01.08.2011 — «Der erste Schnee», «Beim Schwingfest», «Tanz der Dryaden», «Stilles Weben der Nacht im Walde» … Gesetzt den Fall, Raff hätte den meisten seiner elf Sinfonien und deren einzelnen Sätzen keine handfesten beschreibenden Titel angeheftet, darf vermutet werden, dass die Rezeption seines Schaffens nachhaltiger gewesen wäre. Obwohl seine im besten Fall zurückhaltend deskriptive Musik nicht in programmatischer Beengtheit gefangen ist, wirken Bezeichnungen wie «An das Vaterland» (Sinfonie Nr. 1), «Im Walde» (Nr. 3), «Lenore» (nach Bürgers Ballade, Nr. 5), «In den Alpen» (Nr. 7) und der Jahreszeiten-Zyklus (Nr. 8 bis 11) zurückgebunden an (spät)romantische Floskeln, an Plüsch und Schwulst.
Doch wer sich ohne Vorurteil hörend befreit von all den blumigen Beschreibungen und einlässlich formulierten Programmen des Komponisten, dessen Intentionen seinerzeit dem Publikum willkommene Verstehenshilfen waren, der freien Entfaltung des musikalischen Gehalts aber hinderlich geworden sind – wer sich auf die Musik konzentriert, entdeckt in Joseph Joachim Raff einen eigenwilligen und in mancherlei Hinsicht originellen Meister in der Nachfolge von Mendelssohn, Berlioz und Liszt.
1822 in Lachen am Zürichsee geboren als Sohn eines Schulmeisters, der sich durch Flucht in die Schweiz der württembergischen Zwangsrekrutierung entzogen hatte, übte sich Joachim früh im Geigen-, Klavier- und Orgelspiel. Er arbeitete als Lehrer in Rapperswil, und autodidaktisch studierte er Musik, sandte seine ersten Kompositionen Mendelssohn, dank dessen Hilfe Härtel & Breitkopf einige Werke druckten.
1845 begegnete Raff in Basel Franz Liszt, der ihn unter seine Fittiche und mit nach Deutschland nahm. Stationen waren Stuttgart (wo er seinen Schüler und nachmaligen Förderer Hans von Bülow kennenlernte), Hamburg und ab 1850 Weimar: Liszt stellte ihn als Privatsekretär an, und Raff übernahm nach dessen Anweisungen auch die Instrumentierung der Klavierparte sinfonischer Dichtungen.
1856 entzog sich Raff den Einflüssen des Weimarer Kreises und der Übermacht der Neudeutschen durch Übersiedlung nach Wiesbaden, wo er als Klavierpädagoge wirkte. Sein Œuvre wuchs nun in raschem Rhythmus; in den 1870er Jahren sicherte es ihm einen Platz unter den meistgespielten Komponisten Deutschlands.
1878 übernahm Raff als Kompositionslehrer die Direktion des Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt am Main, das er reorganisierte und für dessen Lehrkörper er herausragende Dozenten gewinnen konnte, darunter die Pianistin Clara Schumann, den Bariton Julius Stockhausen, den Pianisten und Komponisten Anton Urspruch, den Violinisten Hugo Heermann, den Cellisten Bernhard Cossmann. 1882 erlag Raff einem Herzinfarkt. Um die Jahrhundertwende dann war sein Stern am Verbleichen.
Sein Schaffen – über 200 Opuszahlen – umfasst ein halbes Dutzend Opern, Werke für Chor und Orchester, Instrumentalkonzerte, Kammermusik mit und ohne Klavier (darunter acht Streichquartette, fünf Violinsonaten, vier Klaviertrios), Klavierkompositionen und eine Reihe von Orchesterwerken, in deren Zentrum die elf zwischen 1861 und 1879 entstandenen Sinfonien.
