08.02.2011 — Musiques Suisses leiht in der Reihe Grammont Portrait sein Ohr in Sachen Vokalmusik für einmal ganz der lateinischen Schweiz. Das Migros-Label präsentiert ein Vokalensemble, das sich jenseits des Röschtigrabens mit einem Engagement für zeitgenössische Werke einen Namen gemacht hat: Das Ensemble vocal Séquence wurde vor 18 Jahren in Genf vom Dirigenten Laurent Gay gegründet. Schnell ist es zu einem wichtigen Teil des Musiklebens rund um den Lac Léman geworden – und zur Advokatin für zeitgenössische Vokalmusik. Auf dieser CD präsentiert es «Vokalwerke des 21. Jahrhunderts» von Komponisten aus der Welschschweiz und dem Tessin.
Sein Engagement für neue Musik dokumentiert das Ensemble mit Ersteinspielungen von Werken aus den Federn von Jean-Sélim Abdelmoula (*1991), Nicolas Bolens (*1963), Xavier Dayer (*1972) und des Tessiner Klarinettisten Sergio Menozzi (*1960). Letzterer steuert eine Transkription von Skrjabin-Klavierwerken für Vokalensemble und solistisch besetztes, das Bassregister betonendes Kammerorchester bei (Ensemble instrumental Séquence). Sie leistet nicht nur mit einer Dauer von rund einer halben Stunde den gewichtigsten Beitrag zum Album. Auch kompositorisch ist es das ambitionierteste Stück.
Es beginnt mit einem veritablen Aufschrei und fächert in der Folge in acht Nummern einen differenziert-poetischen, expressiven Klangkosmos auf, der die menschlichen Stimmen, die Streicher, ein Sopransaxophon, eine Bassklarinette, ein Horn und Perkussion in einem Gesamtklang verschmelzen lässt. Die über die Instrumentalmusik gelegten Texte stammen von russischen Dichtern aus der Zeit Skrjabins.
«Moments musicaux d’aprés Scriabin» gehören zu der Sorte neuer Werke, von denen man wünschte, sie würden – vielleicht gar in der Deutschschweiz? – von andern Interpreten erneut aufgenommen, damit sie in einer Interpretationsgeschichte ihren ganzen Facettenreichtum entfalten können.
Auch im Fluss der andern Werke findet man viel Originelles. In Abdelmoulas «Sonatine», in der Solmisationssilben und andere Textfetzen bloss «aus sprechtechnischen Gründen» und ohne Sinn-Inhalt verwendet werden, erweitern verblüffende Spucklaute das Klangspektrum, Bolens «Ou le Mystère précipité hurlé» lässt zum Einstieg Assoziationen an Stockhausens «Gesang der Jünglinge im Feuerofen» wach werden. Dayer (mit französischer Muttersprache), der in der Deutschschweiz – an der Hochschule der Künste (HKB) in Bern – Komposition und Musiktheorie unterrichtet, überrascht mit kluger Ausdeutung englischsprachiger Sonette des portugiesischen Literaten Fernando Pessoa.
Das Ensemble vocal Séquence präsentiert die Werke unter der Leitung seines Gründers stimmungsvoll, kundig und mit grossem Respekt gegenüber den noch druckfrischen Partituren. Einzelne höhere Partien scheinen nicht immer ganz intonationssicher und lassen manchmal etwas Geschmeidigkeit vermissen. Dem guten Gesamteindruck tut dies aber wenig Abbruch. (wb)
Ensemble vocal Séquence: Créations vocales XXIe siècle. Jean-Sélim Abdelmoula (*1991): Sonatine pour 8 voix; Nicolas Bolens (*1963): Ou le Mystère précipité hurlé pour huit voix a capella, d’après Un Coup de dés de Stéphane Mallarmé; Xavier Dayer (*1972): Sonnet XXI sur un poème de Fernando Pessoa pour sextuor vocal; Sergio Menozzi (*1960): Moments musicaux d’après Scriabine pour 8 voix et 10 instruments. Ensemble vocal Séquence; Ensemble instrumental Séquence; Direction: Laurent Gay. Grammont Portrait CD CTS-M 126. Bezugsnachweis: www.musiques-suisses.ch