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Ljapunows «Etudes d´exécution transcendante»

27.11.2008 — Die russische Musik steht zur Zeit wieder hoch im Kurs. Man kann dies als späte Folge des Falls des Eisernen Vorhangs sehen. Die wiedergewonnenen Freiheiten der Begegnung haben es erlaubt, einen erheblichen Nachholbedarf in Sachen Kulturaustausch zu befriedigen. Grosse Gefühle und stupende Virtuosität − seit jeher eine Domäne der russischen Musikerseele − feiern aber nach Zeiten des unterkühlten Intellektualismus im Westen auch sonst eine eindruckliche Wiedergeburt. Da erstaunt es kaum, dass fast vergessen geratene Vertreter aus dem einstigen Zarenreich wieder in Erinnerung gerufen werden. Längst überfällig schien etwa die deutsche Ersteinspielung von Klavierwerken Sergej Ljapunows.

Der 1859 geborene Komponist und Pianist aus dem Umkreis des «Mächtigen Häufleins» hat neben Sinfonien und Kammermusik eine Reihe überbordender pianistischer Fingerbrecher geschrieben, darunter um die Wende zum 20. Jahrhundert die «12 Etudes d’exécution transcendante», op.11, die in Namen und Machart überdeutlich das grosse Vorbild Liszt beschwören − und diesem zum Schluss auch explizit Reverenz erweisen. Dies erstaunt wenig, hat Ljapunow sein pianistisches Handwerk am Moskauer Konservatorium doch in erster Linie bei zwei prominenten Liszt-Schülern erlernt, nämlich bei Paul Papst und Karl Klindworth.

Sein Leben beschloss Ljapunow nach späten, aber grossen pädagogischen Erfolgen als Professor für Klavier und Komposition am St. Petersburger Konservatorium als russischer Emigrant in Paris. Erschöpft von den Torheiten der kommunistischen Kulturpolitik hat er sich während eines Gastspiels in Frankreich dazu entschlossen, nicht mehr nach Hause zurückzukehren.

Die zwölf Etüden op.11 ragen aus seinem Gesamtwerk heraus. Sie wandern ausgehend von Fis-Dur und dis-Moll im Quintenzirkel durch die Kreuztonarten, über die jeweiligen Dur-/Moll-Paare bis zu G-Dur und e-Moll, und sie tragen programmatische Titel wie «Berceuse», «Térek», «Tempête», «Harpes éoliennes» oder «Élégie en mémoire de François Liszt», letztere als Schlussstein mit gut 13 Minuten Spieldauer die längste des insgesamt knapp achtzig Minuten dauernden Zyklus.

Der Klaviersatz ist fast durchgehend üppig, vollgriffig, Arpeggien- und Passagenwerk-verliebt und mit reicher Chromatik und Harmonik durchtränkt, die weniger eine strukturelle als vielmehr eine koloristische Funktion einnehmen. Und tatsächlich steigt da beim Zuhören das Bild eines behaglichen, mit Ikonen und Devotionalien überladenen, von schweren Plüschsofas, Teppichen und dunklen Hölzern dominierten russischen Salons vor dem geistigen Auge auf.

Der 1953 in Potsdam geborene Pianist Hans-Dieter Meyer-Moortgat, ein Schüler Heinz Kämmerlings, war lange Zeit an der Städtischen Musikschule Braunschweig Fachleiter der Klavierklassen und Hauptfachlehrer für studienvorbereitende Ausbildung für Klavier und Orgel. Heute unterhält er in Wolfenbüttel die private Klavier- und Orgelschule «Am Wasserturm». Sie verfügt über einen eigenen Kammermusiksaal, der auch als Aufnahmeraum für die vorliegende Einspielung gedient hat.

In den neunziger Jahren des 20.Jahrhunderts hat sich Meyer-Moortgat bereits mit einem andern Klaviervirtuosen aus dem Liszt-Umfeld beschäftigt, nämlich mit dessen direktem Schüler Julius Reubke. Reubkes technisch teils exorbitant schwer zu spielendes Gesamtwerk für Klavier und Orgel hat Meyer-Moortgat auf CD eingespielt.

Mit den nicht minder kniffligen technischen Problemen der Ljapunow-Etüden scheint der erfahrene Pianist scheinbar spielend fertig zu werden. Der russische Spätromantiker hätte im deutschsprachigen Raum wohl kaum einen versierteren Fürsprecher erhalten können.

Eine in Dynamik, Artikulation und Phrasierung noch etwas differenziertere und bewusster strukturierte Interpretation könnte dem Zuhörer aber möglicherweise helfen, sich von der fast ununterbrochen überströmenden Emphase der Charakterstücke nicht ermüden zu lassen und ihnen vollends die Tiefe zu verleihen, welche die pianistischen Oberflächenreize nicht zu erreichen vermögen.

So oder so sind die halt eben transzendenten − das heisst hinsichtlich ihrer Ausführbarkeit alle zu ihrer Zeit bekannte pianistische Virtuosität überschreitenden − Etüden eine interessante Erweiterung des heutigen Repertoires. (wb)

Sergej Ljapunow: «12 Etudes d’exécution transcendante», Hans-Dieter Meyer-Moortgat (Klavier), 2007 aufgenommen im Saal «Am Wasserturm», Wolfenbüttel. Gesamtspieldauer 78′ 47“, Sicus Klassik sic 009-2. http://sicus.de

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