26.07.2010 — Es gibt CD-Cover, die versperren den Weg zur Musik, die vermittelt werden soll. Dasjenige der Produktion mit zwei Werken des 2000 verstorbenen Komponisten Olivier Greif ist so eines. Das eitel angehauchte Nullachtfünfzehn-Künstlerporträt des Cellisten Henri Demarquette beschädigt den Höreindruck und führt auch mit Blick auf die Kreativität und Originalität des Interpreten in die Irre. Greifs künstlerisches Profil ist nämlich durchaus interessant. Der Sohn eines polnischen Ausschwitz-Überlebenden (aus «einer namenlosen Gegend Mitteleuropas, in der sich Minderheiten und Kulturen vermengten», wie sie Greif selber etwas ironisch charakterisierte) setzte sich immer wieder mit dem Thema des Holocausts auseinander – in einer Tonsprache, die an die tonal-expressiven Idiome eines Britten oder Schostakowitsch angelehnt ist. Aber auch eine Begegnung mit Luciano Berio in New York hat den Komponisten stark beeinflusst.
Sein 1999 von Henri Demarquette uraufgeführtes Cellokonzert «Durch Adams Fall» (es ist dem Solisten auch gewidmet) ist in knapp einem Monat auf Papier gebracht worden; es wirkt zugleich erdenschwer und melodiös-fiebrig. Demarquette entdeckt darin «repetitive Wildheit, bewegungslose Bewegungen und ein paar harmonische Freuden, die sich der Tonalität schuldig bekennen.» Der Titel geht auf einen Choral von Sweelinck zurück, dessen Harmonien im vierten Satz des Konzertes denn auch zitiert werden. Begleitet wird der Cellist vom Orchestre National de France unter der Leitung von Jean-Claude Casadesus.
«Zitate» ist ein entscheidendes Stichwort. Die Musik Greifs scheint nämlich durchaus ein Kind der französischen Postmoderne. Die Cellosonate «Sonate de Requiem», das zweiten Werk auf der CD (mit Giovanni Bellucci am Klavier) macht wie das Konzert und noch in weit stärkerem Masse Eindruck eines Patchworkes aus Stilelementen, Ausdrucksebenen und Anlehnungen. Glaubt man in «Durch Adams Fall» noch Strawinsky-Zitate und die Musik des Chassonniers Joe Dassin durchschimmern zu hören, macht die Sonate den teils disparaten, aber durchaus auch gelungenen Eindruck eines wilden Stilmixes.
Die Sonate ist 1992 entstanden, das Konzert einige Monate vor Greifs Tod. Eine Greif gewidmete Webseite vermerkt, der Komponist sei am 13. Mai 2000 unvemittelt verstorben. Eine Autopsie habe keine Klarheit über den Grund seines Ablebens geben können. (wb)
Henri Demarquette (Cello): Par La Chute D’Adam, Sonate de Requiem. Werke von Olivier Greif, Orchestre National De France, Jean-Claude Casadesus (Leitung), Giovanni Bellucci (Klavier), Universal 480 3761.