10.09.2010 — «Olim lacus colueram/ olim pulcher exstiteram/ dum cignus ego fueram./ Miser, miser!/ modo niger/ et ustus fortiter!» («Einst schwamm ich auf den Seen, einst war ich schön, als ich ein Schwan war. Ich Armer, Ich Armer ! So schwarz und arg verbrannt!») – könnte ja, dem Buch Nassim Talebs («Der schwarze Schwan: die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse») folgend, der Soundtrack zur Finanzkrise sein. Man kann es (oder die besungenen Mädchen) aber drehen und wenden wie man will: Im Grunde genommen geht’s in Carl Orffs «Carmina Burana» einfach um guten Sex.
Etwas anderes lässt sich aus dem leicht bizarren Text kaum herauslesen, und die impulsiv-motorische Musik unterstreicht ja auch eher die physischen Tatsachen, als dass sie sublimierte Erotik aufkommen liesse. Wenn die Scham abgetan ist, heisst ja da auch im Text, «beginnt ein unaussprechliches Spiel der Glieder, Arme, Lippen». Da hat sich seit dem Mittelalter nicht wirklich viel verändert.
Weil Orffs «Carmina Burana» so populär ist, ist sie auch oft eingespielt worden. Da braucht es schon ein paar gute Argumente für noch eine weitere Produktion. Das Symphonieorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks haben da einige. Zum einen sind sie ebenso wie der Komponist Münchner Urgestein, zum andern musizieren sie zugleich authentisch und auf der Höhe der Zeit.
Die Live-Aufnahme vom April dieses Jahres aus der Philharmonie im Gasteig hat zugleich Schmiss und Präzision – und das alles in einem transparenten, bei allem Schwung schlanken Klangbild. Die Solisten Hans-Werner Bunz (Tenor) und Christian Gerhaher (Bariton) verfügen über das nötige theatralische Talent, um den Benediktbeurer Liedern, die da vertont sind, gerecht zu werden.
Die französische Sopranistin Patricia Petibon wiederum hat dieses Jahr an den Salzburger Festspielen in der hocherotischen Rolle von Alban Bergs «Lulu» nicht rundum überzeugt, hier scheint man ihren frechen Rotschopf in der Musik förmlich rauszuhören.
Die «Carmina Burana» ist aber zuallerst ein Chorwerk, und auch da bleiben die Interpreten der Partitur nichts schuldig. Neben dem Chor des Bayerischen Rundfunks, der mit dem Orchester naturgemäss perfekt harmoniert, setzt der renommierte Tölzer Knabenchor Akzente. Der Dirigent Daniel Harding hält alles zusammen. Summa summarum eine beinahe amtlich anmutende Referenzaufnahme, an der künftig kaum vorbeizukommen ist. (wb)
Carl Orff: Carmina Burana. Patricia Petibon (Sopran), Hans-Werner Bunz (Tenor), Christian Gerhaher (Bariton), Chor & Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Tölzer Knabenchor, Daniel Harding (Leitung). 1 CD oder Download, Spieldauer 61’15’’. Deutsche Grammophon/Universal Best. 477 8778.