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Hahn spielt Tschaikowsky und Higdon

12.04.2011 — Man kann nicht sagen, dass Neueinspielungen des Tschaikowsky-Violinkonzertes Konjunktur hätten, auch wenn zur Zeit einige auf den Markt kommen oder gerade gekommen sind, denn im Grunde genommen haben sie immer Konjunktur: Sie sind Legion und zeugen von der ausserordentlich hohen Popularität des Werkes. Die amerikanische Geigerin Hilary Hahn hat ihre Variante mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter der Leitung Vasily Petrenkos mit einem Konzert kombiniert, das ihr ihre frühere Lehrerin Jennifer Higdon 2008 auf den Geigenkorpus geschneidert hat. Es ist von der Machart her genauso mehrheitsfähig, ob es sich im Konzertsaal wird durchsetzen können, wird sich allerdings noch weisen müssen. Es erinnert mit seiner exotisch anmutenden Rhythmik etwas an das Konzert des Armeniers Aram Chatschaturjan, von dem Philip Marlowe, der Held des Krimi-Autors Raymond Chandler, irgendwo bemerkt, es töne «wie ein ausgeleierter Keilriemen».

Higdons Konzert wirkt gefällig, klangsubtil, aber in der Motorik manchmal etwas simpel. Die amerikanische Fachwelt schätzt es hoch ein, immerhin ist Higdon dafür der Pulitzer-Preis für Musik zugesprochen worden, der allerdings selber einen nicht unbestrittenen Ruf hat (als 2003 John Adams damit ausgezeichnet wurde, reagierte er eher sarkastisch mit der Bemerkung, er habe viel von seinem Prestige verloren und die besten Komponisten würden von der akademischen Pulitzer-Jury zugunsten akademischer Tonschöpfer übergangen).

Das Tschaikowsky-Konzert gehen Orchester und Solistin hier recht gemächlich an, das Allegro moderato des ersten Satzes mutet eher wie ein Andante an, der Molto-sostenuto-Teil kommt schon fast nicht mehr vom Fleck, die ausnotierte Dynamik wird eher pauschal behandelt, wenn nicht gar ignoriert. Im zweiten Satz überrascht die Geigerin hingegen mit schönen lyrisch ausgehörten Dialogen mit den Holzbläsern (solche Dialogpartien finden sich auch im Konzert Higdons).

Mag sein, dass Hahn da im Bemühen um Rückbesinnung auf Authentisches etwas des Guten zuviel tut: Im Booklet erklärt sie, sie habe als Schülerin die gekürzte und virtuos aufgepeppte Tschaikowsky-Konzert-Variante des Geigers Leopold Auer gespielt, weil sie dessen «Nachbesserungen» als notwendig erachtet habe, nun sei sie zur Originalversion zurückgekehrt. Das Konzert erhalte dadurch einen dramatischen Bogen und eine «ausgeglichenere Vitalität». (wb)

Hilary Hahn: Higdon & Tchaikovsky Violin Concertos. Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Vasily Petrenko (Leitung), Deutsche Grammophon/Universal, Best.-Nr. 477 8777.

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