26.10.2009 — Orgel und – wie bitte: Prytanée und militaire? Die kuriose Angelegenheit reicht weit zurück, bis ins altgriechische Athen. Die Prytanen (Vorsteher) waren Magistraten, welche Regierungsgeschäfte führten und die Volksversammlung einberiefen. Ihr Amtshaus, das Prytaneion, war das politische Zentrum Athens.
Nun kommt Heinrich IV., «le Grand», ins Spiel, Frankreichs König von 1594 bis 1610 (bekannt auch durch Heinrich Manns zweibändigen Roman «Henri Quatre», 1935/1938). Henri gründete 1603 in La Flèche, in der heutigen Region Pays de la Loire zwischen Angers und Le Mans gelegen, eine Schule, die ihre Zöglinge für den Staatsdienst ausrüsten sollte. René Descartes («Cogito ergo sum») und Marin Mersenne, Theologe, Mathematiker und Musiktheoretiker, absolvierten dieses von Jesuiten geführte Internat.
Unter Louis XV dann – einlässlich ist dies im Beiheft zur vorliegenden CD dokumentiert – wurde aus dem Prytanée eine Militärschule für Kinder von Kriegsteilnehmern; noch heute bereitet die Institution den Nachwuchs auf die Maturität und die militärische Laufbahn vor.
Die zum weiträumig angelegten Komplex dieser nationalen Ausbildungsstätte gehörende monumentale Kirche Saint-Louis, 1621 vollendet, beherbergt eine grosse Orgel, deren Ursprung auf das Jahr der Kirchweihe zurückgeht, in der Grundsubstanz von 1641 jedoch von Ambroise Levasseur, einem Orgelbauer aus der Picardie, stammt. Während der Französischen Revolution und bei Renovationen nahm das Instrument Schaden. Die letzte der diversen Restaurierungen führte 1992 die Orgel mit ihrem reich geschmückten Gehäuse in den ursprünglichen Zustand zurück, soweit dies möglich war.
Albert Bolliger, der entdeckungsfreudige Schweizer Organist, bringt die auf vier Manuale und Pedal verteilten 35 Register mit 2162 klingenden Pfeifen in Werken französischer Meister des 17. und 18. Jahrhunderts in vielfältigen Kombinationen zum Erklingen. Besinnlich und ruhig die Tempi in den Sätzen von Lebègue, Landes, d’Agincourt, Dandrieu, Balbastre und eines Anonymus, locker die Artikulationsnüancen und Agréments, feinfühlig die Klangkombinationen – eine zuweilen augenzwinkernde Hommage an französische Orgelmeister und das klangsinnliche Instrument des Prytanée national militaire von La Flèche.
Zum Hörgenuss gesellt sich, traditionell in den Sinus-Produktionen, die Informationsdichte des dreisprachigen, farbig illustrierten Booklets, das auch die Disposition der Orgel und die detaillierten Registrationen mitteilt. (ws)
Orgues historiques de France. Vol. 6. Albert Bolliger an der Levasseur-Orgel des Prytanée national militaire de La Flèche. (Sinus 3006; 61’)
Siehe auch: Historische Orgeln in Frankreich, Vol. 1 bis 3, Vol. 4, Vol. 5