Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Benjamin Godard: Die Klaviertrios

20.05.2010 — Fällt der Name des französischen Spätromantikers Godard, zieht dies flugs den Begriff Salonmusik nach sich. Also belanglose, sentimentale, beiläufig nett unterhaltende Klänge für plaudernde Damen in Plüschsofas und zigarrepaffende Herren unter Zimmerpalmen.

Gewiss: Benjamin Louis Paul Godard (1849 Paris–1895 Cannes), der als Wunderkind Aufsehen erregte, mit 14 Jahren ans Conservatoire de Paris kam, bei Henri Vieuxtemps Violine, bei Napoléon-Henri Reber Komposition studierte, bediente mit flotter Hand und enormer Produktivität den Bedarf an leichtgewichtigen, mit poetischen Titeln dekorierten Kompositionen.

Das Lebenswerk des mehrfach preisgekrönten, bereits mit 45 Jahren an Tuberkulose gestorbenen Godard, der ab 1887 am Pariser Konservatorium als Professor für instrumentale Ensemblemusik wirkte, fordert allen Respekt: Neben Dutzenden von Liedern, Klavierstücken und -etüden komponierte er sechs Opern, Schauspielmusiken, fünf Sinfonien, ein Klavier- und zwei Violinkonzerte, Violin- und Cellosonaten, drei Streichquartette und zwei Klaviertrios. Doch wie Godards Ruhm ist auch die Erinnerung an sein Schaffen verflogen.

Das 1982 gegründete Trio Parnassus, dem manche Wiederentdeckung zu verdanken ist – so hat es u. a. sämtliche Klaviertrios von Lalo, Turina, Reger, Prinz Louis Ferdinand von Preussen eingespielt –, widmet sich in seinem aktuellen Album den beiden Trios von Benjamin Godard und stellt damit alteingesessene Urteile auf den Prüfstand. Gut beraten, wer die Ohren frei machen, den Werken unbefangen begegnen kann, wer sich seine eigene Meinung bilden will.

Auffallend sind in beiden Trios, dem 1880 entstandenen op. 32 in g-Moll und dem op. 72 in F-Dur von 1884 (Edvard Grieg gewidmet), handwerkliche Meisterschaft, dichte Faktur (dem erfindungsreichen Klaviersatz fällt die Führung zu), klare Gliederung, unkomplizierte Harmonik, thematische Verklammerung der Sätze, im Weiteren emotionale Eleganz mit weitgespannten schönen Kantilenen, differenzierte Klangfarben, alles ohne tiefschürfende Auseinandersetzung, ohne Zusammenprall der Extreme. – Parfümdüfte verströmt die Zugabe, Godards Evergreen: das Wiegenlied aus der Oper «Jocelyn».

Die Interpreten – Violinistin Yamei Yu, Cellist Michael Groß und Pianist Chia Chou – betonen in ihren zugriffig vitalen wie lyrisch sinnlichen Interpretationen neben dem Geschliffenen der Partituren das sich hier und dort manifestierende Widerständige. Zu verdanken ist ihnen eine Ehrenrettung Benjamin Godards, des Komponisten von Klaviertrios.

PS. Wer sich für Partituren interessiert: Auch eine Reihe von Werken Godards ist abrufbar bei der seit 2006 aufgeschalteten virtuellen Petrucci-Bibliothek (IMSLP). Sie umfasst derzeit über 60.200 (copyright-freie) Partituren von mehr als 3200 Komponisten. (ws)

Benjamin Godard: Complete Piano Trios. Trio op. 32 und op. 72. Berceuse aus der Oper «Jocelyn». – Trio Parnassus (Yamei Yu, Violine; Michael Groß, Violoncello; Chia Chou, Klavier. (MDG 303 1615-2; 60’)

Petrucci-Bibliothek:
http://imslp.org/wiki/Hauptseite

Schreibe einen Kommentar