22.12.2010 — Man glaubt, die brasilianischen Sanfoneiros (Akkordeonisten) Sivuca, Luis Gonzaga oder Dominguinhos seien einmal mehr gut drauf, und die Sonne des brasilianischen Nordostens brenne da höllisch auf eine spielfreudige Banda. In Tat und Wahrheit geht hier bei der George Gruntz Concert Jazz Band am 10. April 2010 im vornehmen Luzerner KKL zum Konzert-Einstieg die Post ab.
Verantwortlich dafür ist der italienische Akkordeonist Luciano Biondini, respektive dessen Choro Loco. Die Gruntz-Band, eine der dienstältesten Jazz Big Bands der Welt, ist seit Jahr und Tag ungebrochen kosmopolitisch, frech, energiegeladen und präsent.
Nur innovativ soll sie nicht sein, hat sich sein Gründer und Leader sagen lassen müssen, und das schmerzt ihn. Die nationale Kulturstiftung Pro Helvetia hatte einen Beitrag an eine Russland-Tournee abgelehnt, weil sie kaum Schweizer Musiker in seiner Band auszumachen glaubte und zudem eben der Meinung war, er habe auf der Tournee keine neue musikalische Wege beschritten.
Anfang dieses Jahres hat sich Gruntz anlässlich eines Forums Musikalische Bildung in Baden mit unüberhörbarer Bitterkeit darüber beschwert, und auch das Booklet zu der CD kommt darauf zurück: Pro Helvetia habe nur eine Komposition gefördert. Die heisst nun halt Matterhorn Matters, unter anderem eben, weil die «offensichtlich zufällige» staatliche Kulturförderung eine Beziehung zur Schweiz verlange, heisst es da.
Vor Bundesgericht ist Gruntz mit einer Klage gegen den ablehnenden Entscheid abgeblitzt – weil Qualität und Innovationskraft nicht gerichtlich festgestellt werden könnten, meinten die Richter. Interessant daran ist, dass man aus dem Umfeld der Produzenten der CD hört, einigen Besuchern des KKL-Konzertes solle der Sound der Band denn doch zu modern gewesen sein.
Die CD ist ein Glanzlicht der Schweizer Jazzproduktion in diesem Jahr: souverän, virtuos, mit dem viertelstündigen Matterhorn Matters als gewichtigstem Beitrag – und mit einem basslastigen Blues (Scott and Howard) zum Ausklang: Da steigen die Hörner, die zählen, auch noch in den akustischen Keller. Der Bariton-Saxophonist Scott Robinson zuerst, dann der Tubist Howard Johnson. So etwas muss einem auch zuerst einmal einfallen. (wb)
George Gruntz Concert Jazz Band: Matterhorn Matters, Choro Loco (Luciano Biondini); Artist’s Arteriology (George Gruntz); Matterhorn Matters (George Gruntz); His Master’s Choice (Franco Ambrosetti); My One and Only Love (Guy Wood/Robert Mellin); Too High (Stevie Wonder); Scott and Howard (George Gruntz). Konzertaufnahme aus dem Konzertsaal/KKL Luzern. Eine Koproduktion von Musiques Suisses und Schweizer Radio DRS. MGB CD Jazz 3.
Bezugsnachweis: www.musiques-suisses.ch