27.01.2009 — Er war Professor für Violine Ihrer Majestät Königin Elisabeth und Kapellmeister des belgischen Hofes. Als Dirigent, vor allem aber als Geigenvirtuose und Komponist spielte Eugène Ysaÿe vor hundert Jahren eine glanzvolle Rolle in der Musikwelt Europas. Er brachte Violinwerke von Franck, Saint-Saëns, Fauré, Lekeu, Chausson, Debussy zur Uraufführung, regte Komponisten und Interpreten durch seine virtuose Technik und stupende Musikalität nachhaltig an (legendär ist seine Interpretation von Brahms’ Violinkonzert 1903) und setzte sich in Brüssel, wo er am Conservatoire Royal lehrte, als Dirigent und Solist nachhaltig für zeitgenössische Werke ein.
Und heute? Einst ein einflussreicher und gefeierter Künstler, auch in seinem Exil während des Ersten Weltkriegs und bis 1922 in England und den USA, ist Ysaÿe (1858–1931) zu einer marginalen Figur des Musiklebens geworden. Zweifellos bedauerlich, denn der Belgier prägte einen originellen Kompositionsstil mit Nachklängen von Wagner, der irisierenden brüchigen Gefühlswelt des Fin de siècle, den Finessen des Impressionismus und modernen Collagetechniken und schneiderte, offen für Experimente mit Formmodellen, üppige klangsinnliche sinfonische Dichtungen in kammermusikalischem Kleid.
An erster Stelle zu nennen sind da seine sechs Sonaten für Violine solo op. 27, jede einem berühmten Geigenkollegen gewidmet (Szigeti, Thibaud, Enescu, Kreisler, Mathieu Crickboom, 2. Geiger des Ysaÿe-Quartetts, und Quiroga), jede mit eigenem Gesicht und Charakter und insgesamt mit der ganzen Palette dessen, was auf der Violine realisierbar ist.
Ingolf Turban (Violine) und Kolja Lessing (Klavier und Violine) haben den 150. Geburtstag Ysaÿes zum Anlass einer Würdigung genommen und ein komponiertes Programm erarbeitet. Es enthält die sechs Solosonaten, die Paganini-Variationen auf das Thema – wie könnte es anders sein – der 24. Caprice mit Begleitung des Klaviers, die Sonate für 2 Soloviolinen (gedruckt erst 2004, Aufführungsdauer 36 Minuten!), die Violin-Klavier-Werke Poème élégiaque op. 12, Mazurka op. 11/3, Rêve d’enfant op. 14 und Berceuse op. 20. Dazu eine Komposition für Streichorchester (ohne Kontrabässe), «Exil!» op. 25.
Anregend das Programm, das einen plastischen Eindruck von Ysaÿes Künstlerpersönlichkeit vermittelt, beeindruckend und nachhaltig die Interpretationen durch Ingolf Turban, Kolja Lessing und die «Virtuosi di Paganini»: Erfindungsreichtum und schwindelerregende technische und farbenreiche klangliche Brillanz vereinen sich zu einem mal kraftstrotzenden, mal zartbesaiteten Violinfest auf höchstem Niveau. (ws)
Hommage à Eugène Ysaÿe. 6 Sonaten op. 27; Sonate für 2 Soloviolinen op. posth.; Paganini-Variations op. posth.; «Exil!» für Streichorchester op. 25 u. a. – Ingolf Turban, Violine; Kolja Lessing, Klavier und Violine. I Virtuosi di Paganini, Leitung: Ingolf Turban. (telos music records TLS 099; 2 CDs; 147’. Booklet dt., engl., frz.)