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Karl Amadeus Hartmann (1905–1963)

05.03.2010 — Fünf Möglichkeiten eröffnen sich dem Künstler, der in diktatorisch regiertem, die Kultur in seine Dienste zwingenden Staat lebt: Anpassung, offener Widerstand (der alsbald brachial gebrochen wird), Exil, Verstummen (bis hin zur Flucht in den Tod) oder innere Emigration. Der Münchner Karl Amadeus Hartmann war 1933, im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, 28jährig. Er hatte das Unheil früher als manch andere hereinbrechen sehen und sich keinen Illusionen hingegeben.

Hartmann entschied sich zum Bleiben, wählte die Form des Protestes, die seinem Wesen und seiner Überzeugung entsprach: die innere Emigration. Er zog sich aus dem Musikleben zurück, entwich allen Annäherungsversuchen staatlicher Stellen, wurde mit Aufführungsverbot belegt. In der Isolation komponierte er weiter, um, wie er sagte, als Gegenaktion Bekenntnis abzulegen: Zorn und Protest in der Hoffnung auf den Sturz des Regimes und den Sieg der Freiheit.

Als Humanist, überzeugt von der politischen Funktion seines Künstlertums, komponierte der Verfemte 1934 die sinfonische Dichtung «Miserae» mit der Widmung: «Meinen Freunden, die hundertfach sterben mußten, die für die Ewigkeit schlafen – wir vergessen Euch nicht». 1934/35 schrieb er die Kammeroper «Des Simplicius Simplicissimus Jugend». Anklage und Trauer prägen auch die zwei Streichquartette, entstanden 1933 bzw. 1945–1948, ebenso weitere sinfonische Werke und das Concerto funebre für Violine und Streichorchester.

Nach dem Untergang des Dritten Reiches hatte Hartmann, jeder ideologischen Strömung fern, mit seinem Schaffen, seiner Bekenntnismusik, darunter acht Sinfonien, einen schweren Stand – die Nachkriegsgeneration wollte versäumte künstlerische Entwicklungen, die internationale Avantgarde kennen lernen. Sie fand in Karl Amadeus Hartmann einen energischen Förderer und Fürsprecher: 1945 rief er die Münchner Konzertreihe Musica Viva ins Leben, die er bis zu seinem Tod leitete. Er schuf eine wichtige Plattform für junge Komponisten und machte das Publikum bekannt mit ehedem als «entartet» abqualifizierter Musik.

Hartmann und das Streichquartett

Das Düsseldorfer Label CybeleRecords hat neben seinen der Musik und dem Hörbuch gewidmeten Reihen eine neue Serie eröffnet: die Edition Künstler im Gespräch. Vol. 1 ist Karl Amadeus Hartmann gewidmet. Ein vielversprechender Auftakt!

«Die Brücke, die wir mit unserer neuen SACD-Reihe, Edition Künstler im Gespräch, bauen möchten, ist der Zugang zum Menschen hinter dem Werk, im Spannungsfeld zu seinen Lebensumständen, der politischen Situation, seiner Familie, seiner körperlichen und geistig-seelischen Verfassung und der Zeit, in der er lebt, bzw. lebte», schreiben die Cybele-Verantwortlichen, Mirjam und Ingo Schmidt-Lucas.

Das Klappalbum enthält drei SACDs und ein 76-seitiges reich illustriertes Booklet (dt., engl.). Aufgenommen für diese Produktion wurden sämtliche Werke Hartmanns mit Streichquartett: die beiden Quartette, das Kleine Konzert für Streichquartett und Schlagzeug (1931/32) – übrigens eine Ersteinspielung – und das Kammerkonzert für Klarinette, Streichquartett und Streichorchester (1930/1935).

Zum Reichtum der Musik treten bisher grösstenteils unveröffentlichte Tondokumente. Zu Wort kommt Karl Amadeus Hartmann, der in einer kurz vor seinem Tod für den SWR gesprochenen autobiografischen Skizze mit dem «ernüchterten Weltblick des Künstlers» einen berührenden Einblick gibt in sein Leben und Schaffen, seine Vorbilder und Förderer, die innere Emigration und Isolierung, die Verpflichtung eines Kunstschaffenden zur Humanität.

Aus ihren Erlebnissen und Erfahrungen erzählt Elisabeth Hartmann, die 2003 verstorbene Gattin des Komponisten, in Ausschnitten aus einem langen Gespräch, das Ulrich Dibelius 1994 mit ihr führte. Sie beleuchtet manch aufschlussreiche Begebenheit aus düsterer Zeit, von verschwundenen Manuskripten und vergrabenen Partituren und Büchern, von Terror, dauernder Angst und dem Komponieren für die Schublade («Karl hat ein schlimmes Schicksal gehabt»), aber auch vom Aufbruch nach dem Krieg, der Arbeit mit der Musica-Viva-Reihe.

Mirjam Wiesemann gewann Hartmanns einzigen Sohn, den 1935 geborenen Richard P. Hartmann, für ein Gespräch über seine Kindheit und seinen Vater, jene Zeit, in der er «wie ein Verfemter gelebt» und gegen die Nazis angeschrieben hat. Und an Krankheit und frühen Tod.

