13.10.2009 — Dieser Tage ist China an der Frankfurter Buchmesse Ehrengast, und schon im Vorfeld sind die Wogen hochgegangen, weil das gute Einvernehmen zwischen offiziellen Vertretern des Gastlandes und den Frankfurter Veranstaltern immer wieder auf Proben gestellt wurde. Letztere bemühten sich darum, auch systemkritische Autoren auf der Messe zu repräsentieren, was die chinesischen Behörden wiederum zu verhindern versuchten. Schliesslich provozierte die Buchmesse-Leitung in Europa Polemik, weil sie mit der Ausladung von Autoren scheinbar einen Kotau vor der chinesischen Zensur zu machen schien. Spektakulär ist auch die Absage des international wohl bekanntesten bildenden Künstlers Chinas. Ai Weiwei, hat sich in München, wo eine Ausstellung seiner Werke zu sehen ist, einer Operation unterziehen müssen, weil er in der Erdbebenprovinz Sichuan von Sicherheitskräften verprügelt und ernsthaft verletzt worden ist. Auslöser des tätlichen Angriffes waren Aktivitäten rund um das Bemühen Ai Weiweis, die Anzahl der Kinder zu ermitteln, die während des Erdbebens umkamen, weil beim Bau der Schulhäuser gepfuscht worden war.
Thematisiert wird rund um die Buchmesse natürlich auch das Verhältnis Chinas zu Tibet. Die deutsche ARD weist etwa darauf hin, dass das offizielle China 117 Bücher extra für die Frankfurter Buchmesse aus dem Chinesischen hat übersetzen lassen, die Werke der wichtigen tibetischen Autorin Woerse dabei aber nicht berücksichtigt wurde. Woerses Bücher sind in China verboten. Und da man ihr keinen Pass zugesteht, kann sie auch nicht ausreisen, um an der Messe teilzunehmen.
Die Einladung Chinas zeigt auf der andern Seite, dass die kulturellen Verbindungen zwischen dem deutschsprachigen Europa und dem Reich der Mitte immer komplexer und reichhaltiger werden und die Chancen für ergiebige Geschäftsbeziehungen viel zu gross sind, um auf Distanz zu gehen. Die ganzen Fragen rund um Menschenrechte, Medienfreiheit und Demokratie sind mit Blick auf den literarischen Austausch naturgemäss am drängendsten, weil es hier um einen sprachlichen Diskurs geht. Zugleich sind in Sachen Literatur die Hürden für einen Zugang zum chinesischen Schaffen für Europäer mit Blick auf alle Kunstformen am höchsten, weil hierzulande kaum einer auch nur ein Wort Chinesisch versteht. Dies stellt auch Juergen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse fest: Der Bedarf an Übersetzung im Falle von China, erklärt er, sei enorm.
Auch die Schweiz knüpft ein immer komplexeres Netz zu Chinas Kulturschaffenden. Vor einem Jahr lancierte die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia ihr Programm «Swiss Chinese Cultural Explorations», zu dem sie soeben einen ersten Rechenschaftsbericht veröffentlicht hat. In China brachte das Zürcher Ballett in diesem Rahmen mit chinesischen Schauspielern und dem Shanghai Symphony Orchestra einen «Sommernachtstraum» auf die Bühne, der vor ausverkauftem Haus gespielt wurde.
Weitere Aktivitäten der «Swiss Chinese Cultural Explorations» sind erwähnenswert. Im Rahmen des Festivals Culturescapes werden 2010 in Basel unter anderem das Theaterprojekt «The Mystery» über Heilkräfte in beiden Kulturen zu sehen und die schweizerisch-chinesische Jazzgruppe «Sonic Calligraphy» zu hören sein. «Dass auch die chinesischen Partner grosses Interesse an der Zusammenarbeit haben», schreibt Pro Helvetia, beweise die Zusage zur offiziellen Partnerschaft seitens des chinesischen Kulturministeriums sowie von vier Regionen der Volksrepublik.
Man wird damit rechnen dürfen, dass wie in Frankfurt auch in Basel in der Öffentlichkeit der heikle Grat zwischen Intensivierung des kulturellen Austausches und Willfährigkeit gegenüber einer nicht-demokratischen Regierung thematisiert werden dürfte, nicht zuletzt durch die hierzulande starke tibetische Exilgemeinde.
Unter der Oberfläche des Politdiskurses lässt sich eine enorme Dynamik in der Entwicklung des zeitgenössischen Kunstschaffens Chinas konstatieren. Auch in Sachen Musik hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Mehr und mehr finden junge chinesische Komponisten zu eigenen Ausdrucksformen und einem Klanguniversum, das in Sachen Radikalität und technischer Rafinesse der europäischen Neuen Musik in nichts nachstehen.
Niedergeschlagen hat sich dies heuer etwa in einer Einladung an den Komponisten Deqing Wen, am Festival Davos – young artist in concert als Composer in Residence zu amten. Zeitgleich hat Migros Musiques Suisses eine Porträt-CD des in der Westschweiz und Shanghai wirkenden Komponisten realisiert (siehe Rezension) Dokumentiert wird das Schaffen der jungen Komponisten-Generation Chinas mit einer Doppel-CD auch vom Hessischen Rundfunk. Auf ihr finden sich Aufnahmen einer Veranstaltung, die der Sender am 16. August 2008 in Frankfurt am Main im Zusammenarbeit mit dem Siemens Arts Program unter dem Motto «Young China – Neue Musik aus dem Reich der Mitte» veranstaltet hat. Es handelte sich um vier Konzerte, in denen zehn chinesische Komponistinnen und Komponisten, alle unter 30 Jahren, mit jeweils zwei ihrer Werke vertreten waren. Vorgeschlagen wurden die jungen Künstler «von den renommiertesten Konservatorien der Volksrepublik, eine Fachjury wählte aus diesen Empfehlungen die präsentierten Stücke aus». Interpretiert werden sie vom Kammerensemble Neue Musik Berlin, dem Ensemble Courage, dem Sonar Quartett und zahlreichen erstklassigen Solisten.
Entdeckungen zu machen gibt’s da einige. Die Klangwelten des ostasiatischen Nachwuchses unterscheiden sich in Duktus und Atmosphäre allerdings kaum von dem, was man von der Neuen Musik hierzulande kennt. Chinesische Instrumente wie Pipa und Sheng setzen nicht mehr als koloristische Akzente. Das hat vermutlich seinen Grund: Der Grossteil der porträtierten Tonschöpfer ist am Pekinger Zentralkonservatorium durch die Schule Jia Guopings gegangen, der selber reichhaltige Kontakte zu den Vertretern der Neuen Musik in Deutschland pflegt. Einige haben darüberhinaus in Deutschland Studien absolviert, bei Walter Zimmermann, Cornelius Schwehr, Helmut Lachenmann, Beat Furrer, Georges Aperghis und Peter Ruzicka. (wb)
Young China – Neue Musik aus dem Reich der Mitte, ensemble courage, Kammerensemble Neue Musik Berlin, Sonar Quartett u.a., hr-musik.de /now hrmn 040-09, 25,– €, Booklet: 52 Seiten (deutsch/english/chinese), 2 CD / Gesamtdauer: 135:01
Webseite zur CD des hessischen Rundfunks: www.hr-online.de