Eines ist unbestritten: Raff zählt zu den brillantesten Experten in Sachen Instrumentation. Beispiel: die Transkription von Bachs Chaconne aus BWV 1004. Seine Beherrschung des grossen Orchesters bis ins Detail des Charakters und der Möglichkeiten jedes Instruments, das Spiel der Klangfarben und deren differenzierte Schattierungen, die Transparenz des Satzes mit ideenreich ausgearbeiteten Nebenstimmen sind nicht zu übertreffen (und tragen über manche schwächer inspirierte Stelle hinweg).
Ein Zweites: Raff erweist sich als Könner der formalen Gestaltung mit untrüglichem Gefühl für prägnante Themen, organische Entwicklung des Materials und dessen satzübergreifende (auch leitmotivische) Verklammerung, kontrapunktische Verdichtung, für Proportionen nach klassisch-romantischem Muster.
Ein Drittes noch: Raff ist kein Tragiker, kein Zerrissener, an sich oder dem Material Zweifelnder. Als charakteristisch erscheint die charmante, hier und dort schwelgerisch naive Melodik und die klare, selten durch Ausweichungen eingetrübte Harmonik. Hugo Riemann monierte «ein gelegentliches Versinken in eine der ästhetischen Kritik feineren Empfindens nicht standhaltende, ins Sentimentale und Liedertafelmässige fallende Melodiösität».
Und Liszt urteilte hellhörig über den jungen Raff: «Sein Stil ist gedrungen, voll reflektiert und reich an glücklichen harmonischen Feinheiten und Wendungen, deren Wagnisse sich jedoch fast immer auf die Basis der Regel zurückführen lassen. […] Raffs Originalität besteht namentlich in dem Wie, mit welchem er die angewandten Elemente vereinigt und assimiliert.»
Joseph Joachim Raff war ein Mann seiner Zeit, mit Temperament und hohem Intellekt, ohne ideologische Scheuklappen Überzeugungen der Konservativen und der Neudeutschen vereinigend. Als Künstler in seiner Epoche hat Raff einen Gegenentwurf geschaffen zu den Entwicklungen und Wirren jener Jahrzehnte (Industrialisierung, Revolutionen, Deutscher Krieg, Deutsch-Französischer Krieg, Kulturkampf, Grosse Depression). Wege weist er erfindungs- und spannungsreich ins einträchtige Private, in die lindernde Idylle. Nicht erstaunlich, dass Raff zu den weithin hochgeschätzten Komponisten zählte.
Die Wiederentdeckung von Raffs vielseitigem Œuvre fördern die seit 1972 bestehende Joachim-Raff-Gesellschaft in Lachen (Schweiz), die Stuttgarter Edition Nordstern mit einer an die Hand genommenen Gesamtausgabe und das Zürcher Label Tudor, dessen Katalog bereits eine Reihe von Aufnahmen des schweizerisch-deutschen Komponisten vorweist.
Zwischen 1999 und 2005 spielten die Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie unter der Leitung von Hans Stadlmair in Koproduktion mit BR Klassik für Tudor Raffs elf Sinfonien ein, dazu die vier gewichtigen Suiten, vier (der zwölf) Ouvertüren, die Rhapsodie «Abends» op. 163b und die Orchestrierung von Bachs Violin-Chaconne. Nun ist das exemplarische, interpretatorisch profilierte Unternehmen in einer die neun CDs versammelnden Box zusammengefasst worden, der ein umfangreiches Booklet beiliegt mit ausführlichen Informationen zu Raff und seinem Schaffen für Orchester. (ws)
Joseph Joachim Raff (1822–1882): The Symphonies. The Suites for Orchestra. Ouvertures («Benedetto Marcello», «Dame Kobold», «Die Parole», Concert-Ouvertüre op. 123). Chaconne von Bach, instr. von Raff. Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie. Leitung: Hans Stadlmair. (Tudor Recording 1600/BR Klassik; 9-CD-Box mit 127-seitigem Booklet, dt./engl./frz; 636’)