30.06.2010 — Geht’s um Chopin, so lieben viele Pianisten (oder ihre Labels) es heute lexikalisch, da werden «alle Walzer», «alle Nocturnes», «die Etüden» (okay, das muss man natürlich gelten lassen), «die Konzerte» oder andere thematisch abgerundete Alben vorgelegt. Nicht so die kanadische Virtuosin Janina Fialkowska mit ihrer aktuellen CD. Sie hat aufs Chopin-Jahr ein Rezital eingespielt mit einer Gesamtdauer von gut siebzig Minuten, das sich um gleich vier kalorienzehrende Piècen gruppiert: die Polonaise op. 28 Nr. 1, die Barcarolle op. 60, die Ballade Nr. 3 op. 47 und das Scherzo op. 20. Die beiden letzten Stücke bilden das eindrückliche Schlussbouquet der Verneigung vor dem polnisch-französischen Filigrantechniker. Dazu kommen vier Walzer, ein Prélude, ein Nocturne und drei Mazurkas.
Fialkowska ist ein grosse Chopin-Interpretin, vermutlich sogar eine der grossen Chopin-Interpretinnen. Sie bewältigt die immensen technischen und ästhetischen Herausforderungen dieser Musik, als sei es das Natürlichste der Welt, was angesichts ihrer Biografie (siehe dazu diese Codex-flores-Rezension) keineswegs selbstverständlich scheint.
Das Spiel der Kanadierin ist präzise, elastisch-plastisch und in allen Details reflektiert, und sie gehört zu den Chopin-Spielerinnen und -Spielern, welche die Walzer eher «wienerisch» angehen, das heisst den zweiten Schlag verzögern oder akzentuieren, im Gegensatz zur eher «französischen» Variante einer präzisen linken Hand und freiem, rubatogeprägtem Tändeln in der melodietragenden Rechten. Kann man natürlich so machen.
Interessant scheint auch eine spürbare Inkongruenz zwischen der Art, wie Janina Fialkowska die Stücke beschreibt und wie sie sie spielt. In ihren Deskriptionen ist die Rede von «geheimnisvollen», «kostbaren», «zarten» oder «seltsamen» Harmonien, Texturen und Farben. Der Höreindruck ihres Spiels aber ist geprägt von perlenden Läufen, transparent herausgearbeitetem Kontrapunkt und fein gesponnenen Melismen. Entspannte Träumereien, Pastöses oder Spontanes scheint sie eher zu meiden.
Kommenden September kann Janina Fialkowskas interpretatorisches Verständnis in persönlicher Begegnung erlebt werden. Vom 12. bis 16. September organisiert die Bayerische Musikakademie Marktoberdorf mit ihr nämlich eine Internationale Klavierakademie.
Unter den aktiven Teilnehmern findet sich unter anderem der Deutsche Alexander Schimpf, der dem Schweizer Publikum von der Teilnahme am Berner Prix du Piano 2010 her bekannt ist (die andern sind Christopher Devine aus Schottland, Francois Dumont aus Frankreich, Anzhelika Fuchs aus der Ukraine, Grzegorz Niemczuk aus Polen und Gerhard Vielhaber aus Deutschland). Eine passive Teilnahme an der Klavierakademie ist möglich. (wb)
Janina Fialkowska: Chopin Recital. Polonaise op. 26 Nr. 1, Grande valse brillante op. 34 Nr. 1, Valse op. 70 Nr. 2, Grande valse brillante op. 34 Nr. 3, Valse op. 64 Nr. 2, Barcarolle op. 60, Prélude fis-Moll und As-Dur aus op. 28, Nocturne op. 62 Nr. 1, Mazurkas op. 41 Nr. 2, op. 33 Nr. 2 und op. 59 Nr. 1, Ballade Nr. 3 op. 47 und Scherzo Nr.1 op. 20. Atma classique Best.Nr. ACD22597.
Infos zur Klavierakademie: www.modakademie.de