die statischen Berechnungen hielten dem Druck des Steins nicht Stand: 1247 begannen die Bauarbeiten, 1284 stürzten Teile des Chors ein, der ein halbes Jahrhundert später fertiggestellt war. 1573 fiel, kaum aufgeführt, der zentrale, 153 Meter hohe Turm (halb so hoch wie der Eiffelturm!) zusammen. Im 16. Jahrhundert wurde das Querschiff gebaut, ein Hauptschiff allerdings nie errichtet – die Zeit der Gotik war längst vorüber. Das gigantisch geplante Unterfangen blieb unvollendet. – Die Hybris des Belsazar und der Turmbau zu Babel… (ws)
Ludus Danielis / The Play of Daniel / Le Jeu de Daniel. Ein liturgisches Drama aus dem Mittelalter. – John Potter, Harvey Brough, Simon Grant, Vivien Ellis, Clara Sanabras, Tom Phillips, Simon Wall, Charles Pott, Robert Rice, Giles Lewin. Choristers of Southwell Minsters. The Dufay Collective. Leitung: William Lyons. (Booklet engl./frz./dt. Mit vollständigem Text des Spiels. Harmonia Mundi USA, HMU 907479; 68’)