Wort, Bild und Ton (die Interpretationen der Werke dürfen exemplarischen Rang beanspruchen) fügen sich mosaikartig zu einem vielfarbigen tiefenscharfen Bild eines der bedeutenden deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts, dessen Werk in jedem Takt Bekenntnis zur Freiheit und Humanität ablegt.

«Des Simplicius Simplicissimus Jugend»

Karl Amadeus Hartmanns grösster Mentor und Förderer, der in die Schweiz emigrierte Dirigent Hermann Scherchen, wies ihn auf den Roman «Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch» hin, den Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen 1668 in Nürnberg publizieren liess. Dass sich Hartmann 1934 mit Vehemenz an die Arbeit machte und zusammen mit Scherchen und dem Dramaturgen Wolfgang Petzet das Libretto zu einer Kammeroper fertigstellte und zu vertonen begann, mag weniger an der allegorischen Bekehrungsgeschichte des tumben Hüterbubs Simplicissimus gelegen haben, der zu Selbsterkenntnis und Glaubensgewissheit reift, sondern wohl am Hintergrund des Länder, Landstriche und Städte, Menschen und ihre Seelen verheerenden Dreissigjährigen Kriegs, an den Parallelen zur Gegenwart des Dritten Reichs und der Vorahnung weiteren Unheils.

Die für sein erstes grösseres musikdramatisches Werk ausgewählte Handlung – der unbeschwerte ahnungslose Simplicissimus wird, auf sich allein gestellt, durch die Erziehung beim Einsiedel und die miterlebten Kriegsgräuel zum jugendlichen erkennenden Narren, der den Despoten und ihren Speichelleckern den Spiegel vorhält und sie furchtlos anklagt – gab dem unbeugsamen Antifaschisten Hartmann die Möglichkeit, mit den Mitteln der Kunst dem totalitären Staat Widerstand entgegenzusetzen.

Es war ein ganz persönliches Unterfangen, denn eine Aufführung der 1936 fertiggestellten dreiteiligen Kammeroper «Des Simplicius Simplicissimus Jugend» lag in ungewisser Zukunft. Anfang 1939 erweiterte Hartmann das Stationenwerk um eine Ouvertüre und ein Zwischenspiel.

Die (konzertante) Uraufführung konnte im April 1948 unter Hans Rosbaud bei Radio München stattfinden. Eineinhalb Jahre später, 1949, kam die Oper in Köln zur szenischen Erstaufführung. Mehrere Überarbeitungen und Änderungen folgten, vom Autor selbst, eine auch vom Schott-Verlag. 1957 wurde Hartmanns Neufassung unter dem Titel «Simplicius Simplicissimus» in Mannheim erstmals präsentiert.

Für die vorliegende Einspielung, die Live-Aufnahme einer Aufführung von 2005 im Münchner Prinzregententheater, haben der Komponist Wilfried Hiller und Robert Klimesch vom Bayerischen Rundfunk eine Werkfassung rekonstruiert, die der kontrapunktisch weniger befrachteten Urfassung möglichst nahekommt. Verzichtet wurde auf die gesungenen Dialoge, die opulentere Instrumentalbesetzung und den emphatischen Schluss der Fassung von 1957.

Die Aufnahmetechniker haben die emotionale Spontaneität, die holzschnittartige Kantigkeit und die dichte Atmosphäre der Aufführung unter Ulf Schirmers Leitung brillant eingefangen und eine spannungsvolle, künstlerisch packende Wiedergabe mit plastischer Charakterisierung der Typen und vitalem Instrumentalspiel dokumentiert.

Ausser dem informativen Booklet (dt., engl., frz.), das auch das Libretto enthält, vermittelt ein halbstündiger Bonus-Teil weitere Einblicke: Karl Amadeus Hartmann erzählt darin von seiner Arbeit an der Kammeroper (inhaltlich nicht identisch mit dem im ersterwähnten Album Gesprochenen); ebenfalls zu hören sind Erinnerungen seiner Frau. Und Wilfried Hiller und der Dirigent Ulf Schirmer geben Auskunft über Urfassung und Rekonstruktion der «Simplicius Simplicissimus»-Oper. (ws)

Karl Amadeus Hartmann und das Streichquartett sowie Aufnahmen mit den Originalstimmen der Familie Hartmann. – 1. und 2. Streichquartett. Kleines Konzert für Streichquartett und Schlagzeug. Kammerkonzert für Klarinette, Streichquartett und Streichorchester. – DoelenKwartet; Wilbert Grootenboer, Schlagzeug; Arjan Woudenberg, Klarinette. – Sinfonia Rotterdam, Leitung: Conrad van Alphen. (Cybele Records Künstler im Gespräch Vol. 1; KiG 001; 3 SACDs Hybrid Multichannel)

Karl Amadeus Hartmann: «Des Simplicius Simplicissimus Jugend». Für den Bayerischen Rundfunk von Wilfried Hiller und Robert Klimesch eingerichtete Fassung. Bonus: K. A. Hartmann und die Urfassung des «Simplicius Simplicissimus», Gespräch und Tondokumente. – Camilla Nylund (Simplicius), Christian Gerhaher (Landsknecht, Sprecher), Will Hartmann (Einsiedel, Gouverneur), Michael Volle (Bauer, Feldwebel, Hauptmann. – Die Singphoniker. Münchner Rundfunkorchester. Leitung: Ulf Schirmer. (BR Klassik 403571900301)

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