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Rhapsodie und Fantasie im Volksmusikton

25.10.2010 — Volksmusik kennt keine grossen Formen, schon gar keine sinfonischen. Sie kapriziert sich auf Tänze, Lieder und andere funktionale Aufgaben rund um den Alltag und Jahreszyklus lokaler Gemeinschaften. Man kann natürlich (wie aus beliebigem Material) auch aus Folklore- und Volksmusik-Elementen Kompositionen mit einem weiten Atem zimmern. Heinz Holliger hat dies etwa in seinem knapp halbstündigen Alb-Chehr und anderen Eigenschöpfungen getan. Ein überaus witziger und gekonnt gemachter Zyklus ist auch Thüring Bräms «Postcards from Switzerland» übertiteltes fünftes Streichquartett. Aber das sind alles Werke, in denen sozusagen in einem Top-Down-Verfahren Kunstmusik geschrieben worden ist, die zwar nach veredelter Volksmusik klingt, aber mit deren Lebenswelt letztlich kaum etwas zu tun haben.

Den andern Weg – aus der Volksmusik-Praxis heraus – in grössere Formen vorzustossen, versucht das Ländlerorchester, mit einer 35-minütigen Rhapsodie und einer gar 42-minütigen Fantasie. Die Idee zum Ensemble geht auf den Klarinettisten Domenic Janett zurück, dem bereits vor vier Jahren ein grösseres Volksmusik-Ensemble vorschwebte, mit dem sich solche sinfonische Formen realisieren liessen. Gelegenheit dazu gegeben hat ihm nun das Festival «Stubete am See» in der Tonhalle Zürich, eine Art Gravitationszentrum der Neuen Volksmusik. Das Ländlerorchester, ein Zusammenzug von Musikanten aus allen Ensembles, die an der Stubete auftreten, ist damit so etwas wie ein Pendant des Lucerne Festival Orchestra für urban gesinnte Kafi-Fertig-, Chilbi- und Quetschkommoden-Liebhaber.

Neben Janett, der eine vom Stubete-Publikum bei der Uraufführung sehr gut aufgenommene «Ländler-Rhapsodie» für den Klangkörper geschrieben hat, hat Dani Häusler im Auftrag von Pro Helvetia eine «Waldstätter-Fantasie» für das Orchester verfasst. Für die vorliegende CD aufgenommen worden sind die beiden Werke im Juli dieses Jahres nicht an der Stubete selber, sondern im Radiostudio Zürich.

In den Schöpfungen der beiden Klarinettisten, die nicht über eine solide klassische Kompositions-Ausbildung verfügen, zeigen sich schnell die Grenzen des Versuchs: Grössere Bögen scheinen da vor allem mit narrativen Elementen gesucht zu werden, die die Zyklen in die Nähe von Theatermusik rücken. Kaleidoskopartig werden da, teils mit harten Schnitten, teils mittels Uminstrumentieren kürzerer Melodien und mit abrupten Tonartenwechseln eine Art Episoden aneinandergefügt. Die Kunst der Motiventwicklung und der grossen dramaturgischen Bögen gibt das Material in seiner urtümlichen Form möglicherweise auch aus sich selber nicht her. Volksmusik ist dafür eben nicht gemacht.

Auf wirklich gelungene Verfeinerungen und Überhohungen der Schweizer Volksmusik, wie sie etwa Astor Piazzolla für den argentinischen Tango realisiert hat, warten wir noch. Es ist natürlich nicht auszuschliessen, dass sich die alpenländischen Klangwelten dazu bringen lassen. Ob dafür wirklich ein ästhetisches oder gesellschaftliches Bedürfnis besteht, ist dann wieder eine andere Frage. (cf)

Domenic Janett (*1949): Ländler-Rhapsodie; Dani Häusler (*1974): Waldstätter-Fantasie. Ländlerorchester. Musiques Suisses, Neue Volksmusik CD MGB-NV 15. Bezugsnachweis: www.musiques-suisses.ch

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