20.07.2009 — Eigenwilliger Mann, seltsames Schicksal: Albéric Magnard, geboren 1865 wie Jean Sibelius und Paul Dukas, am gleichen Tag wie Carl Nielsen, war der Sohn von François Magnard, des Bestsellerautors und Herausgebers der Tageszeitung «Le Figaro», dementsprechend finanziell gut gebettet. Ausgebildet in England, gab er 21-jährig das Jurastudium zugunsten der Musik auf und lernte in Paris bei Massenet und d’Indy. Scharfzüngige Musikrezensionen publizierte er im «Figaro» und machte sich damit einen Harst von Feinden, der später noch wuchs, weil er in der Dreyfus-Affäre Emile Zola unterstützte. Ab 1894, nach dem Tod des Vaters, blieben Albéric Magnard die Redaktionstüren verschlossen. Immerhin erbte er ein beruhigendes Vermögen.
1890 hatte er seine 1. Sinfonie beendet, die drei Jahre später in Paris zur Uraufführung kam. Die Sinfonien 2 bis 4 folgten 1893, 1896 und 1913 und erlebten ebenfalls Wiedergaben. Magnard, Verehrer Wagners und Francks, Professor für Kontrapunkt an der Schola Cantorum Paris und Komponist im Stil der französischen sinfonischen Tradition (die Klangraffinessen der Impressionisten lehnte er ab) durchlitt Enttäuschungen als Folge mangelnder Beachtung seines Wirkens, büsste zudem sein Gehör ein, vereinsamte und verbitterte.
Dann ein gewaltsames Ende am 3. September 1914: Frau und beide Töchter hatte er beim Nahen der deutschen Vorhut evakuiert und blieb in seiner Villa «Manoir de Fontaines» in Baron (Oise). Als Uniformierte in den Garten eindrangen, erschoss Magnard mit seiner Pistole einen Soldaten, verletzte einen zweiten. In seinem in Brand gesteckten Haus kam der Musiker um, und eine Vielzahl der ungedruckten Kompositionen ging in Flammen auf.
Rar ist sein Name in Musiklexika, und selten finden sich ausserhalb des französischen Kulturraums Aufführungen von Albéric Magnards knapp über zwanzig Werken, darunter drei Opern und vier Sinfonien. Thomas Sanderling hat mit dem Sinfonieorchester Malmö 1998/1999 das sinfonische Œuvre dieses Meisters der Variation und Entwicklung eingespielt; die 3 CDs sind nun in einem Klappalbum vereint worden.
Die werkdienliche, grossräumige und klanglich differenzierte Interpretation stellt die Charakteristika dieser spätromantischen, zyklisch angelegten Schöpfungen mit ihren komplexen Strukturen, den ausgedehnten Melodielinien und majestätischen Chorälen in atmosphärisch dichte Beleuchtung.
Hugo Alfvén
Als Hugo Alfvén 1960 im Alter von 88 Jahren in Falun starb, galt er nach dem knapp hundert Jahre zuvor verstorbenen Franz Berwald als grosser alter Mann der schwedischen Musik. Ein umfangreiches Schaffen und seine Tätigkeit als Dirigent und Chorleiter hatten ihn in ganz Europa und den USA bekannt gemacht und ihm Ehrendoktorat und Preise eingetragen. Auch als Landschafts- und Porträtmaler wie als Autor vierbändiger Memoiren erntete er Anerkennung.
Zwei Elemente erweisen sich als prägend in Alfvéns kompositorischem Œuvre: die Volksmusik seiner Heimat und die schwedische Schärenlandschaft. In den fünf Sinfonien, entstanden zwischen 1897 (ein erstaunliches Opus des 24-Jährigen) und 1960 (ein nicht durchwegs inspiriertes Alterswerk), verbinden sich französische mit deutschen Elementen der Spätromantik – Anklänge an Richard Strauss sind unüberhörbar.
Erfindungsreicher und persönlicher als seine Sinfonien, in denen sich Alfvén mit der Gattungstradition auseinandersetzte und zu eigenen Lösungen fand, sind die Tondichtungen und Ballettmusiken, angeregt durch Vorlagen aus der Sagenwelt und durch Landschaftsimpressionen. Das vorliegende Album enthält denn auch ausser den Sinfonien die drei Schwedischen Rhapsodien (die erste ist Alfvéns berühmtestes Werk, «Midsommarvaka», Mittsommerwache), «En skärgårdssägen» (Eine Schärensage), die Ballettsuiten «Bergakungen» (Der Bergkönig) und «Den förlorade sonen» (Der verlorene Sohn) sowie drei weitere Kompositionen.
Auf dem Fundament beherrschten Handwerks baut Hugo Alfvén tonal verankerte, chromatisch durchsetzte opulente Klanggemälde mit prägnanter Thematik und farbenreicher Palette: In der Kunst des Instrumentierens und in der imaginativen Kraft, mit der er Seelenzustände und die Stimmungen von Meer und Landschaft ins Medium der Musik umsetzt, gehört er mit Wilhelm Stenhammar und Wilhelm Peterson-Berger zu den profiliertesten Exponenten der schwedischen Spätromantik.
Neeme Järvi und das Königliche Philharmonieorchester Stockholm haben die auf fünf CDs nun zusammen in einem Album vorliegenden Werke zwischen 1987 und 1992 eingespielt und bewähren sich als engagierte und mit den Stileigenheiten von Alfvéns Schaffens eng vertraute Interpreten. (ws)
Albéric Magnard: Complete Symphonies. Malmö Symphony Orchestra. Leitung: Thomas Sanderling (Brilliant Classics 93712; Klappalbum mit 3 CDs)
Hugo Alfvén: Symphonies 1–5. Swedish Rhapsodies. Royal Stockholm Philharmonic Orchestra. Leitung: Neeme Järvi (Brilliant Classics 8974; Kassette mit 5 CDs)