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Streichtrios von Klein, Villa-Lobos und Schönberg

18.09.2009 — Drei Streichtrios aus der Zeit, als in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, präsentiert das Berliner Jacques Thibaud Trio. Ganz direkt auf das Ereignis verweist das Werk des Alois-Hába-Schülers Gideon Klein: Es ist im gefürchteten Künstler-Konzentrationslager Theresienstadt entstanden – es handelt sich um die letzte Komposition des zur Zeit seiner Entstehung gerade Mal 26 Jahre zählenden Tonschöpfers. Neun Tage nach der Beendigung der Arbeit wurde Klein nach Ausschwitz deportiert. Die Partitur des Trios fand dank seiner Freundin Irma Semecká den Weg in die Hände seiner Schwester. Das dreisätzige, rund zwölfminütige Trio ist eine echte Entdeckung. Klein verarbeitet tschechische Volksmelodien, und dies mit einem beinahe überbordenden Einfallsreichtum. Die Motorik der Folklore belebt er mit einer Vielfalt an klanglichen Valeurs und feiner Detailarbeit, welche die satztechnisch begrenzten Möglichkeiten der Trio-Besetzung voll auszuschöpfen vermögen. Das Trio endet in einem recht roh anmutenden Schlusssatz. Ob Klein geahnt hat, dass ihm nur wenig Zeit bleibt?

Hoher Einfallsreichtum findet sich auch in Heitor Villa-Lobos Streichtrio aus dem Jahr 1945, das zu den kriegerischen Ereignissen in Europa keinen Bezug hat, allerdings auch sonst – wie nicht wenige Instrumentalwerke des brasilianischen Nationalkomponisten aus dieser Zeit – wenig konzisen Formwillen zeigt. Zahlreiche hübsche klangliche, rhythmische und melodische Einfälle sind da aneinandergereiht, ohne dass sie wirklich ein schlüssiges Ganzes ergeben würden.

Interessanterweise zeigt sich der Kriegsvertriebene Arnold Schönberg mit seinem Streichtrio op. 45 aus dem Jahr 1946 zumindest in dieser Hinsicht als Geistesverwandter des ihm sonst gänzlich fermden Südamerikaners. Das Gelegenheitswerk, mit dem der Erfinder der Zwölftonmusik das Erlebnis eines lebensbedrohlichen Herzstillstands verarbeitet hat, ist auf ganz ähnliche Weise als Aneinanderreihung doppelbödiger, hoch expressiver Passagen zu verstehen – untypisch für den sonst so strengen und distanzierten Tonsatz des «konservativen Revolutionärs». Selbst Wiederholungen, ein von Schönberg sonst schon fast polemisch vermiedenes Formmittel, finden sich da als strukturbildendes Element.

Dass das Jacques Thibaud Trio Berlin die Streichtrio-Literatur nicht für launische Gelegenheits-Ausflüge in die Welten einer Zufalls- oder Verlegenheitsbesetzung betrachtet, sondern sich den Werken mit hohem Ernst und gestalterischem Willen annimmt, hat es bereits mit früherem Einspielungen bewiesen, etwa der Aufnahme von Heinrich von Herzogenbergs op.27 (siehe Rezension). Auch der hier auf Silberscheiben gebrannten Werke nimmt es sich mit feinem Gespür für Klangvaleurs, Expressivität und transparente Kontrapunktik an. (cf)

Jacques Thibaud Trio Berlin: Musik bei Kriegsende (1944-46), Gideon Klein: Streichtrio (1944), Heitor Villa-Lobos: Streichtrio (1945), Arnold Schönberg: Streichtrio op.45 (1946). Aufnahme aus dem Radio Bremen Sendesaal, 24.-26. April 2007. Sophia classics, SC 17081. Bezugsnachweis: www.sophiaclassics.de

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