12.03.2011 — «Was würden Sie noch tun, wenn Sie nicht komponieren könnten?» – Hans Werner Henze: «Vielleicht komponiere ich nur, um zu verhindern, dass ich es herausfinde, warum ich das tue. – Könnte sein.»
Oft dem Verschweigen näher als dem Ausdeuten, stets reflektierend und zurückhaltend, antwortet Henze auf die Fragen Mirjam Wiesemanns. Ihre einfühlende Art, in der sie neben den künstlerischen auch ganz persönliche Aspekte anspricht, lässt dem Gesprächspartner Raum und Zeit um nachzudenken, zu formulieren. Hin und wieder spricht Henze offen selber Themen an, auch für ihn «unerfreuliche», bringt komplexe Sachverhalte ohne Umschweife auf den Punkt.
Aufgezeichnet wurde das knapp 50-minütige Interview im August des vergangenen Jahres in Henzes Haus in Marino bei Rom. Anlass und Kristallisationspunkt des Gesprächs ist Henzes Requiem, das im Juni 2010 in der Philharmonie Essen im Rahmen des umfangreichen Henze-Projekts live eingespielt wurde. (Die Aufnahme ist erst die zweite des Requiems nach der vergriffenen unter Ingo Metzmacher aus dem Jahr 1994.) Die spannungsintensive und klanglich so brillante wie diffenzierte Interpretation dieses Meisterwerks, bestehend aus neun geistlichen Konzerten (1990–1992) für Klavier solo, konzertierende Trompete und grosses Kammerorchester, unter der Leitung von Steven Sloane ist auf der ersten der drei CDs dieses sorgsam edierten, von einem reich illustrierten 70-seitigen Booklet (dt./engl.) begleiteten Albums festgehalten.
Henze, geboren 1926, gibt Einblick in den Entstehungsprozess seines Requiems, in die künstlerische Arbeit, deren Massstäbe und Vielseitigkeit, sein Engagement am Menschen, an der Natur, die Suche nach dem persönlichen Paradies. Zur Sprache kommen entscheidende Ereignisse aus Henzes Biografie: Rückblick auf ein reiches Leben, ein bewegendes Zeugnis eines bedeutenden Komponisten, Anregers und Förderers.
Auf der dritten CD erweitert das von Mirjam Wiesemann gleichentags und gleichenorts geführte gut 40-minütige Gespräch mit Henzes Assistenten Michael Kerstan die wichtigen Gesichtspunkte: Krisen, Erfolge, Projekte für Kinder und Jugendliche, die Opern «Phaedra» und «Gisela!», Henze als Maler, die Arbeit mit Henze…
Alles in allem vermittelt auch diese Folge der Edition «Künstler im Gespräch», als erste der drei einem lebenden Musiker gewidmet, einen unverstellt persönlichen und berührenden Einblick in das fruchtbare Künstlerleben des Hans Werner Henze. Ein Dokument von Wert, Gewicht und Dauer. (ws)
Hans Werner Henze und das Requiem sowie Aufnahmen mit der Originalstimme von Hans Werner Henze. Mirjam Wiesemann im Gespräch mit Henze und dessen Assistenten Michael Kerstan. – Requiem: Neun geistliche Konzerte (1990–92) für Klavier solo, konzertierende Trompete und großes Kammerorchester. Dimitri Vassilakis (Klavier), Reinhold Friedrich (Trompete), Bochumer Symphoniker, Leitung: Steven Sloane. Liveaufnahme Essen, 2010. (Cybele Records Künstler im Gespräch Vol. 3; KiG 003. 3 SACDs Hybrid Multichannel)