03.12.2010 — Das beschreibt Janine Jansen treffend: Im Gespräch mit dem Komponisten Richard Dubugnon charakterisiert sie den französischen Klang als «Kombination von Farbe und Transparenz, subtilen Harmonien, zarten Texturen und eleganten Melodien». Davon inspiriert ist ihr Album Beau Soir rund um zwei Schlüsselwerke der impressionistischen Kammermusik, Debussys und Ravels Violinsonaten in G, beides Spätwerke der Komponisten und Ikonen der französischen Musik des frühen 20. Jahrhunderts – so wie die je einzigen Streichquartette der beiden für die Gattung im Schaffen ihrer Heimat Massstäbe gesetzt haben.
Die Ausnahmegeigerin Janine Jansen wäre allerdings nicht, was sie ist, würde sie diese oberflächlich kühlen Glasperlenspiele nicht subkutan mit glühender Expressivität aufladen. Die ohnehin schon kluge Werkwahl – es kommen zu den Sonaten die Debussy-Charakterstücke Beau Soir und Claire de Lune, Faurés Aprés un rève, Lili Boulangers Nocturne und von Messiaen Thème et Variations – ergänzt sie mit neuen Kreationen des Lausanners Dubugnon, der schon ein Violinkonzert für sie geschrieben hat.
Beau Soir vollführt dramaturgisch eine Reise durch die Nacht, vom Guten-Abend-Wunsch Debussys über Boulangers Nachtstück bis zu Faurés Erwachen aus einem Traum. Eingestreut sind La Minute exquise, Hypnos und Retour à Montfort-l’Amaury Dubugnons. Er kann seine Komponiertradition über seinen Lehrer Alain Margoni und dessen Mentor Florent Schmitt bis zu dessen Lehrer Fauré zurück aus dem impressionistischen Kosmos direkt ableiten. Alles fügt sich da zu einem Ganzen. Auch das sensible Begleitspiel des Pianisten Itamar Golan.
Zufall oder nicht: Der französischen Musik der Epoche widmet auch der Oboist Albrecht Mayer ein Album – und erst noch unter dem die Tageszeiten fortsetzenden Titel Bonjour Paris. Zur Seite steht ihm mit der Academy of St. Martin in the Fields (unter der Leitung von Mathias Mönius) allerdings ein ganzes Orchester. Mayer muss auch grösseren Aufwand treiben, um ein Repertoire für sein Instrument zu kreieren, sind doch französische Originalwerke für sein Doppelrohrblatt-Instrument aus der Epoche kaum vorhanden.
Fündig geworden ist er immerhin bei Vincent d’Indy (Fantaisie sur des thèmes populaires français für Oboe und Orchester, op. 31) und Jean Françaix, der 1959 mit L’horloge de flore ein ausgedehntes, originelles Werk für die gleiche Besetzung geschrieben hat. Natürlich hat Mayer auch Debussys Claire de Lune für sich eingerichtet. Zahlreiche weitere Adaptionen füllen die CD, etwa die erste Gymnopädie Saties oder Faurés und Ravels bekannte Pavanes.
Interessant wird die Silberscheibe, die phasenweise etwas in gefährliche Nähe zu unverbindlicher Fahrstuhlmusik rückt, durch ein Originalwerk des 1974 geborenen Gotthard Odermatt. Der Schweizer Komponist und Oboist, der unter anderem an der Kantonsschule Zürich Oerlikon unterrichtet, habe sich, erklärt Mayer im Booklet, vorgestellt, was herausgekommen wäre, hätte Ravel ein Oboenkonzert geschrieben. Von dem dreisätzigen Werk hat bloss der erste den Weg auf die CD gefunden. Er ist inspiriert von Claude Monets Bild «Eté», das heute in der Berliner Nationalgalerie hängt – eine Aneinanderreihung hübscher Ideen über getragener Melodik. (wb)
Albrecht Mayer: Bonjour Paris. Transkriptionen für Oboe & Orchester. Debussy: La fille aux cheveux de lin, Clair de lune; Faure: Pavane, Sicilienne; Francaix: L’Horloge de flore; Odermatt: Ete; Ravel: Pavane pour une infante defunte; d’Indy: Fantaisie; Satie: Gymnopedie Nr. 1; Hahn: A Chloris; Albrecht Mayer, Academy St. Martin. Decca/Universal, Best.-Nr.: 7559308
Janine Jansen: Beau Soir. Werke von Boulanger: Nocturne; Debussy: Violinsonate, Beau Soir, Clair de lune (arr. Roelens); Dubugnon: La Minute exquise, Hypnos, Retour a Montfoft-l’Amaury; Fauré: Apres un reve op. 7 Nr. 1 für Violine & Klavier; Messiaen: Thema & Variationen für Violine & Klavier; Ravel: Violinsonate. Janine Jansen (Violine), Itamar Golan (Klavier), Decca/Universal, Best-Nr. 9618250.